FLAWIL: Räben, Kerzen und keine Kaninchen

Hunderte Kinder, kunstvoll verzierte Räben, ein wogendes Lichtermeer, das sich durch die Strassen im Dorfzentrum bewegte: Gestern Abend traf sich Flawil zur Lägelisnacht, deren Auftakt traditionell der Umzug bildet.

Andrea Häusler
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Schmucke Ornamente, lustige Texte, Tiere und menschliche Gesichter - die Schülerinnen und Schüler hatten ihrer Kreativität beim Verzieren der Räben und Kürbisse freien Lauf gelassen. (Bild: Andrea Häusler)

Schmucke Ornamente, lustige Texte, Tiere und menschliche Gesichter - die Schülerinnen und Schüler hatten ihrer Kreativität beim Verzieren der Räben und Kürbisse freien Lauf gelassen. (Bild: Andrea Häusler)

Andrea Häusler

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch

Es ändern die Kinder, die Gesichter, deren Umrisse sich im warmen Schein der Räbenlichter abzeichnen, die Namen der Mandatsträger an der Umzugsspitze, die Melodien der Harmoniemusik und es variiert das Wetter. Ansonsten ist das Bild, das am Dienstagabend nach Othmar Flawils Strassen prägt – ungeachtet der hin und wieder geänderten Route – stets dasselbe: seit 1927. Zumindest fast, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt.

Raketen wie die Sowjets in Moskau

Vor 50 Jahren schrieb die «Wiler Zeitung»: «Der Lägelisnachtumzug, der wiederum vom Vorstand des Verkehrsvereins unter der Leitung von Hans Flury durchgeführt worden war, stand unter einem guten Stern. Das Wetter war nicht allzu kalt, es windete und es regnete nicht.» Der Autor schrieb von einem «vollen Erfolg» der Veranstaltung, übte aber auch Kritik: «Die Ordnung im Zug liess zu wünschen übrig». Dafür wurden die Zaungäste mit «Arrangements aus Tannenzweigen, verschiedenen Vehikeln, Weinfässern und Standbildern» entschädigt. «Es fehlte aber auch nicht an ausgefallenen Bildern und modernen Sujets», heisst es weiter. «Ein Knabe führte sogar Kaninchen mit und ein anderer zeigte – wie die Sowjets in Moskau – Raketen.»

Gestern jährte sich die Flawiler Lägelisnacht also zum 90. Mal. Wie 1967 war das Wetter «nicht windig und nicht allzu kalt», formierten sich die Kinder mit ihren Räbenlichtern und Gefährten zum Umzug, verfolgte viel Publikum das Geschehen entlang der Strassen. Der Brauch hat nichts von seiner Bedeutung, seiner Beliebtheit eingebüsst. Trotz oder gerade wegen der Schnelllebigkeit der Zeit, ungeachtet der Einflüsse der Globalisierung auf die Gesellschaften.

Grillwürste, Blasmusik und Handy-Blitze

Um Punkt 18.40 Uhr ging in Flawils Zentrum die Strassenbeleuchtung aus, Schau- und Stubenfenster verdunkelten sich. Leben erfüllte die Bahnhofstrasse. Beim Grillstand vor dem Blumengeschäft Eggenberger hatte sich eine Warteschlange gebildet - der Duft von Bratwürsten lang in der Luft. Derweil hatten sich die Schülerinnen und Schüler mit ihren mit Reisig ausstaffierten Leiterwagen auf der Westausfahrt am Bahnhof eingefunden, zündeten die letzten Kerzen an, rückten maskenhaft grinsende Kürbisköpfe zurecht, entwirrten die Schnüre, an denen dutzendweise geschnitzte Räben baumelten. Einer der Instrumentalisten spielte die Tonleiter hinauf und herunter. Bis das Geräusch eines herannahenden Zuges die Töne geschluckte. Weitere Bläser stimmten ein, liessen unterschiedlichste Melodien anklingen – ein wahrer Ohrenschmaus war dies nicht.

Nach der Lichter- die Feuerschau

Dann endlich setzte sich der Lichterzug in Bewegung, tauchte die Umgebung in ein weiches, orangefarbenes Licht. Es war, trotz Hunderten von Menschen, erstaunlich still. In flottem Tempo ging es in Richtung Bahnhofstrasse. Vorbei an den zahlreichen Schaulustigen. Einige applaudierten, andere hatten ihre Handys gezückt, versuchten die Szenerie im Bild festzuhalten. Mit unterschiedlichem Erfolg.

Später traf man sich in die Restaurants oder im Kulturpunkt, der für diese Nacht eine Feuerschau angekündigt hatte.