Schatzkiste gehoben: Filme aus der Geschichte der Flawiler Habisreutinger-Ottiker AG könnten die ältesten Bewegtbilder im Kanton liefern

Filme über den Arbeitsalltag der ehemaligen Flawiler Weberei Habisreutinger-Ottiker AG könnten kantonsweit oder sogar national zu den ältesten ihrer Art gehören. Das Ortsmuseum hat die Dokumente geschenkt bekommen.

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Sichtung der Filmstreifen. Urs Schärli, Kurator des Ortsmuseums Flawil und Präsident des gleichnamigen Vereins ist vom historischen Fund begeistert.

Sichtung der Filmstreifen. Urs Schärli, Kurator des Ortsmuseums Flawil und Präsident des gleichnamigen Vereins ist vom historischen Fund begeistert.

(Bild: PD)
Das Habis-Areal um 1927.
13 Bilder
Die Beschädigung auf einem der Filmstreifen.
Die gefundenen Filmrollen.
Die Kiste, in der der filmische Schatz schlummerte.
Adolf Habisreutinger (links) im Büro. Im Vordergrund das Telefon (damals Telefonnummer 1)
Abtransport der Produkte.
Urkunde über Ausstellungsteilnahme im Jahr 1927.
Arbeisschluss.
In der Packerei.
Am Siedetopf.
In der Weberei.
Eine Arbeiterin in der Zettlerei.
Das Habis-Musterzimmer.

Das Habis-Areal um 1927.

(ETH Zürich/e-pics/Walter Mittelholzer)

(pd/ahi) Ein ausserordentlicher Schatz beschäftigt derzeit die Verantwortlichen des Flawiler Vereins Ortsmuseum. Nicht Grabungen haben ihn ans Licht gebracht, sondern die Sichtung von Restmaterial in den Räumen der einstigen Habis Textil AG. Im Keller der Fabrikliegenschaft stiessen Harald Schiess und Museumskurator Urs Schärli Ende Oktober auf eine Holzkiste. Die Aufschrift liess aufhorchen: «Film Habisreutinger-Ottiker A.-G./St. Gallische Ausstellung 1927». Und tatsächlich – verpackt in Holzwolle, Schachteln und Büchsen waren im Innern zwei Filmrollen auszumachen. Der Anfang einer Filmrolle zeigte den Titel «Die Baumwolle in unserer Textilindustrie». Sofort bestand der Verdacht, es könnte sich noch um Filmmaterial aus Nitrozellulose handeln, was einen entsprechenden Umgang mit dem hochentzündlichen Material erforderlich machte.

Das Ortsmuseum setzte sich mit dem Verein Lichtspiel in Bern in Verbindung, um einen Termin für die Sichtung des unbekannten Filmmaterials zu erhalten. Am Dienstag, dem hohen Flawiler Lägelisnacht-Tag, wurde die Kiste unter Wahrung der nötigen Vorsichtsmassnahmen nach Bern überführt.

Einblick in die ehemaligen Fabrikräume

Die Enttäuschung war gross, als sich herausstellte, dass das Filmmaterial verklebt und die Zersetzung fortgeschritten war. Die Situation verbesserte sich nach einigen Dezimetern Film. Nach dem Titel «In den Fabriken der Firma Habisreutinger-Ottiker A.-G.» zeigen Bilder den Bahnhof Zweidlen bei Glattfelden. Ein Dampfzug liefert Baumwolle an für die Spinnerei Letten. Diese Spinnerei gehörte ab Anfang der 1920er Jahre zu den Betrieben von Adolf Habisreutinger-Ottiker. Leider lässt es der Zustand nicht zu, den Inhalt dieser Rolle eingehender zu sichten. Sie wird nun der Sicherung zugeführt. Denn ein zu langes Warten würde die Zerstörung des Films beschleunigen.

Vielversprechender wirkte der Beginn der zweiten, grösseren Filmrolle. Der Untertitel «Vom Rohstoff zum Tuch» liess Einblicke in die Prozesse der Baumwollverarbeitung in der Weberei Waldau vermuten. Tatsächlich vermitteln die Bilder einen historischen Streifzug durch die damaligen Fabrikräume von Zwirnerei, Spinnerei, Karderei, Färberei, Zettlerei, Weberei, Packerei und auch ins Musterzimmer.

Was für eine faszinierende, vergessene Arbeitswelt zeigt sich hier: Hagere Gestalten arbeiten an grossen Maschinen, dampfenden Kesseln und an Webmaschinen. Letztere werden von Riemen angetrieben, welche die Wasserkraft des Goldbachs aus dem Tobel in die Fabrik übertragen.

Dritte Filmrolle fehlt

Das Ende der zweiten Rolle kündigt die Rückkehr in die Spinnerei an. Gemeint ist damit wohl wieder die Spinnerei Letten. Leider fehlt diese dritte Rolle. Ist dieser Film an der St.Gallischen Ausstellung vom 10.-20. September 1927 gezeigt worden? Die Aufschrift auf der Holzkiste deutet darauf hin. Im Katalog zu dieser Ausstellung auf der Kreuzbleiche ist die Habisreutinger-Ottiker A.-G. als Ausstellerin aufgeführt. Auch bestätigt eine bei der Suche nach der dritten Rolle aufgetauchte Urkunde die Teilnahme.

Der Stumm-Film ist von Office Cinématographique S.A. Lausanne hergestellt worden. Diese produzierte ab 1923 die Wochenschau. Es darf wohl der Flawiler Webereibesitzer als treibende Kraft hinter dem Film vermutet werden, auch wenn die Office Cinématographique in den Jahren 1926/27 weitere Filme über industrielle Produkte aus der Schweiz angefertigt hat. Auf das Aufnahmejahr 1927 deuten die Randmarkierungen auf den Filmstreifen hin. Abklärungen haben keine Hinweise ergeben, dass ein weiteres Exemplar oder ein vergleichbarer Film in unserem Land existiert.

Filmmaterial wird digitalisiert

Die Restauratorin bereitet das Material nun für die Digitalisierung vor. Das bedeutet Reinigung, Sichern von beschädigten Stellen, Entfernen von alten Kleberückständen und Neukleben der Schnittstellen. Anschliessend wird ein spezialisiertes Unternehmen den Film einzelbildweise digitalisieren. Sind diese Tausende Einzelbilder zu einem digitalen Film zusammengefügt, wird sich der Film in der aktuell bestmöglichen Qualität präsentieren. Damit dürften – hoffentlich ab Frühling 2021 - nicht nur die Freunde des Ortsmuseums, sondern auch Interessierte aus unterschiedlichen Fachgebieten einen historischen Leckerbissen vorfinden.

Das Ortsmuseum hat diesen Film geschenkt erhalten. Ob Flawil damit nochmals in die Geschichte des Kantons oder gar des Landes eingeht, wird sich weisen. Bekanntlich zeigt der älteste Film des Kantons St. Gallen die vierfache Fahnenweihe der Flawiler Männerchöre und Schützenvereine im Jahr 1912 auf der Weidegg. Nun wird das filmische Kulturerbe aus Flawil noch viel reicher.