Flawil
Freud und Leid von der Seele geschrieben: Helga S. Giger formte aus ihren Liedern und Gedichten eine Biografie

Helga S. Giger wuchs im Deutschland des Zweiten Weltkrieges auf. Wurde später dreifache Mutter, Geschäftsfrau und Kabarettistin. Während des Lockdowns schrieb sie ihr zweites Buch – eine Biografie, in die einige ihrer vielen Gedichte und Lieder eingewoben sind.

Zita Meienhofer
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Helga S. Giger sagt über ihr neues Buch «Zufluchten»: «Es ist meine innere Biografie.»

Helga S. Giger sagt über ihr neues Buch «Zufluchten»: «Es ist meine innere Biografie.»

Bild: Zita Meienhofer

Einmal möcht ich «Halt» noch rufen:
«Verweile doch, du bist so schön.»
Einmal kurz des Teufels Stufen,
einmal lang den Himmel sehn.

Das Bild auf dem Umschlag hat eine besondere Geschichte.

Das Bild auf dem Umschlag hat eine besondere Geschichte.

Bild: PD

Mit diesem Vers endet das Lied, das Helga S. Giger als «Mein kleiner Faust» betitelte. Vier Verse, in denen sie Glücksmomente andeutet, die verdeutlichen, dass solche besonderen Augenblicke schnell – zu schnell – entschwinden.

Das Tagebuch in eine Biografie verarbeitet

Glücksmomente und Tiefschläge hat Helga S. Giger erlebt und durch das Schreiben diese schwierigen Situationen in ihrem Leben verarbeitet – soweit das möglich ist. Sie sagt:

«In gewissen wichtigen Zeiten habe ich Tagebuch geschrieben.»

Die Einträge sind Notizen zu Ereignissen, zu Gedanken, sind aber auch Lieder und Gedichte. Sie, die selber gerne schreibt, Gedichte besonders mag und sich durch all die Klassiker der deutschen Literatur gelesen hat, weiss sich auszudrücken, hat ein Flair für Prosa, für Lyrik. All ihre Gedichte und Lieder hat sie aufbewahrt.

Der Lockdown vor eineinhalb Jahren zwang sie dann in ihrer Wohnung, ihrem Adlerhorst, wie sie ihr Zuhause nennt, zu bleiben. Da kam sie dem Drängen ihres Lebenspartners Peter Gross sowie ihrer Freundin Julia Onken nach. Sie befanden, dass es doch jammerschade sei, wenn ihre Lieder und Gedichte in der Schublade verrotten. Sie hatte endlos Zeit und diese verbrachte sie fortan damit, ihre Notizen, Lieder und Gedichte zu selektionieren, zu ordnen und dem Inhalt einen roten Faden zu geben. Sie sagt: «Wäre es kein Buch, wäre es eine Dokumentation für meine Enkelinnen und meinen Enkel geworden.» Ihnen widmet sie auch das Buch.

«Zufluchten» heisst das 120-seitige Werk, dessen Umschlag ein Bild der Flawiler Künstlerin Cornelia Büchel ziert. Eine Frau sitzt nackt mit dem Rücken zum Betrachtenden gekehrt vor einem Bild mit einem Pfau. Dieses Bild spiegle ihre Situation wider, so Helga S. Giger, die die Veröffentlichung einer eigenen Biografie mit dem Nacktsein vergleicht. «Allerdings», so Helga S. Giger, «sieht man mich nicht von vorn.» Denn ihr Buch sei eine innere Biografie, die aufzeige, was das äussere Leben mit ihr gemacht habe.

Die Momente des Glücks

Glücksmomente, das hat Helga S. Giger, 82-jährig, erlebt. Glücksmomente mit ihren drei Kindern, ihren vier Enkelkindern. Glücksmomente bei ihren verschiedenen Tätigkeiten, Glücksmomente mit guten Freunden. Wie beispielsweise mit ihrer Freundin aus der Schulzeit, der Mechthilde. Diese zog es via USA nach Basel. Helga S. Giger liess ihr eine Briefbotschaft zukommen in die USA. Nach längerer Zeit antwortete Mechthilde – aus Basel. Seither treffen sich die Damen regelmässig. Glücksmomente erlebte die Flawilerin auch mit Männern. Ihre Affären beschreibt sie neutral, ohne ins Detail zu gehen, ohne reisserische Offenbarungen, oft in Form eines Gedichtes, eines Liedes.

Angenommen, dass es doch so wäre,
würde ich sagen: Du bist (oder du warst) meine wichtigste Affäre.
Du wecktest behutsam mir all meine Sinne,
ich weiss nun, wo ich ende und was ich fühle,
wann immer ich erhitze und wann immer ich erkühle.

Ein schrecklicher Start in das Leben

Das Leben von Helga S. Giger startete allerdings mit allem anderen als mit Glücksmomenten. 1939 geboren, in Frankfurt am Main, hinein in die Wirren des Zweiten Weltkrieges, lernte sie bereits früh, mit traumatischen Bildern umzugehen. Ihr Vater zog in den Krieg als sie ein Baby war, ihre Mutter hatte das Textilunternehmen aufrechtzuhalten. Ihr Halt war die Grossmutter. Die Bilder des Krieges verdrängte sie. Erst später, als sie bereits in Flawil Mutter und Unternehmerin war, wurden diese Bilder wieder in aller Deutlichkeit präsent. Eine Erinnerung, eine dieser schrecklichen Situationen, beschreibt sie in ebendieser Deutlichkeit:

«Ich sah wieder die Buben, die im Volkssturm verheizt mit Bauchschüssen auf der Treppe des Landgasthofs lagen, in den ich mit meiner Mutter und meiner Grossmutter evakuiert worden war. Sie schrien nach ihren Müttern und nach Wasser.»

Der Krieg, auf der Flucht zu sein, Themen, die in ihren ersten Jahren ihre ständigen Begleiter waren. Während ihres Studiums kamen die Fragen um ihre eigene Person. Was wollte sie, wer wollte sie sein. 1961 zog sie in die Schweiz, nach Flawil, und wurde Ehefrau und dreifache Mutter. Wieder holten sie die Schattenseiten des Lebens ein. Ihr Sohn nahm sich das Leben. «Die schlimmste Prüfung meines Lebens», schreibt sie. Damals entstand folgender Text, hieraus der erste Vers.

War das gestern, als ich noch glücklich war?
War das gestern, dass ich dich noch einmal sah?
War das gestern, als mir noch die Sonne lachte?
Als ich Glück und Zukunft noch einmal dachte?

Schreiben half, das Leben zu meistern

Dass sie sich nun mit dem Leben versöhnt hat, Gelassenheit aufgekommen ist, kann eine Alterserscheinung sein, kann aber auch darauf zurückführen, dass Helga S. Giger das Leben mit all seinen Schatten- und Sonnenseiten aufnahm, sich ihm kritisch gegenüberstellte, sich mit ihren Gedichten und Texten das Leid oder die Freude von der Seele schrieb.

Helga S. Giger liest morgen Sonntag, 5. September, um 15.30 Uhr im Ortsmuseum Flawil aus ihrem neusten Buch «Zufluchten».

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