FLAWIL: Mit Feuer bei der Sache statt ausgebrannt

Nie hätte Jörg Gabriel gedacht, dass er einmal von einem Burn-out betroffen sein könnte. Nun hat er es überwunden. Dazu musste er aber einiges ändern. Engagiert ist der Kreisrichter nach wie vor. Sogar am Sonntag. Dann hilft er jeweils freiwillig im Walter-Zoo mit.

Ursula Ammann
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Jörg Gabriel hört und achtet heute besser auf sich. Professionelle Hilfe hätte er rückblickend früher in Anspruch genommen. (Bild: Ursula Ammann)

Jörg Gabriel hört und achtet heute besser auf sich. Professionelle Hilfe hätte er rückblickend früher in Anspruch genommen. (Bild: Ursula Ammann)

Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Früher hat es Jörg Gabriel Angst gemacht, nicht der Erste im Büro zu sein. Heute geht er zwar immer noch zeitig zur Arbeit, aber es macht ihm nichts mehr aus, wenn einer vor ihm da ist. Früher konnte er in der Nacht oft kein Auge zutun, weil er darüber grübelte, was er den Tag hindurch alles falsch gemacht hat. Heute schaltet er abends ab oder einfach den Fernseher an, wenn er einmal nicht schlafen kann. Mit «früher» hat Jörg Gabriel abgeschlossen. Und im «Heute» geht es ihm gut.

Nach mehreren 100 Bewerbungen wieder Arbeit

Vor zwei Jahren befand sich der Flawiler an einem Tiefpunkt seines Lebens. Burn-out. «Ich hätte nie gedacht, dass mich das einmal betrifft», sagt der 55-Jährige. Lange habe er es sich nicht ein­gestehen wollen. «Der starke ­Gabriel hat so etwas nicht», sagte er immer wieder zu sich. Bis bei einer Sitzung seine Hände unter dem Tisch stark zu zittern be­gannen und nicht mehr damit aufhören wollten. Damals läuteten bei ihm die Alarmglocken und er nahm professionelle Hilfe in Anspruch. «Im Nachhinein», sagt Jörg Gabriel, «hätte ich das schon vorher tun sollen.» Das rät er auch jedem, der sich in einer ähnlichen Situation befindet. «Besser auf sich hören und ­achten», ist eines der zentralsten Dinge, die er bei einem Klinik­aufenthalt gelernt hat und im ­Alltag auch umsetzen kann. Es plagt ihn kein schlechtes Ge­wissen mehr, wenn er mit 39 Grad Fieber zu Hause bleibt oder wenn er ein privates Treffen absagt, weil ihm überhaupt nicht danach ist.

Vor eineinhalb Jahren hat der gelernte Kaufmann eine neue Stelle angetreten. Ein Vollzeitjob, der ihm zwar schon einiges abverlangt hat, aber auch Freude bereitet. Bei seinem vorherigen Arbeitgeber hatte er gekündigt, als sein Burn-out offiziell wurde. Nach 35 Jahren in der gleichen Firma. Die Jobsuche war aufgrund seines Alters alles andere als einfach. Mehrere 100 Bewerbungen musste Jörg Gabriel schreiben. In jener Phase war er noch im Krankenstand.

Über die ganze Zeit hinweg ausgeführt hat er jedoch sein Amt als Laienrichter am Kreis­gericht Wil. Eine Aufgabe, die ihm «Plausch» mache, wie er sagt. Genauso wie jene als Prüfungsexperte für kaufmännische Berufe. Aus der BDP St. Gallen, an deren Spitze er sich lange Zeit engagierte, ist Jörg Gabriel mittlerweile ausgetreten, da er sich mit der Führung auf nationaler Ebene nicht mehr identifizieren konnte. Dafür ist er jetzt Mitglied bei der FDP Flawil.

Der Sonntags-Chüngel-Chef und seine Aufgaben

Engagiert ist der 55-Jährige also nach wie vor. Auch nach seinem Burn-out. Neben seinem Vollzeitjob hilft er am Sonntag jeweils als Freiwilliger im Walter-Zoo in Gossau aus. Nachdem er anfangs verschiedene Einsätze auf dem Gelände leistete, hat er seine Bestimmung nun bei den Kaninchen gefunden. Ausmisten, füttern, Gehege-Pflege, aber auch das ­Abfallkübelleeren gehört zu ­seinen Aufgaben. Wenn Jörg ­Gabriel von dieser neuen Tätigkeit als «Sonntags-Chüngel-Chef» erzählt, gerät er nahezu ins Schwärmen. Nicht nur der Umgang mit den Tieren erfüllt ihn, auch jener mit den Zoo­angestellten. «Im Gespräch mit ihnen kann man so viel über die verschiedensten Tiere erfahren», sagt er. Jörg Gabriel ist überzeugt: Wer nichts tut, der ist vor einem Burn-out auch nicht sicher. Wichtig sei aber, «mehr bei sich zu sein und sich nicht selbst unter Druck zu setzen».

Vor gut zwei Jahren hat Jörg Gabriel zusammen mit einem Kollegen eine Selbsthilfegruppe für Burn-out-Kranke gegründet. Er hat diese aber schnell wieder verlassen. Das Diskutieren mit anderen hat ihm nicht geholfen. Er musste seinen eigenen Weg finden. Eine Stütze war ihm dabei sein Umfeld. Zum Beispiel seine Kinder, von denen er zwar getrennt lebt, aber zu denen er ­einen guten Kontakt pflegt. Der Freundes- und Bekanntenkreis habe mehrheitlich verständnisvoll auf sein Burn-out reagiert, sagt Jörg Gabriel. «Es gab aber auch solche, die sich nicht mehr meldeten, weil sie mich in Ruhe lassen wollten», fügt er an. An­dere seien ihm ausgewichen. «Dieses Wegschauen kann für ­einen Betroffenen sehr verletzend sein.» Doch er habe sich auch schon die Frage gestellt, wie er mit einem Burn-out-Kranken umgehen würde, wenn er selbst nicht darunter gelitten hätte. Das sei wohl gar nicht so einfach zu beantworten. Jörg Gabriel hadert aber nicht mehr mit vergangenen Ereignissen. Früher war früher. Heute ist heute.