Flawil
Zum Geburtstag rote Zahlen: Spurbar startet trotz Coronaausfällen zuversichtlich ins 21. Jahr

Ein Pfarreizentrum als Kulturtempel. Der Verein Spurbar setzte die Idee 2001 um. Inzwischen hat sich das Kulturangebot längst über Flawils Dorfgrenzen hinaus etabliert. Allerdings ist die «Spurbar» weit mehr, als nur ein Veranstalter von Kabarett- und Comedy-Programmen ist.

Andrea Häusler
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Der Kulturteil ist das eine, die Bar das andere. Diese wird auch als Treffpunkt nach Gottesdiensten oder Firmweganlässen genutzt.

Der Kulturteil ist das eine, die Bar das andere. Diese wird auch als Treffpunkt nach Gottesdiensten oder Firmweganlässen genutzt.

Bild: PD

Clown Dimitri war da, Emil, Mike Müller, Bliss, Helga Schneider, Simon Enzler, Claudio Zuccolini, aber auch Patti Basler und Oropax. Die Aufzählung liesse sich unschwer fortsetzen. Vieles was in der Kabarett- oder Comedyszene Rang und Namen hat, stand bereits irgendwann auf der Bühne des Flawiler Pfarreizentrums. Und weitere stehen in den Startlöchern. «Inzwischen ist es nicht mehr schwierig, Künstlerinnen und Künstler in die Spurbar zu bringen», sagt Pastoralassistent Hans Brändle, der im Vorstand des Spurbar-Vereins für das Kulturprogramm zuständig ist. «Obwohl wir nicht mit einer Eventhalle aufwarten können, sondern einen überschaubaren Raum für rund 250 Zuschauer bieten.»

Nicht erst seit «Corona» die Agenden der Kulturschaffenden leergefegt hat, bekommt der Verein gute Resonanz. «Wer hier war, kommt gern wieder», sagt Brändle. Der Organisation, der Infrastruktur, aber auch der Publikumsnähe wegen. Brändle sagt:

«Wöchentlich erreichen uns zwei bis drei Managementanfragen. Sechs bis sieben Anlässe können wir stemmen – wir haben also eher die Qual der Wahl.»

Die physische «Spur-Bar» und das Kulturprogramm mit vorwiegend nationalen, aber auch regionalen Kunstschaffenden, zieht Saison für Saison ein breites Publikum aus Flawil, der nahen, aber auch weiteren Umgebung an. Hans Brändle spricht von einer Adresskartei mit 1200 Namen. Dabei hatte alles ganz klein begonnen, damals, im Jahr 2001, als während einer ökumenischen Aktivwoche zum Thema «Heisse Spur» die Idee einer Bar als Begegnungsort nach den Veranstaltungen entstanden war.

Für die Bewirtschaftung sollten Gastronomie und Kultur vereint werden. Hans Brändle sagt:

«Die Kirche ist auch ein Teil der Kultur und sie ist facettenreich. Vor diesem Hintergrund wollten wir den Menschen etwas bieten. Und zwar nicht nur jenen, die in unseren Taufbüchern aufgeführt sind.»

«Etwas», das hiess am Anfang Musik. Daniel Hofer, Lehrer und einstiger «Ochsen»-Wirt, kochte und nach dem Essen gab es einen Kulturteil: ein Programm für jeweils zwanzig bis dreissig Personen. Ein erster Entwicklungsschub fand 2007, nach dem Umbau des Pfarreizentrums und der Professionalisierung der Bühneninfrastruktur statt.

Heute stehen mehrheitlich Kabarettisten und Comedians auf der Spurbar-Bühne. «Denn Kirche soll auch Wohlbefinden vermitteln und Humor steht ja für Glück zu Wohlbehagen», begründet Brändle.

Gay-Bashing und ein gebrochener Fuss

Einen konkreten Höhepunkt der vergangenen 20 Jahre vermag er nicht zu nennen. Mike Müller mit seinem ersten Soloprogramms sei speziell gewesen, genauso wie Bliss, die sonst nur in grossen Hallen spielen, oder Oropax. Bei letzteren habe das Management zuerst abgewinkt. Erst der direkte Kontakt zu einem Techniker habe den Auftritt möglich gemacht. Kleine Episoden wie diese kennt Hans Brändle zuhauf. Das Beziehungsnetz sei für den Erfolg schon zentral, sagt er. Noch wichtiger sei aber das Engagement des rund 20-köpfigen Teams der Spurbar und des Vorstands, das allein mit einem jährlichen Nachtessen und einer Kurzreise im 10-Jahres-Turnus entgolten werdeWohin es dieses Jahr geht, ist übrigens noch geheim.

Und wie stehts es mit Flops? An schlecht besuchte Events erinnert sich Brändle nicht, aber an eine denkwürdige Erfahrung: «Als wir vor Jahren Michael von der Heide verpflichteten, erreichten uns Absagen aufgrund seiner sexuellen Orientierung. Das gibt einem zu denken.»

Die Bliss-Männer spielen sonst fast ausschliesslich in grossen Hallen. Am 25. September treten sie, im Rahmen des Jubiläumsprogramms der Spurbar, erneut in Flawil auf.

Die Bliss-Männer spielen sonst fast ausschliesslich in grossen Hallen. Am 25. September treten sie, im Rahmen des Jubiläumsprogramms der Spurbar, erneut in Flawil auf.

Bild: PD

Einmal musste ein Anlass verschoben werden: das Comedyprogramm «Blindflug» von Georg Nussbaumer und Stefan Vögel – im März 2011. Nussbaumer hatte sich den Fuss gebrochen. Sein Bühnenpartner kam gleichwohl und bot ein Gratis-Soloprogramm. Die Kollekte für einen guten Zweck brachte 2500 Franken ein. Und die Tickets behielten für den Ersatzevent im November ihre Gültigkeit.

Rote Zahlen in der zweiten Coronasaison

Finanziell sind die Spurbar-Veranstaltungen stets aufgegangen, es konnten sogar Reserven gebildet werden. Das zahlt sich jetzt aus. Auch dank der Coronahilfen des Kantons habe das Jahr 2020 noch knapp ausgeglichen abgeschlossen werden können. «Dieses Jahr hingegen werden rote Zahlen geschrieben», sagt Brändle. Wobei er zuversichtlich ist, dass die nächsten Veranstaltungen geeignet sind, das Minus vertretbar zu halten. Jedoch seien klar intensivere Bemühungen nötig, um das Publikum zugewinnen.

Existenzängste, wie sie viele Kunstschaffende plagen, kennt der Verein Spurbar nicht: «Wenn die Nachfrage zu gering ist, die Rechnung nicht mehr 0:0 aufgeht, dann hören wir einfach auf.»

Welche Programmwünsche hat Hans Brändle nach 20 Jahren noch offen? Nach längerem Sinnieren nennt er schliesslich Ursus und Nadeschkin. Wiederum ein Komiker- und Kabarett-Duo, das eher auf grossen Bühne zu Hause ist. Aber das waren andere Künstler vor ihrer Premiere in Flawil ja auch.

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