Flawil räumt Endlager des alten Gaswerks: Über 3000 Tonnen belastete Erde werden abgeführt

Die Technischen Betriebe Flawil beginnen im März 2020 mit der Sanierung der Glattböschung in Oberglatt. Auf dem Areal wurde durch das Gaswerk Flawil bis 1969 Steinkohle zu Gas verarbeitet.

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Im achtlöchrigen Retortenofen wurde der Kohle das Leuchtgas entzogen.

Im achtlöchrigen Retortenofen wurde der Kohle das Leuchtgas entzogen.

Quelle: "Flawil in Wort und Bild"/1958)

Die Produktion im Gaswerk Flawil wurde im Jahr 1906 aufgenommen und lieferte hauptsächlich «Leuchtgas» für die rund 1340 Flawiler Strassenlampen. Zusätzlich wurden auch 292 Kochgeräte und bereits 64 Heizungen mit dem damals giftigen Kohlegas beliefert.

Zur Herstellung des Kohlegases wurden pro Jahr über 800 Tonnen Steinkohle am Bahnhof Flawil angeliefert und per Pferdefuhrwerk nach Oberglatt transportiert. Bei der sogenannten «Entgasung» der Steinkohle fielen nebst dem Abfallprodukt «Koks» auch weitere Abfall- und Giftstoffe an. Das «Koks», ein poröser stark kohlenstoffhaltiger Brennstoff mit einer hohen spezifischen Oberfläche, wurde in der Region wiederverkauft. Die restlichen Produktionsabfälle fanden ihr Endlager im Boden unterhalb des Gaswerks und in der Glattböschung.

Im Jahr 1969 stillgelegt

Seit der Stilllegung das Gaswerks Flawil im Jahr 1969 wird im Flawiler Leitungsnetz Erdgas ausgeliefert. Erdgas ist ungiftig und in seinem natürlichen Vorkommen farb- und geruchlos. Damit es im Falle eines Lecks trotzdem wahrgenommen wird, ist Schwefel beigemischt. Dadurch erhält das gelieferte Erdgas seinen typischen schwefligen Geruch, welcher oft «wie faule Eier» beschrieben wird.

Das alte Gaswerk in Oberglatt ist längst abgebrochen. Zurückgeblieben sind rund 3000 Tonnen kontaminiertes Erdreich.

Das alte Gaswerk in Oberglatt ist längst abgebrochen. Zurückgeblieben sind rund 3000 Tonnen kontaminiertes Erdreich.

Bild: rkf

Seit einigen Jahren wird mit der Gasinfrastruktur der Schweiz immer mehr Biogas transportiert. In der Region gibt es grössere Anlagen in Niederuzwil, Münchwilen und Widnau, von wo auch die Flawiler Kunden ihr Biogas erhalten. Die Schweizer Gaswirtschaft will bis ins Jahr 2030 im gasversorgten Wärmemarkt (Gasheizungen) einen Anteil von 30 Prozent Biogas ausliefern.

Über 3000 Tonnen Material

Geblieben ist auf dem Gelände des ehemaligen Flawiler Gaswerks das Endlager im Boden. Im März 2020 beginnen die Technischen Betriebe Flawil nun mit der Altlastensanierung. Für die Erneuerung der Glattböschung wird das entsprechende Waldstück gerodet. Die stark belastete Erde, über 3000 Tonnen Material, wird abgetragen und speziell entsorgt. Nach Abschluss der Arbeiten wird die Böschung wieder aufgeschüttet, aufgeforstet und aus dem Altlastenkataster gelöscht, teilt die Flawiler Ratskanzlei mit. (ahi/rkf)

1250 Grad Ofentemperatur und 28 Kilometer Leitungen

Das Gaswerk, 1906 erbaut, trotzte den Weltkriegen, dem Kohlemangel und der Konkurrenz durch die Elektrizität, erlitt aber auch Rückschläge. Von denen erholte es sich aber, «weil man immer mehr erkennt, wie notwendig die Gasversorgung und ihre Nebenprodukte Koks und Teer für unsere Wirtschaft sind». So wird dem Gemeindewerk im Buch «Flawil in Wort und Bild» gehuldigt, das 1958 aus Anlass des 1100-Jahr-Jubiläums von der Gemeinde herausgegeben wurde.

Weiter steht im genannten Werk von Jakob Leutwyler: «In der lieblichen Talmulde von Oberglatt gelegen, bietet das Gaswerk dem Betrachter von der Staatsstrasse aus einen vollen Einblick in sein Areal. Am meisten fesselt der mächtige Gaskessel mit seinen 900 Kubikmetern Speichervermögen. Der kleine Hochdruckkessel, der bei nur drei Metern Durchmesser 700 Kubikmeter komprimierten Gases zu fassen vermag, nimmt sich neben seinem älteren Kollegen geradezu bescheiden aus.

Das Fesselndste für den Besucher aber ist der Retortenofen im Ofenhaus, in dem der Kohle bei 1250 Grad Wärme das Gas entzogen wird, das dann in einem dichten Leitungsnetz von 28 Kilometern Länge den Haushaltungen von Flawil und Degersheim zuströmt.» (ahi)