FLAWIL: Ein Stück Geschichte ist verschwunden

Das kleine, auf drei Seiten von Bäumen umgebene Haus hinter dem Spitalgebäude von Flawil wurde abgebrochen. Noch bis vor zwei Jahren wurde das Haus vom Rettungsdienst genutzt. Es hat eine spannende Vergangenheit.

Zita Meienhofer
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Im Absonderungshaus wurden Patienten mit ansteckenden Krankheiten behandelt und betreut. (Bilder: Festschrift «100 Jahre Spital Flawil 1892–1992»)

Im Absonderungshaus wurden Patienten mit ansteckenden Krankheiten behandelt und betreut. (Bilder: Festschrift «100 Jahre Spital Flawil 1892–1992»)

FLAWIL. Nur noch die Abdrücke von Raupenbaggern und Erdhaufen sind auf dem Gelände zu sehen. Auf jenem Gelände hinter dem Spital Flawil, auf dem das «Absonderungshüsli» stand. In offiziellen Unterlagen wird es auch als «Isolierhaus» bezeichnet. Auf der Abbruchbewilligung, welche die Gemeinde Flawil dem Bauherrn, dem Baudepartement des Kantons, zukommen liess, war vom Personalhaus die Rede. Dies deshalb, weil während Jahren der Gärtner des Spitals darin wohnte und später das Personal des Rettungsdienstes das Haus nutzte.

Nun ist das Gebäude verschwunden. Es wird nicht mehr ersetzt. Gemäss Patrick Bünter vom Baudepartement des Kantons wird das Areal begrünt und soll von den Mitarbeitenden des Flawiler Spitals als Sitzplatz benutzt werden können.

Die Finanzen und der Protest der Anwohner

Das Absonderungshaus hat eine spannende Geschichte. Diese ist in der Festschrift «100 Jahre Spital Flawil 1892–1992» ausführlich beschrieben. An der Bürgerversammlung vom 1. Dezember 1889 beantragte der Gemeinderat Flawil: «Es sei im Jahre 1890 ein Gemeindekrankenhaus nach vorliegendem Gohl'schen Plane, mit Kostenvoranschlag von 60 000 Franken, zu erstellen. Als Bauplatz sei der von Tit. Bürgerkorporation Flawil unentgeltlich offerierte Boden zu akzeptieren.» Der Bau hätte eigentlich sofort erfolgen können, hätte nicht das Fehlen einer Isolierbaracke Sorgen bereitet.

Damals – vor dem Einsatz von Antibiotikum – hatten Patientinnen und Patienten mit ansteckenden Krankheiten abgesondert behandelt und betreut werden müssen. Sorgen bereiteten nicht nur die Finanzierung, sondern auch die Vorschriften. Gemäss Schreiben des Bundesrats vom 4. November 1887 waren zwischen dem Absonderungshaus und den weiteren Wohnbauten 200 Meter Abstand vorgeschrieben. «Die Bauvisiere riefen entsprechenden Protest der Anwohner hervor. Ein Absonderungshaus in einem expandierenden Wohngebiet – das wollte man nicht einfach hinnehmen», steht in der Festschrift. Letztlich konnten sich die unterschiedlichen Parteien einigen und die Verantwortlichen die Finanzierung sicherstellen. Am 18. Oktober 1892 wurde das Krankenhaus fertiggestellt, sieben Tage später das Isolierhäuschen und am 1. November folgte die offizielle Eröffnung der Neubauten.

Ein Haus für den Gärtner und den Rettungsdienst

Als das Absonderungshaus – von Ärzten wurde es auch Diphtheriehaus genannt – nicht mehr für den Zweck, für den es ursprünglich errichtet worden war, gebraucht wurde, diente es als Personalhaus für Spitalangestellte. Über die neuere Geschichte des Hauses weiss Josef Fuster aus Flawil Bescheid. Er arbeitete 32 Jahre beim Technischen Dienst des Spitals Flawil und war zudem 25 Jahre beim Rettungsdienst tätig. Ihm war es ebenfalls als Absonderungshaus, aber auch als Meiles-Haus bekannt, weil während mehr als 20 Jahren Toni Meile mit Frau und Kind in diesem Haus wohnte. Meile war der Gärtner des Spitals und Mitarbeiter des Rettungsdienstes. Etwa seit 2005 stand das Haus dem Rettungsdienst als Unterkunft und zum Aufenthalt zur Verfügung. Dieser ist nun seit zwei Jahren in Gossau stationiert. Seither war das damals schon baufällige Haus leer. Vor etwa zwei Wochen wurde es nun abgebrochen, samt dem sich in der Nähe befindenden Gewächshaus, das erst 1995 erstellt worden war.

Der minimale Abstand zu anderen Gebäuden gab der Bundesrat vor.

Der minimale Abstand zu anderen Gebäuden gab der Bundesrat vor.

Vor etwa zwei Wochen wurde das Absonderungshaus (hinten links) abgebrochen. Es wird nicht mehr ersetzt.

Vor etwa zwei Wochen wurde das Absonderungshaus (hinten links) abgebrochen. Es wird nicht mehr ersetzt.