Flucht als Erlebnisparcours

Was erleben Flüchtlinge auf ihrer Reise in ein sicheres Land? Mit dieser Frage setzten sich gestern Sirnacher Sekschüler auseinander. Der Projekttag der Schweizerischen Flüchtlingshilfe verschaffte ihnen zumindest einen vagen Eindruck.

Olaf Kühne
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Sirnacher Sekundarschüler spielen mit Ausbilder Sylvain Agnithey (rechts) Stationen einer Flucht nach. (Bilder: Olaf Kühne)

Sirnacher Sekundarschüler spielen mit Ausbilder Sylvain Agnithey (rechts) Stationen einer Flucht nach. (Bilder: Olaf Kühne)

SIRNACH. «Die Nachfrage nach unserem Angebot ist in den letzten Monaten geradezu explodiert», sagt Clemens Tuor. Er ist Koordinator für Bildungsprojekte bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Gestern war er, mit fünf weiteren Mitarbeitern des Hilfswerks, an der Sirnacher Sek im Einsatz. «Flucht und Asyl», hiess der Titel des Tages, den die Drittklässler im Rahmen ihrer Projektwoche absolvierten – angesichts der aktuellen Flüchtlingsströme ein brennendes Thema. Gespannt lauschten die Sekschüler denn auch den Ausführungen von Jathursan Premachandran. Der srilankische Journalist ist anerkannter Flüchtling und arbeitet als Kursleiter für die Flüchtlingshilfe. In fast perfektem Deutsch fragte er die Teenager, was ein Flüchtling wohl im Gepäck hat. «Wertsachen», wurden unter anderem genannt. Sie sollten auf dem anschliessenden Parcours eine wichtige Rolle spielen.

Petarden und Uniformen

Draussen vor dem Schulhaus mussten sich die Schüler die Augen verbinden. Das Schauspiel begann. Die Kursleiter – inzwischen in Militärkleidung – zündeten Knallpetarden und schrien durch ein Megaphon. Der Bürgerkrieg war in ihrem Dorf angekommen, so das Szenario. Es folgte die Flucht. Schikaniert von Soldaten und Rebellen und ausgenommen von Schleppern – die Wertsachen kamen ins Spiel – kamen die Schüler schliesslich in einem Flüchtlingslager des UNHCR an. Dort waren indes die Lebensmittel knapp; derzeit traurige Realität in Libanon. Die Flucht musste weitergehen.

Fotolabor als Gefängnis

Vor dem Parcours erhielten die Schüler Rollen zugewiesen: alte Frau, junger Mann, gesund oder mit Verletzung. Die Drittklässler hielten sich ans Skript, so gut es eben ging. Der eine oder andere Lacher war zwar immer wieder zu vernehmen. Dem Realismus des Schauspiels tat dies aber keinen Abbruch. Zu gut verstanden es die Kursleiter, den Horror einer Flucht, den sie teils selbst erleben mussten, zu vermitteln. So auch der Togolese Sylvain Agnithey. In der völligen Dunkelheit des schuleigenen Fotolabors, welches zum Gefängnis umfunktioniert war, gelang es ihm, mit aggressivem Schreien und aufblitzender Taschenlampe, den einen oder anderen Schüler in Schrecken zu versetzen.

So erhielten die Sirnacher Sekschüler gestern zumindest eine vage Ahnung, was Menschen, die hierzulande allzu oft als «Asylanten» verschrien werden, auf ihrer beschwerlichen Reise durchmachen mussten.

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