FLAWIL: Wie der Stüdlis-Weiher zum Namen kam

Etwas oberhalb der Schwänbergbrücke, welche die Flawiler Egg mit dem Weiler Schwänberg verbindet, befindet sich ein Wasserkraftwerk mit einer Staumauer, die einen rund 450 Meter langen fjordartigen Weiher bildet.

Johannes Rutz
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Der Stüdlis-Weiher mit Stauwehr 100 Jahre nach dem Bau. Das idyllische Gebilde ist heute ein Stück Flawiler Wirtschaftsgeschichte. Es verkörpert Unternehmergeist und Fortschrittsglauben. (Bild: Johannes Rutz)

Der Stüdlis-Weiher mit Stauwehr 100 Jahre nach dem Bau. Das idyllische Gebilde ist heute ein Stück Flawiler Wirtschaftsgeschichte. Es verkörpert Unternehmergeist und Fortschrittsglauben. (Bild: Johannes Rutz)

Johannes Rutz

johannes.rutz@wilerzeitung.ch

Es ist der Stüdlis-Weiher, der den Wyssbach an dieser Stelle in eine beschauliche Auenlandschaft verwandelt. Das war allerdings nicht immer so. 1917, also erst vor 100 Jahren, entstand das Kraftwerk Schwänberg. Vorher floss der Wyssbach ungehindert durch die enge Schlucht.

Der Name Stüdlis-Weiher erinnert an den Gründer des Kleinkraftwerkes: Johann Ulrich Stüdli (1863–1956). Er war einer der fortschrittlichsten und risikofreudigsten Unternehmer der Region Flawil. Wenn er eine Idee hatte, packte er zu, wie er selbst in seinem persönlich verfassten Lebenslauf schreibt: «Etwas später entschloss ich mich zum Bau des Kraftwerkes am Wyssbach und zur Erstellung der Sägerei in Schachen.»

Baubewilligung wurde rasch erteilt

Solche Entschlüsse konnte man in jener Zeit der ungebrochenen Begeisterung für den technischen Fortschritt rasch umsetzen. Johann Ulrich Stüdli erhielt von der St. Galler Regierung nach nur wenigen Monaten die Bewilligung, obwohl der Besitzer des obenliegenden Kraftwerkes Haslenmühle und derjenige des darunterliegenden Kraftwerkes Kressbrunnenmühle Einsprache erhoben. Gebaut wurde das Kraftwerk von der Firma Schregenberger in Degersheim. Es diente als Energielieferant für seine Sägereien in Schachen und auf der Egg. Das Kraftwerk hat eine Leistung von 110 kW und eine Jahresproduktion von 270000 kWh, was dem Bedarf von rund 60 Haushaltungen entspricht. Johann Ulrich Stüdli lag das Unternehmerische im Blut. Schon als 19-Jähriger erstellte er eine Scheune, kaufte Wald und betrieb Holztransporte mit eigenen Ochsen. Er baute und verkaufte Häuser in der Region und betrieb einen blühenden Handel mit Brennholz. Als er vom glänzenden Geschäftsgang in der Schifflistickerei hörte, wechselte er umgehend in diesen Wirtschaftszweig. Der Erfolg blieb jedoch aus. So kehrte er zum Holz zurück und gründete auf der Flawiler Egg eine Sägerei mit Holzhandlung. Als 1910 die Bodensee-Toggenburgbahn eröffnet wurde, witterte er erneut eine Chance und baute eine zweite Sägerei mit Gleisanschluss im Weiler Schachen.

Fortschritt war sein zentrales Credo

Johann Ulrich Stüdli, der mit seiner Frau Berta Meier sieben Kinder hatte, war in verschiedenen öffentlichen Ämtern und Vereinen aktiv. Fortschritt war sein zentrales Credo. Er bewunderte «Dutti» Gottlieb Duttweiler, den damals stark umstrittenen Gründer der Migros, besuchte 1900 die Weltausstellung in Paris wegen des Eiffelturms als neues Wahrzeichen, fuhr als einer der ersten Flawiler ein Auto, einen «Martini», ein Schweizer Produkt, und nutzte die Wasserkraft für die Elektrizitätsgewinnung. Mit dem «Stüdlis-Weiher» hat dieser umtriebige Mann sein verdientes Denkmal erhalten.

Besitzer des Kleinkraftwerkes

1932 übergab der nun 69-jährige Vater Stüdli seinen beiden Söhnen Walter und Willi sein Geschäft samt dem Wasserkraftwerk Schwänberg. 1960 wurde dieses in die Stüdli Holz AG integriert. 1989 verlangte die bundesrätliche Talsperrenverordnung die Sanierung der Staumauer, was hohen Kosten bei wenig Ertrag bedingt hätte.

Besitzer Konrad Frischknecht, ein Nachfahre von Johann Ulrich Stüdli, vermachte darum das Werk 2004 dem Appenzeller Energie-Verein. Dieser sanierte das Kraftwerk mit Staumauer für 1,3 Millionen Franken, was nur dank Geldern von Sponsoren, Mitgliedern und Gemeinden möglich wurde. Als Folge des heissen Jahrhundertsommers 2003 nahm jedoch die durchschnittliche Wassermenge des Wyssbachs bis zu 50 Prozent ab. Die prognostizierten Kilowattstunden langen weit unter den Erwartungen, was den Verein zwang, das Kleinkaftwerk für 500000 Franken an die St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke (SAK) weiterzuverkaufen.

2026 steht eine weitere Sanierung an

2016 trennte sich die SAK von ihrem kleinsten Wasserkraftwerk Schwänberg mit der Begründung, dass «sie eine Bereinigung ihres Kraftwerksportfolios» vollziehe. Neuer und aktueller Besitzer ist die Firma Idrel AG in Baar, die als Firmenzweck die Planung und den Betrieb von Wasserkraftwerken angibt. Die Konzession für den «Schwänberg» dauert noch bis 2026. Dann steht eine weitere teure Sanierung an. Ob es so weit kommt, wird sich weisen, denn gemäss Urteil von Fach­leuten kann das Kleinkraftwerk Schwänberg keine seriöse Rendite erbringen.