Flucht in die Welt der Dementen

Drucken
Teilen
In stimmungsvoller Atmosphäre liest Frédéric Zwicker aus seinem Buch heitere und komisch-tragische Textpassagen vor. (Bild: Marlies Scarpino)

In stimmungsvoller Atmosphäre liest Frédéric Zwicker aus seinem Buch heitere und komisch-tragische Textpassagen vor. (Bild: Marlies Scarpino)

Literatur Lesungen sind im Gare de Lion zwar selten, aber stossen auf Interesse. Das bewies Frédéric Zwicker. In seinem Roman «Hier können Sie im Kreis gehen» beschreibt er lebendig, lustig und tragisch schwindendes Leben.

Thomas Riesen

redaktion@wilerzeitung.ch

Warum sollte sich jemand freiwillig und bei geistig bester Gesundheit als Demenzpatient in ein Pflegeheim einweisen lassen? Er will seiner Enkelin mit 91 Jahren nicht zur Last fallen, hat genug von der Gesellschaft, geniesst neue Freiheiten. Man kann auch ungeniert Mitbewohner ärgern, die man nicht mag. Beantwortet hat Frédéric Zwicker die Frage auf einer Bühne mit viel Kerzenlicht und ein paar Blumen, vor schwarzem Hintergrund und einer roten Beleuchtung. «Etwas morbid», sagt er und führt die Zuhörer in seiner Lesung durch die Welt der Pflegeheime. Die Bühnenstimmung passt zum Einblick in die Welt jener, deren Bewusstsein täglich ein wenig stirbt.

Beobachtungen als Grundlage

Sechseinhalb Jahre dauerte es, bis der fiktive Roman erschien, der gar nicht so fiktiv ist. Er basiert auf Zwickers Beobachtungen als Zivildienstleistender, die er auf Notizzetteln notiert hat – auf dem WC. Und er war sehr oft dort. Die Welt der Pflegeheime ist keine schöne Welt, auch wenn er ihr manchmal humorvolle Aspekte und schöne Momente abgewinnen kann. «Niemand geht im echten Leben freiwillig dorthin», sagt er und lässt keine Zweifel offen: Das Thema ist zu ernst, um sich ohne Recherchen damit zu befassen. Aber es ist real genug, um alle Aspekte anzusprechen, in einer Romanversion. Dann fällt es leichter, menschliche Tragödien oder Sex im Alter zu enttabuisieren.

Eigendynamik des Helden

In der langen Entstehungsgeschichte des Romans hat Johannes Kehr immer mehr an Eigendynamik gewonnen und der ­Autor ist zur Erkenntnis gelangt, dass man die Figur beim Schreiben kennenlernt. Es war eine neue Erfahrung, denn Bücher schreiben hat er autodidaktisch gelernt. Deshalb stört es ihn auch nicht, dass dieser kein Menschenfreund ist und ihn das Ergebnis selber überrascht hat. Er mag ihn trotzdem, weil ihm Johannes Kehr die Gelegenheit bietet, persönliche Beobachtungen zu verarbeiten, und weil er sich viele Freiheiten nimmt.

Die Entwicklung des Helden wurde durch die Arbeitsweise des Autors erleichtert, der ohne fes­tes Gerüst an die Arbeit ging. Bei seinem nächsten Werk soll das anders sein. Doch bis dahin freut sich der vielseitige und kreative Ostschweizer erst einmal über den Erfolg seines Debütromans, der nach vier Monaten bereits in die dritte Auflage geht und international Beachtung fand. Neu wird jedoch der Druck sein. Die Erwartungen sind gestiegen. Auch dieses Thema sprach Frédéric Zwicker an. Er ist sich dessen bewusst, der Autor will aber seinen eigenen Rhythmus beibehalten.