Flüchtlingshilfe statt Tango

Normalerweise reist der Ganterschwiler Künstler Patrick Kliebens nach Argentinien, der Tango hat es ihm angetan, im Nahen Osten war er noch nie. Im April wird er mit dem katholischen Diakon von Teufen Stefan Staub und anderen Helfern das Flüchtlingslager Dohuk in Nordirak besuchen.

Chris Gilb
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Patrick Kliebens arbeitet gerne mit seinen Händen, auch bei seinen Keramikarbeiten verzichtet er bewusst auf die Unterstützung eines Drehtellers. (Bild: Chris Gilb)

Patrick Kliebens arbeitet gerne mit seinen Händen, auch bei seinen Keramikarbeiten verzichtet er bewusst auf die Unterstützung eines Drehtellers. (Bild: Chris Gilb)

GANTERSCHWIL. In seiner Werkstatt «Irden.ch» an der Toggenburgerstrasse 28 in Ganterschwil läuft Tango. Patrick Kliebens, der vor zehn Jahren mit anderen Künstlern das ehemalige Fabrikareal als Wohnraum und Werkstatt bezogen hat, bearbeitet gerade eine seiner Schöpfungen aus Keramik. Seine Hände sind dick und doch hat er einen sanften Händedruck. Seine Augenbrauen sind buschig, sein Blick aber hat etwas sanftes, fast scheues. Er ist ein Mann, der sein Leben lang mit dem Körper gearbeitet hat, zugleich aber ein Feingeist, ein Künstler.

Drei Wochen Tango

Kliebens Bruder ist vor vielen Jahren nach Argentinien ausgewandert. Bei einem Besuch haben Kliebens und seine Frau sich in den argentinischen Tanz verliebt. «Einmal haben wir ausschliesslich Tangoferien gemacht. Drei Wochen lang Buenos Aires, von einem Anlass zum anderen: Irgendwann gab es keinen Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht.» Seine Augen strahlen, während er das erzählt. Hier im Toggenburg erschafft Autodidakt Kliebens Gegenstände aus Keramik. Auf einen Drehteller verzichtet er dabei gänzlich. Zu seinem Angebot gehören Vasen, Lavabos, Lampen und sogar ein Kachelofen. Ein Exemplar des Ofens steht in der Scheune des Areals, wo er ein kleines Veranstaltungslokal eingerichtet hat und manchmal zu Livemusik für Gruppen kocht. Wohin Kliebens als Nächstes reist, hat wenig mit Tango zu tun.

Mit seinem Schwager nach Irak

Kliebens Schwager, der Diakon der katholischen Pfarrei Teufen, Bühler, Gais, Stefan Staub, hat ihn gefragt, ob er am 4. April mitgeht ins Flüchtlingslager Dohuk im Nordirak, um den Hilfskonvoi aus Teufen in Empfang zu nehmen. In dem Lager, zwei Stunden von der Regionalhauptstadt Erbil entfernt, leben 650 000 Flüchtlinge unter prekärsten Bedingungen. «Ich weiss selbst noch nicht genau, was mich erwartet und wofür ich während der Woche Aufenthalt gebraucht werde. Vielleicht sind meine handwerklichen Fähigkeiten beim Entladen des Konvois hilfreich», sagt Kliebens. Auch seine Fähigkeit zu improvisieren könnte wahrscheinlich an einem solchen Ort hilfreich sein. Das Thema Flüchtlinge ist jedenfalls nichts Fremdes für den 60-Jährigen. «Früher, als ich noch auf einem Bauernhof wohnte, haben wir auch schon Flüchtlinge für einige Zeit aufgenommen.» Auch in Ganterschwil engagiert er sich in dieser Sache. «Soweit ich weiss, leben aktuell 34 Flüchtlinge in der Gemeinde Bütschwil, Ganterschwil. Das ist nichts, die sieht man nicht einmal, wir könnten viel mehr aufnehmen.» Er zieht einen Vergleich zur autonomen Region Kurdistan in Nordirak. Fünf Millionen Einwohner leben dort mit zwei Millionen Flüchtlingen, fast die Hälfte der Einwohnerzahl also. Er war erstaunt, als er gelesen hat, dass Inge Schmid, die SVP-Gemeindepräsidentin von Bühler AR, mitgeht.

Ein paar Brocken Kurdisch

Die SVP ist gar nicht Kliebens Partei. «Zuerst habe ich einmal vor jedem Respekt, der sich die Situation vor Ort ansieht. Denn nur durch das Kennenlernen können Vorurteile abgebaut werden», sagt Kliebens. Alles andere werde er dann sehen, wenn man sich während der Reise kennenlernt. «Die Idee, vor Ort zu helfen, ist gut, aber genauso müssen wir auf der Balkanroute helfen und den Flüchtlingen hier in der Schweiz.» In die Vorbereitungen des Konvois, die Sammel-Samstage in Teufen also, oder die Sitzungen des Organisationskomitee war Kliebens nicht involviert. Und ist plötzlich doch mittendrin. «Ich habe mir vorgenommen, ein paar Brocken kurdisch zu lernen, lese viel über die Region und sehe mir alles an, was dazu im Fernsehen kommt», erzählt er in seiner Küche, die ans Atelier grenzt. Er hat selbstgemachtes Pesto aufgetischt. Sein Sohn habe gesagt, er solle sich eine Kamera kaufen und alles festhalten, aber er sei einfach kein Fotograf. «Im Urlaub mache ich in den letzten Tagen hundert Fotos, um wenigstens zu Hause etwas zeigen zu können.» Wenn seine Hilfe während des Aufenthalts in Irak gerade nicht gebraucht werde, will er die Zeit nutzen, um sich mit den Flüchtlingen zu unterhalten und mehr über ihre Situation zu erfahren. «Ich reise erstmals in ein arabisches Land, ich war noch nicht einmal in Ägypten.»