Firmen am Abgrund: Die Krise trifft nicht nicht nur die Gastro- und Kulturszene schwer

Zu einer Konkurswelle wegen Corona ist es in der Ostschweiz noch nicht gekommen. Doch manche Firmen leiden stark. In den Regionen Wil und Toggenburg geht es besonders den Transportunternehmen schlecht.

Lara Wüest
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Viele verzichten wegen Corona auf die Dienste von Reinigungsfirmen.

Viele verzichten wegen Corona auf die Dienste von Reinigungsfirmen.

Bild: Benjamin Manser

Der Alltag mit Corona ist für zahlreiche Firmen wie eine endlose Wanderung entlang des Abgrunds: Finanzielle Reserven neigen sich dem Ende. Mitarbeitende müssen in Kurzarbeit oder gar entlassen werden. Manche kämpfen täglich um ihre Existenz. Wann die Krise endet, kann ihnen niemand sagen. Ob die Hilfe vom Bund letztlich ausreicht, auch nicht.

Viele reden derzeit vom Gastrobereich und der Kulturszene. Die meisten dieser Unternehmen wurden von der Krise hart getroffen. Doch es gibt noch andere, die durch Corona um ihre Existenz fürchten müssen. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) meldete kürzlich, dass im Oktober im Kanton Zürich und in der Nordwestschweiz mehr Unternehmen Konkurs gegangen sind als erwartet. Allerdings nicht in der Gastro- oder Kulturszene, sondern im Bereich Verkehr und Logistik. Zum Beispiel die Taxiunternehmen. Auch betroffen seien Coiffeur- und Kosmetikstudios oder Gebäudereinigungsfirmen.

In der Ostschweiz ist die Konkurswelle noch nicht angekommen. Ein Grund ist wohl die Unterstützung vom Bund. Doch auch hier gehen Fachleute davon aus, dass die Zahl der Konkurse steigen wird.

«Die Krise spüre ich sehr»

Eine Umfrage dieser Zeitung zeigt: In den Regionen Wil und Toggenburg geht es vor allem Unternehmen im Bereich Verkehr nicht gut. Ulrich Rohner etwa, Inhaber von Taxi Edelweiss in Wil, wartet in diesen Tagen manchmal vier bis fünf Stunden am Wiler Bahnhof, ohne dass ein Kunde in sein Auto steigt. «Die Krise spüre ich sehr», sagt er. Früher, da hat ihm jeder Zug, der einfuhr, Arbeit gebracht. Jetzt hat er noch eines statt zwei Fahrzeuge am Bahnhof. Und auch das verlässt den Taxistand nur noch selten. Rohner sagt:

«Ich habe mindestens 80 Prozent weniger Kunden.»

Vor allem in der Nacht – für Rohner eine wichtige Zeit fürs Geschäft – da gehe gar nichts mehr. «Um elf Uhr macht ja alles zu.»

Vier Leute hat Rohner in seinem Unternehmen angestellt. Derzeit sind sie in Kurzarbeit. Damit kann das Taxiunternehmen überleben. Geradeso. «Ohne die Kurzarbeit müsste ich meinen Mitarbeitern sagen, dass es nicht mehr geht», sagt Rohner. Dann müsste er alleine weitermachen. Für ihn nur schwer vorstellbar. «Ich habe mein Taxiunternehmen jetzt seit 21 Jahren. So etwas habe ich noch nie erlebt», sagt er.

Eine Branche ist am Kämpfen

Bis wann die Krise andauert, können sogar Fachleute nur schwer abschätzen. Werner Scherrer befürchtet aber, dass es noch lange geht, bis sich alles wieder normalisiert. Auch Scherrer ist Taxifahrer, ihm gehört Taxi Säntis in Nesslau. Bis 60 Prozent weniger Einnahmen habe er derzeit, sagt er. Seit Februar haben seine drei Aushilfen, die er auf Stundenlohnbasis beschäftigt, nicht gearbeitet. Er selber fürchtet zwar nicht um seine Existenz. «Ich werde in drei Monaten pensioniert. Es spielt für mich nicht so eine Rolle, wie viel Arbeit ich noch habe», sagt er. Doch er weiss: Manche in der Branche kämpfen ums Überleben.

Reisebus-Branche ohne Reisende

Schwer getroffen hat die Coronapandemie auch die Reisebus-Branche, die Firma Grämiger AG aus Bütschwil spürt die Folgen massiv. Kaum jemand will derzeit mehr ins Ausland reisen, Christkindlimärkte sind abgesagt, die Schulen haben ihre Skilager storniert. Die Inhaberin Claudia Grämiger sagt:

«Für unsere Cars haben wir praktisch keine Aufträge mehr.»

Die Einbussen bei den Carfahrten betrügen ungefähr 95 Prozent.

Noch stehen gemäss der Inhaberin aber keine Stellen auf dem Spiel. Allerdings arbeiten mehrere Angestellte auf Abruf. Dass die Firma überleben kann, liegt daran, dass sie drei Standbeine hat: Neben den Carreisen bietet sie auch Lastwagen- und Schülertransporte an.

Trotzdem ist es derzeit nicht einfach: «Ein Drittel unserer Einnahmen ist weg», sagt Grämiger. Sie befürchtet, dass das noch lange spürbar sein wird. «Uns fehlt das Eigenkapital für wichtige Investitionen», sagt sie. Das mache es schwierig, die Zukunft zu planen.

Nur wenige lassen noch putzen

Ähnlich geht es der Firma Sygma in Wil, obwohl sie in einer anderen Branche tätig ist. Auch die Sygma AG bietet drei Dienstleistungen an, Hauswartungen, Gartenbau und Reinigungsarbeiten. Auch hier ist ein Standbein von Corona betroffen: die Unterhaltsreinigung. Also beispielsweise das Saubermachen von Büros oder Privatwohnungen. Da die Leute im Homeoffice arbeiten, müssen Büros seltener geputzt werden. Und Privatpersonen verzichten auf die Dienste der Reinigungsfirma, weil sie sich vor einer Ansteckung fürchten.

Das Schlimmste ist für die Sygma AG aber überstanden: «Für uns war vor allem die erste Welle schwer», sagt Geschäftsführer Marc Flückiger, «damals hatten wir 25 bis 30 Prozent weniger Aufträge.»

Zwar spürt die Firma das noch immer. Doch ihre Existenz ist nicht bedroht. Der Gartenbau und die Hauswartung seien stets gut gelaufen, sagt Flückiger. Trotzdem zieht der Geschäftsführer Konsequenzen: Die Aufträge aus den Unterhaltsreinigungen will Flückiger reduzieren. «Die Luft wird dort immer dünner», sagt er.

Geschäft mit der Schönheit zahlt sich weniger aus

Schönheit ist vielen Menschen kostbar, das Geschäft mit ebendieser hat sich für manche Unternehmen in den letzten Jahren ausgezahlt. Doch seit der Krise leidet auch dieses. Obwohl die Kosmetikstudios in der zweiten Welle geöffnet bleiben dürfen, mussten in gewissen Gebieten der Schweiz schon einige von ihnen schliessen, weil der Betrieb nicht mehr lief.

In den Regionen Wil und Toggenburg blieben auch in dieser Branche übermässige Konkurse aus. Doch auch hier ist es für viele nicht leicht. «Die Leute haben Angst und sind zurückhaltend», sagt etwa Ellen Abderhalden, die Inhaberin vom Beauty-Inn in Wil. Zudem seien viele in Quarantäne. «Das merken wir schon», sagt sie. 25 Prozent weniger Kunden hätten sie derzeit.

Angst, dass ihr Geschäft die Krise nicht überleben könnte, hat sie allerdings nicht. Die Firma gibt es seit 30 Jahren. «Wir haben viele langjährige Kunden», sagt Abderhalden. Sie ist sich sicher: «Die kommen wieder.» Vor etwas fürchtet sich die Geschäftsfrau aber ein wenig: Davor, dass sie oder eine ihrer Angestellten an Covid-19 erkranken könnten und das gesamte Team in Quarantäne muss.