FLAWIL: Pizzeria-Stühle für Paella-Lokal

Vor 50 Jahren bot er Gastarbeitern ein Stück Heimat in der Fremde. Heute vereint der Spanische Club Flawil ein multikulturelles Publikum, dem die Liebe zur spanischen Kultur und der südländischen Küche gemein ist.

Andrea Häusler
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Sie haben das «Centro Español» in diesem Vereinsjahr gepachtet: Erika Zogg und Rosanna Gräzer (v.l.). (Bild: Andrea Häusler)

Sie haben das «Centro Español» in diesem Vereinsjahr gepachtet: Erika Zogg und Rosanna Gräzer (v.l.). (Bild: Andrea Häusler)

Andrea Häusler

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch

In der Gartenwirtschaft des «Centro Español» herrscht Hochbetrieb. Wie fast jeden Samstagmittag – bei schönem Wetter. Dann füllen sich die Holzbänke unter den Sonnenschirmen mit einem inter­nationalen Publikum: Flawiler, ­Griechen, Tibeter, Italiener und natürlich Spanier. Wobei die spanischen Gäste in der Minderheit sind, wie Felix Weber weiss. Er ist lange dabei, hat das Lokal zwischen 2004 und 2006 auch als Pächter geführt. Und er erinnert sich an die Wurzeln, auf denen der heutige Verein und das «Centro» an der Mühlegasse gründen. «Ursprünglich», erzählt er, «haben sich die Gastarbeiter aus Spanien im Café Keller getroffen und dort Wochenende für Wochenende Karten gespielt. Nicht immer zur Freude ihrer Familien . . .»

Der heutige Verein wurde 1967 gegründet. Initiiert von der katholischen Kirche Flawil, die anfänglich auch den Clubraum zur Verfügung stellte. Erst 1975 dislozierte der Verein in das heutige Gebäude der Resta AG.

Konkurrenz zu den traditionellen Restaurants

Primäres Ziel des spanischen Vereins Flawil war es seit jeher, die spanische Kultur aufrechtzuerhalten und die Integration der Spanier in Flawil zu fördern. Nicht nur mit dem Clublokal als Treffpunkt und Vereinsaktivitäten, sondern auch als Anlaufstelle, wenn es um Übersetzungen oder Behördengänge geht.

Hehre Anliegen. Nichtsdestotrotz ging es vor allem Ende der 70er-Jahre nicht immer nur harmonisch zu und her. Felix Weber entsinnt sich der Querelen mit der eingesessenen Gastronomie, die dazu führten, dass den Schweizer Gästen der Zutritt zum «Centro» verwehrt wurde. Ausser: Sie waren Clubmitglieder. «Fünf Franken kostete der Beitrag damals», sagt Felix Weber. Nicht viel, aber auch nicht ganz so wenig. «Angesichts dessen, dass es damals für eine Zehnernote noch ordentlich viel zu trinken gab.»

Heute zählt der Spanische Verein 115 Mitglieder. Rund die Hälfte davon sind Schweizerinnen und Schweizer. «Die Mitgliederzahl ist höher als auch schon, wenn auch tiefer als in den Anfängen», sagt Weber. Den Aufwärtstrend begründet er vor allem mit dem steigenden Interesse junger Spanier. Zudem seien viele Gastarbeiter, die noch vor ihrer Pensionierung in die Heimat zurückgekehrt waren, wieder in Flawil oder der Umgebung wohnhaft. Als Konsequenz der wirtschaftlich schwierigen Situation in Spanien», wie Peter Gräzer weiss. Der Flawiler ist mit einer Spanierin verheiratet und seine Tochter Rosanna ist – gemeinsam mit Erika Zogg – Betreiberin des «Centro». Eine intensive Aufgabe, obwohl oder gerade weil der Gastronomiebetrieb nur am Freitagabend, Samstag und Sonntag geöffnet hat. «Es braucht viel Anstrengung, um das Lokal, das jährlich neu zur Pacht ausgeschrieben wird, rentabel zu führen», macht Grätzer deutlich.

Ein Stammtisch für das Clublokal

In Sachen Rentabilität sind die «Spanierclübler» gebrannte Kinder. Peter Gräzer verhehlt nicht, dass der Betrieb vor rund zehn Jahren schlecht dagestanden hatte, das Clubleben nahezu zum Erliegen gekommen war. Erst die Erneuerung des Vorstands habe jene Renaissance eingeleitet, von der man noch heute profitiere.

Zum 50. Geburtstag hat sich der Verein ein ganz zufälliges Geschenk gemacht. Der Club hat die Stühle der «Sardegna» übernommen. Zudem erhält das Lokal neu einen Stammtisch. Denn am 17. September ist «Ustrinkete» in der Pizzeria am Flawiler Bahnhofplatz. Schon im Oktober wird das Gebäude abgebrochen.