Feuerwehr Wil setzt Sichtschutz gegen Gaffer ein

Schaulustige, die Fotos von Unfall- oder Notfallopfern machen – das gehört für Einsatzkräfte der Wiler Feuerwehr zum Alltag. Mit einem neuen Sichtschutz will sie dieses Verhalten unterbinden und die Patienten besser schützen.

Lara Wüest
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Bisher nicht im Einsatz: Es muss sich noch zeigen, wie gut der Slogan auf dem Plakat wirkt. (Bild: Lara Wüest)

Bisher nicht im Einsatz: Es muss sich noch zeigen, wie gut der Slogan auf dem Plakat wirkt. (Bild: Lara Wüest)

Viele Menschen, die Zeugen eines Unfalles oder medizinischen Notfalls werden, sind betroffen, schockiert oder überfordert. Viele, aber längst nicht alle: «Einige Leute sind richtig dreist und drängen sich vor, um besser sehen zu können», sagt Tom Widmer. Er ist Kommandant der Feuerwehr und des Zivilschutzes der Region Wil. Er und seine Kollegen kommen nicht nur zum Einsatz, wenn es brennt, sonder auch bei anderen Notfällen.

Irgendwann hatte die Feuerwehr in Wil genug: Sie wollte diese Dreistigkeit unterbinden. Dazu erstellte sie einen neuen Sichtschutz mit einem Slogan darauf: «Gaffen kann jeder, helfen muss man wollen.» Vor allem bei Unfällen oder Notfällen in Fussgängerzonen soll dieser künftig zum Einsatz kommen.

Immer mehr Schaulustige beobachtet

In den vergangenen Jahren hat die Zahl von aufdringlichen Schaulustigen zugenommen. Das beobachtet Widmer in seinem Alltag. Gründe dafür sieht er mehrere: Bessere Kameras an den Handys, soziale Medien, in denen die Bilder geteilt werden können, oder auch das Geld, das manche Zeitungen für Leserbilder bieten. Ein paar Vorkommnisse haben sich Tom Widmer besonders ins Gedächtnis eingebrannt. Einmal, so erzählt er, habe jemand in der Innenstadt einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten. Für viele Betroffene endet das tödlich. Noch heute klingt die Stimme des Kommandanten wütend, wenn er von dem Vorfall erzählt. Einige Passanten vor Ort leisteten Hilfe und hielten Wolldecken als Sichtschutz hoch. Die Rettungskräfte begannen, die betroffene Person zu reanimieren. Doch plötzlich sahen die Retter fremde Gesichter über die Wolldecken schauen. «Einige haben die Decken sogar leicht heruntergezogen, um ein besseres Foto oder Video machen zu können», sagt Widmer.

Damals gab es den neuen Sichtschutz mit Slogan noch nicht. Die Feuerwehrleute, die als erstes bei einer Unfallstelle eintrafen, die sogenannten First Responder, hatten nicht viele Möglichkeiten, um Patienten vor den neugierigen Blicken von Passanten zu schützen. Und so kamen Wolldecken zum Einsatz.

Solche Zwischenfälle erleben die Wiler Feuerwehrleute vor allem im öffentlichen Raum. Ein andermal, erinnert sich Widmer, brach eine Person in einer Fussgängerzone zusammen. Auch da waren die Feuerwehrleute schnell vor Ort und leisteten erste Hilfe. Der Platz für Neugierige war allerdings eng. Doch diese wussten sich zu helfen: «Die Leute gingen einfach in den ersten Stock der umliegenden Geschäfte und blickten aus den Schaufenstern von oben auf uns herab», sagt Widmer.

Besserer Schutz für Opfer – und Schaulustige

Ein gewisses Verständnis für die Neugierde der Menschen bringt Tom Widmer sogar auf. «Sie liegt in der Natur der Menschen», sagt er. Doch vieles, was er erlebt, geht ihm zu weit. «Oft fehlen mir die Worte.» Mit dem neuen Sichtschutz sollen Opfer nun besser geschützt werden und die Rettungskräfte in Ruhe arbeiten können. Gleichzeitig wollen die Feuerwehrleute aber auch Schaulustige vor sich selber schützen. «Viele sind sich nicht bewusst, dass Unfallbilder psychisch belastend sein können», sagt der Kommandant. Ob der Slogan wirkt, muss sich allerdings noch zeigen: Bisher kam der neue Sichtschutz, der seit Dezember zum Einsatzmaterial der Wiler Feuerwehr zählt, noch nicht zum Einsatz. Widmer glaubt aber, dass er bei der Bevölkerung gut ankommt. «Wir hatten viele positive Reaktionen.»