Filigraner Rost

Fritz Studli

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«Max, an was denkst du, wenn du diese Wörter hörst: textil, luftig, filigran, festlich?» Fritz Studli liebt es, seinen Freund und Stammtischbruder Max Lütolf auf die Probe zu stellen. Erwartungsfroh blickt Studli durch den sich kringelnden Rauch seiner Villiger Krummen auf Lütolf, der angestrengt nachdenkt, seine Stange Bier mit beiden Händen umklammernd.

«Hm, könnte aus einem Prospekt für Silvester-Dessous sein», murmelt Lütolf verhalten. Studli lacht auf; für solche Antworten liebt er seinen Spezi. «Max, das ist genial. Du solltest Werbetexter werden, alter Schwerenöter! Silvester-Tangas, schön wär’s.» Studli macht eine Kunstpause, Max Lütolf nippt an seinem Bier, wissend, dass er nun nicht mehr viel zu sagen braucht …

«Mit diesen Atrributen, lieber Freund», hebt Studli an, «beschreibt der verehrte Uzwiler Gemeinderat das neue Gemeinde-Logo. Ist ja schön, so eine alte filigrane Schifflistickerei, nur: Was, bitteschön, ist an Uzwil textil, luftig, filigran oder festlich? Uzwil ist eisern, schwer, grobschlächtig und alltäglich. Uzwil ist Industrie, ist Bühler-Walzwerk, ist Technologie und Alltagsgrau, Stickerei-Vergangenheit hin oder her. Und nur weil nichts mehr von Uzwils industriellem Ursprung in der Stickerei zeugt, macht der Gemeinderat nun in nachholender Geschichtspolitik, im neuen Gemeindehaus am Stickereiplatz? Der neue Uzwiler kategorisch-ästhetische Imperativ heisst Schifflistickerei: Denkt an die Ursprünge! Was schert uns die bleierne Gegenwart! Hauptsache, luftig-filigran-festlich!

Aber ein wenig Rost als historische Referenz darf’s dann doch sein, weil ganz verleugnen kann man die unbedeutende Nachfolgeindustrie nach der Stickerei ja nicht. Ja, wie denn nun, frage ich dich, Max, was soll denn nun sinnbildlich für Uzwil stehen? Filigraner Rost? Luftiger Stahl? Textile Korrosion? Uzwils neue Corporate Identity: festliches Rost-Rot?»

Max Lütolf mag es, wenn sich sein Freund Studli in solchen Gedanken-Kaskaden verliert, und nach den Regeln ihres über Jahrzehnte eingespielten Diskussions-Duetts müsste er, Lütolf, nun widersprechen. Tut er aber nicht. «Ach, Fritz», sagt Lütolf stattdessen müde, «mir gefällt’s ja auch nicht. Aber als sie damals das Logo mit dem blauen und gelben Schlirggen eingeführt haben, hast du auch so gespottet. Dir kann man es aber auch nie recht machen. Wie würde denn ein gutes Uzwiler Logo für den Herrn Professor Doktor Doktor Fritz Studli aussehen?»

Studli ist verblüfft, um nicht zu sagen erschrocken. Er räuspert sich. «Max, äh, bist du böse? Ich wollte doch nur …» «Schon gut», entgegnet Lütolf, «es gibt einfach Wichtigeres im Leben als so ein blödes Logo.» Nun schweigen beide.

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