Flawil/Degersheim
Baubeginn: Wasserkraftwerk Talmühle soll Strom für 50 Haushalte liefern

Am Wissbach ist die Erneuerung zweier Kleinwasserkraftwerke geplant. Es handelt sich um das Werk Talmühle beim Grenzweiher neben dem Restaurant Kantonsgrenze zwischen Degersheim und Herisau sowie um das Werk Schwänberg zwischen den Weilern Egg und Schwänberg. Jetzt tut sich was.

Johannes Rutz
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Das Turbinenhaus des Kleinwasserkraftwerkes Schwänberg bei der alten gedeckten Brücke.

Das Turbinenhaus des Kleinwasserkraftwerkes Schwänberg bei der alten gedeckten Brücke.

Bilder: Johannes Rutz

Beide Kraftwerke gehören der Firma IDREL SA in Baar. Die Firma wurde 2010 gegründet mit dem Ziel, Wasserkraftwerke zu erwerben, zu betreiben und zu erneuern. Geschäftsführer ist Ingenieur Fernando M. Binder, der sich seit vielen Jahren mit dem Wasser- und Kraftwerksbau beschäftigt.

Für die Förderung erneuerbarer Energien im Sinne der geplanten Energiewende sind Kleinwasserkraftwerke wichtig. Sie liefern 10 Prozent der gesamten schweizerischen Wasserkraftproduktion. Aus ökologischen und landschaftsschützerischen Gründen ist es jedoch kaum mehr möglich, neue Kleinwasserkraftwerke zu bauen. Umso wichtiger ist es, die bestehenden Anlagen effizienter zu machen. So wird mit dem vorgesehenen Umbauprojekt bei der Talmühle die Bruttoleistung um 60 Prozent gesteigert.

Talmühle: Endlich Baubeginn

Mitte Dezember 2020 konnte endlich mit den Bauarbeiten am Kleinwasserkraftwerk Talmühle begonnen werden. Dies, nachdem das Werk seit bereits elf Jahren im Besitz der Firma IDREL ist. Die Baubewilligung war jedoch eine diffizile Angelegenheit, musste sie doch von zwei Kantonen und zwei Gemeinden erteilt werden, wie Binder schildert. Ebenfalls schwierig gestaltete sich die Finanzierung der 800‘000 Franken Investitionskosten. Sie erfolgt zu einem grossen Teil aus Eigenmitteln der Firma. Die Höhe des Hypothekardarlehens war ein weiterer Knackpunkt. Gewünscht worden wäre eine höhere Hypothekarquote, aber die Banken zeigten sich restriktiv.

Die Staumauer beim Grenzweiher, von der Brücke bei der Kantonsgrenze (mit Grenzstein) bei Degersheim her gesehen. Hier entsteht das neue Kleinwasserkraftwerk Talmühle.

Die Staumauer beim Grenzweiher, von der Brücke bei der Kantonsgrenze (mit Grenzstein) bei Degersheim her gesehen. Hier entsteht das neue Kleinwasserkraftwerk Talmühle.

Der Strom geht ins Netz der St.Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke (SAK) zu den Bedingungen der kostendeckenden Einspeisevergütung. Damit können die Investitionen grösstenteils gedeckt werden. Es wird mit einer mittleren Jahresproduktion von 195‘000 kWh gerechnet, was dem Bedarf von rund 50 Haushaltungen entspricht.

Neu als Wehrkraftwerk

Das Kraftwerk wird neu als Wehrkraftwerk konzipiert. Das bedeutet, dass der Maschinenraum mit den beiden Durchströmturbinen direkt an die Staumauer angebaut wird. Damit entfällt die Druckleitung, die das Wasser über einige hundert Meter zum Gebäude der Talmühle leitete. Dort war eine Mühle von 1701 bis 2006 in Betrieb, zuerst als Kundemühle, dann als Handelsmühle. Das Wasserrad trieb aber auch eine Sägerei und eine Obstpresse an.

Vorteile der Wasserkraft

«Kleinwasserkraft ist ein wichtiger Teil der Energiestrategie 2050, denn nur sie kann bei bewölktem Himmel, bei Regen und während der Nacht dezentral Strom ins Netz einspeisen. Um Spitzen zu brechen, kann die Leistung der Turbinen gedrosselt oder vorübergehend ganz vom Netz genommen werden. Das sind unschätzbare Vorteile der Wasserkraft.»

Fernando M. Binder, Geschäftsführer IDREL SA

Nach der neuen Konzeption wird das Wasser mittels eines Horizontalrechens gefasst und über eine kurze Druckleitung zu den Turbinen geleitet. Der Rechen verhindert auch, dass Fische in die Turbinen geraten. Eine Stauklappe verschliesst die Öffnung im Wehr und leitet bei Hochwasser das Geschiebe weiter. Eine darin vorgesehene Kerbe dient als Fischabstieg. Über eine Rutsche gelangen die Fische ins Unterwasser.

Verlandung des Grenzweihers

Der Stausee, im Volksmund «Grenzweiher» genannt, wird, da keine Mühle mehr betreiben wird, nicht mehr gebraucht. Die alte Staumauer kann jedoch nicht zurückgebaut werden, da der Kanton befürchtet, dass ohne diese die Hänge nachrutschen könnten. Die Verlandung wird gefördert, sodass sich die Auenlandschaft weiterentwickeln kann. Das Gebiet ist bereits ein Habitat des Bibers. Das Ziel ist, so Fernando Binder, ein Miteinander von Stromgewinnung und Naturschutz. Es soll ein «stilles Naturschutzgebiet» werden, welches als Rückzugsgebiet für Tiere dienen soll und darum für die Öffentlichkeit nicht erschlossen wird.

Schwänberg: Verbesserungen nötig

Das zweite Werk der Firma IDREL SA ist das Kleinwasserkraftwerk Schwänberg, das ebenfalls vor einer umfassenden Sanierung steht. Es handelt sich im Gegensatz zum Werk Talmühle um ein Ausleitkraftwerk. Das bedeutet, dass zwischen dem Stausee, dem Stüdlisweiher und dem Turbinengebäude eine längere Druckleitung nötig ist. Noch bis 2026 läuft die Konzession des 1916 in Betrieb genommenen Werkes. In diesem Jahr werden mit Spezialisten Vorabklärungen vorgenommen. Das Ziel ist es, so Binder, die Anlage auch nach 2026 weiter betreiben zu können. Zwingend wird es jedoch sein, die Probleme mit hohen Reibungsverlusten in der Zuleitung zu lösen.

Dazu gehören die schlechten Einlaufbedingungen bei der Wasserfassung und die zu kleine Druckleitung. Dadurch verliert die Anlage 20 Prozent von den 17,8 Metern Fallhöhe, was sehr viel ist. Dadurch kann die Anlage anstatt der 110 kW projektierten Leistung lediglich 80 kW erreichen. Ein weiteres Problem ist der Seilrechen, der ständig verklemmt und manuell deblockiert werden muss.

Durchschnittliche Jahresproduktion: 270'000 kWh

Die Jahresproduktion des Werkes Schwänberg beträgt durchschnittlich 270‘000 kWh, was dem Bedarf von rund 70 Haushaltungen entspricht. Die Schwankungen zwischen trockenen und nassen Jahren liegen im Bereich von plus 35 Prozent und minus 25 Prozent. Das entspricht den Erwartungen bei kleinen Einzugsgebieten in den Voralpen. Das Jahr 2020 entsprach mit seiner Produktion einem Mitteljahr.