FLAWIL: Ortsmuseum erhält unbezahlbaren Schatz

Kurt Anderegg war ein leidenschaftlicher Sammler von Postkarten und Dokumenten. Während 50 Jahren kaufte er Abbildungen von Flawil. Die Sammlung des im vergangenen Jahr Verstorbenen übergab seine Gattin Margrit nun an das Ortsmuseum.

Zita Meienhofer
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Die Postkarte von Flawil mit dem Briefträger und der aufgeklebten Tasche war ein von Kurt Anderegg besonders begehrtes Objekt.

Die Postkarte von Flawil mit dem Briefträger und der aufgeklebten Tasche war ein von Kurt Anderegg besonders begehrtes Objekt.

Zita Meienhofer

zita.meienhofer@wilerzeitung.ch

Die Freude ist ihm nicht anzusehen, aber sie ist zu spüren. Auch der Treffpunkt weist auf einen speziellen Anlass hin: die historisch wunderschön erhaltene Ottiker-Stube im Ortsmuseum Lindengut in Flawil. Urs Schärli, Präsident des Vereins Ortsmuseum Flawil, öffnet einen guten Tropfen, denn es gilt anzustossen. Anzustossen auf einen unbezahlbaren Schatz, der auf dem Tisch in der Ottiker-Stube steht. Dieser Schatz stammt von Kurt Anderegg, einem Ur-Flawiler und leidenschaftlichen Sammler. In den vergangenen 50 Jahren hat er seine erstandenen Postkarten und Dokumente über Flawil fein säuberlich beschriftet, teilweise Fotos von aktuellen Ansichten gegenüber gestellt und somit Veränderungen des Dorfes festgehalten. Im September 2016 ist Kurt Anderegg, 86-jährig, verstorben. Er äusserte vor seinem Hinschied den Wunsch, die Sammlung möge doch später ins Ortsmuseum Flawil gelangen. Damit sei auch garantiert, dass sie zusammen bleiben werde. Die Hinterbliebenen erfüllten ihm diesen Wunsch und seine Gattin Margrit Anderegg brachte die Sammlung ins Museum. Vertraglich wurde dieser Kauf nun besiegelt. Zum Preis sagt Urs Schärli nur so viel: «Es ist ein Handel zu äusserst fairen Konditionen.»

Sammlung ist einmalig und ein Glücksfall

27 Ordner mit je rund 200 Postkarten oder Dokumenten stehen auf dem Tisch in der Ottiker-Stube. Margrit Anderegg erzählt von der Leidenschaft ihres Gatten. Sie hat ihn regelmässig begleitet, die Geschichten um und über die Karten vor Ort erfahren. Während 50 Jahren habe er gesammelt, sei oft bereits am Samstagmorgen um fünf Uhr beim Bürkliplatz in Zürich gewesen, um auf dem bekannten Flohmarkt rechtzeitig die für ihn begehrenswerten Karten zu ergattern. Im Grossen und Ganzen habe er das Wochenende genutzt für den Besuch von Flohmärkten und um Baustellen zu besichtigen. Baustellen und bauliche Veränderungen waren seine zweite Hingabe. Er, dessen Eltern in Flawil ein Maurergeschäft besassen und der später im Aussendienst für einen Baustofflieferanten tätig war, hielt fest, was sich in Flawil tat. Er dokumentierte es mit Fotos und notierte die wichtigsten Begebenheiten darunter. In einem Teil seiner Ordner sind deshalb solche Veränderungen an einzelnen Häusern, Häuserzeilen oder in Dorfteilen bildlich und schriftlich festgehalten. «Eine Sammlung in dieser Art ist etwas Einmaliges, sie ist ein Glücksfall», sagt Urs Schärli. Kurt Anderegg habe über Jahre hinweg gesammelt und seine Sammlung mit Neuem, Vergleichbarem ergänzt. Ebenfalls als einmalig bewertet Schärli die Tatsache, wie Anderegg die Postkarten und Dokumentationen aufbewahrt hat. «Alles kann von den Fotokartons gelöst werden, da er die Ansichten mit Fotoecken befestigt hat.» Und letztlich existiert sogar ein Verzeichnis der Kartensammlung, das Felix Bossart angefertigt hat. Bossart hat zudem auch noch Pläne erstellt, worauf die abgebrochenen Liegenschaften Flawils eingetragen sind.

Stickmotivkarten und Familiendokumente

Fünf Ansichtskarten von Flawil älteren Datums waren ausschlaggebend für Kurt Andereggs spätere Leidenschaft. «Seine Mutter war im Besitz dieser Karten. Kurt befand, dass doch eigentlich noch viele mehr existieren müssten», erzählt Margrit Anderegg. Er hat sich auf die Suche nach weiteren Objekten gemacht und diese Suche erst mit seinem Hinschied beendet. Margrit Anderegg war zwar sehr in seine Sammlertätigkeit involviert, hatte Freude daran, doch behalten wollte sie die Ordner nicht. Ihre Erinnerungen an Anekdoten erwachen mit dem Blättern in den Ordnern. Da sind die Postkarten mit den gestickten Blumenmotiven. Für eine dieser Karten musste Kurt Anderegg 120 Franken zahlen. Den höchsten Betrag, den er jemals für ein Exemplar bezahlt hatte. Dann ist da jene mit dem Postboten darauf. Margrit Anderegg schmunzelt und beginnt zu erzählen (siehe separater Text).

In einigen dieser 27 Ordner befindet sich die von Kurt Anderegg erarbeitete Chronik der Familie Gehrig, jener Familie, aus der seine Mutter stammte. Noch heute sind Gehrigs auf diesem Hof an der Burgauerstrasse beheimatet. Die Chronik enthält einige Raritäten, Dokumente, die üblicherweise im Abfall verschwinden. Da ist ein Schulzeugnis von Luisa Gehrig aus dem Jahr 1872 oder der Kaufbrief einer Liegenschaft, datiert vom 14. Juni 1892.

Ausstellung der Sammlung Anderegg wird vorbereitet

Nun, was passiert mit Kurt Andereggs Sammlung im Ortsmuseum Flawil? Vorerst werde alles archiviert, erklärt Urs Schärli. Zudem wird versucht, diejenigen Personen zu eruieren, die auf den Fotos nicht beschrieben sind. Im einem weiteren Schritt werden die Dokumente und Ansichtskarten digitalisiert. Und, möglichst bald soll die Bevölkerung Einblick in diese Sammlung bekommen. Urs Schärli rechnet damit, dass eine Ausstellung im Jahr 2019 allenfalls im 2020 realisiert werden könnte. Es sei letztlich ihr Auftrag, Dokumente, die eine Bedeutung für Flawil haben zu retten, so Schärli, oft sei das aber nur dank persönlichen Kontakten möglich. So war es auch beim ersten Schatz, den Schärli von Anderegg erhalten hatte. Dieser drückte, kurz vor seinem Tod, sein «Schatzkästchen» mit Sammlerobjekten in Schärlis Hand.

Hinweis

Die Bilder ohne Autorenhinweis stammen aus der Sammlung von Kurt Anderegg.