FLAWIL: Burgau bleibt ein Stück Heimat

Matthias Wehrlin wuchs in der dritten Generation im Weiler Burgau auf. Er zog aus der Ostschweiz weg, war oft in China tätig. Trotzdem, oder wohl deswegen, ist der Geburtsort noch heute ein Fixpunkt in seinem Leben.

Zita Meienhofer
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Dem Ort seiner Kindheit, dem Weiler Burgau, blieb Matthias Wehrlin bis heute verbunden. (Bild: Matthias Wehrlin)

Dem Ort seiner Kindheit, dem Weiler Burgau, blieb Matthias Wehrlin bis heute verbunden. (Bild: Matthias Wehrlin)

Zita Meienhofer

zita.meienhofer@wilerzeitung.ch

Es ist eines der ältesten Häuser im Flawiler Weiler Burgau. Das Geburtshaus von Matthias Wehrlin. «Das Holz, aus dem es erstellt wurde, muss um das Jahr 1700 geschlagen worden sein», erklärt er. Das Haus diente während des Freilichtspiels als Kulisse, seine Wohnung im Parterre war Aufenthaltsraum der Darstellenden, der Flur Bühnendurchgang. Nun sitzt Matthias Wehrlin im Rosengarten, östlich dieses Hauses, lässt die warme Herbstsonne auf sich scheinen. Sein Blick richtet sich auf das Nachbarhaus, das bekannte Rathaus. Die roten Rosen recken ihre Köpfe, noch vereinzelt sind Trauben an den Rebstöcken zu sehen. Den Rosengarten haben Matthias Wehrlin und seine Frau Elisabeth nach ihren Vorstellungen gestaltet, vorher war an dieser Stelle eine Grasfläche. «Für mich ist es der schönste Ort, es ist ein geerdeter Punkt». Doch das empfand der Exil-Burgauer nicht immer so.

Das Wehrlin-Haus blieb in Familienbesitz

1911 zog die Familie Wehrlin in den Weiler Burgau bei Flawil. Oscar und Clara Wehrlin-Steiger konnten einige Jahre später das Haus neben dem Rathaus kaufen, wo sie mit den zehn Kindern – acht erreichten das Erwachsenenalter – lebten. Das Haus, das die Burgauer auch das «Wehrlin-Haus» nennen. Sohn Oskar blieb mit seiner Frau Martha Wehrlin-Jäggi und den zwei Kindern in diesem Haus in der Burgau. Er verdiente seinen Lohn als Buchhalter, war allerdings auch Lokalhistoriker und langjähriger Ak­tuar der Dorfkorporation Burgau. 1982 verstarb er 77-jährig. Während Oskars Tochter kein Interesse am Elternhaus zeigte, kaufte es Sohn Matthias. «Weil es der Wunsch der Eltern war», begründet er diesen Schritt, «die Beziehung zum Haus in der Burgau kam erst später wieder».

Dankbar, dass die Heimat nicht zerstört wurde

Matthias Wehrlin lernte Hochbauzeichner in St. Gallen, bildete sich in den Bereichen Raumentwicklung und Städtebau weiter und zog als 27-Jähriger weg aus der Ostschweiz. In Bern arbeitete er im Atelier 5, eines der renommiertesten Büros zur damaligen Zeit im Bereich Architektur, Städteplanung und Raumentwicklung. In den vergangenen Jahrzehnten entwickelte er etliche Konzepte zur städtebaulichen Entwicklung in der Schweiz und in verschiedenen Orten auf der Welt. Während der Arbeit im Mattenhofquartier in Bern, wurde sich Matthias Wehrlin unseres baulichen Kulturgutes, dem Erhalt der alten und älteren Bauten bewusst. In jüngeren Jahren stand die moderne Architektur, das Abstrakte, das Gradlinige, der Bauhaus-Stil im Vordergrund. «Mit der städtebaulichen Auseinandersetzung in der Stadt Bern musste ich mich vermehrt mit der Kombination von Alt und Neu auseinandersetzen, habe gelernt, dass die vorhandenen Strukturen bleiben sollen, diese allenfalls ergänzt oder erneuert werden.» Vor 20 Jahren begann seine städtebauliche Arbeit für Kunming und andere chinesische Städte. Dort wurde er mit dem Abbruch der Altstadt von Kunming konfrontiert, sah wie Lebensraum, Heimat und Identität zerstört wurden. «Dies war eine traumatische Erfahrung. Ich spürte eine tiefe Dankbarkeit, dass ich zu Hause mein Heimatdorf Burgau habe, mit Tradition und Kontinuität», sagt er.

Burgau wurde Treffpunkt der Wehrlin-Familien

Die Verbundenheit zur Burgau wurde nun immer stärker. In sein persönliches Notizbuch, das er seit Jahren führt und das bereits mehr als 500 Seiten aufweist, schrieb er während eines Flugs nach China: «Die verschneiten Berge der Ostschweiz und Vorarlbergs haben mich einmal mehr beeindruckt und heimatliche Gefühle ausgelöst. Ich bin mehr in China als in der Ostschweiz». Für ihn und seine Frau, auch eine St. Gallerin und als Baubiologin tätig, wurde das renovierte Haus in Burgau, in dem sie nun eine Wohnung im Parterre haben, zum Fixpunkt in ihrem Leben. Sie, die im freiburgischen Wünnewil leben, sind bei Festen in der Burgau dabei, Mitglieder des Burgauer Vereins und treffen hier weitere Familienmitglieder der Wehrlins. Auch ihre beiden Töchter und die vier Enkel identifizieren sich sehr mit Burgau, obwohl sie wegen Beruf und Ausbildung wenig Zeit finden, um dort zu verweilen. «Unsere Familie war immer solidarisch und hatte ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Gerade letztes Frühjahr fand wieder ein Treffen im Familienkreis in Burgau statt.»

Er hinterlässt Spuren in der Ortsplanung des Weilers

Die Verbundenheit zur Burgau wuchs ebenfalls, als Matthias Wehrlin die Dokumente, Fotografien, Notizen, Skizzen zum Weiler im Nachlass seines Vaters fand. «Ich war fasziniert von der Breite der Themen und beeindruckt von der bildnerischen Qualität der Aufnahmen, schreibt er im Vorwort zum Buch «Burgau, Flawiler Weiler von nationaler Bedeutung». Jenes Buch, das er aus der Hinterlassenschaft seines Vaters zusammenstellte, ergänzte und aktualisierte mit Neuem, und zum 1050-Jahr-Jubiläum von Burgau 2014 herausgab. Spuren hinterlässt er auch in planerische Weise in Burgau. Er, der nach mehr als 20 Jahren als Leiter des Städtebaus in Bern, vor 15 Jahren in die Selbstständigkeit (Atelier Wehrlin) wechselte. Überraschend erreichte ihn letztes Jahr die Anfrage der Gemeinde Flawil, die ihn mit der Neugestaltung der Gassen und Plätze von Burgau beauftragte. Nun skizzierte wiederum ein Wehrlin in Burgau. Diesmal war es Matthias Wehrlin, der sich, wie er sagt, fast immer zeichnend und skizzierend an planerische Lösungen herantastet.

Hinweis

«Burgau, Flawiler Weiler mit nationaler Bedeutung» ist erhältlich bei: Appenzellerverlag.ch. ISBN 978-3-85882-705-0