Feuern mit Frauenstimme:
Im Hof zu Wil gabs Gesang ohne Worte

«Celebrao» am Freitag war der Versuch eines Konzerts ohne Worte – dafür mit Stimme: jener von Franziska Schiltknecht.

Michael Hug
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Frau und Dämon: Franziska Schiltknecht sang am Freitag im Hof zu Wil ohne Worte. (Bild: Michael Hug)

Frau und Dämon: Franziska Schiltknecht sang am Freitag im Hof zu Wil ohne Worte. (Bild: Michael Hug)

«Celebrao» – 3. Stock. Der Zugang zur Entschleunigung muss erstiegen werden. Wer nach der ersten Treppe im Hof von der Stiege steigt und den Lift nimmt, weil ihm die Luft ausbleibt, hat schon verloren. Viel zu schnell ist er – oder sie, es sind ja viel mehr Frauen da als Männer – mitten drin im Geschehen. Das Konzert, als «Celebrao» angekündigt, als Zelebration, als Fest, als Ritual, als Gesamtkunstwerk, soll ja entschleunigen, runterbringen, erden, das Rasante bodigen, hinab in die Tiefe, «dahin wo es glüht, lebt, wogt und still wird». Und doch: Wildheit ist ebenso angesagt, nicht Wilder, Weiblichkeit, ein Stimmenfeuer, eine sinnliche Erfahrung, hochemotionell. Entschleunigend eben, gleichzeitig belebend.

Sanfter Reigen zu Beginn

Franziska Schiltknecht, die Stimme, das «Stimmenfeuer», wie sie sich nennt, kommt aus dem Dunkeln ins Halb-Licht, erst nachdem sich ihre drei Mitmusikerinnen, Stefanie Hess (Bass) und Sara Käser (Cello) sowie Simon Wunderlin am Schlagzeug gesetzt oder hingestellt und sanft den Reigen eröffnet haben. Schildknecht hebt ihre Stimme zum «Aa-hm», probiert was heute möglich ist, was da kommt aus ihr, nach was es ruft in ihr. Vorläufig wogt noch nichts und glüht und lebt es nur zögerlich. Doch Franziska Schildknecht kann mehr, sucht sich noch und findet ihre Stimme dann zwischen Unterkörper und Brust, was sie mit Handbewegungen auch andeutet. Ohne Worte singt sie sich durch die einstudierte, 90-minütige Improvisation, sucht Balance und Harmonie – und Resonanz in sich und beim Publikum.

Spukhafte Bilder

Spukhafte Bilder, projiziert auf eine halbrunde Leinwand hinter der Bühne, wirren und verwirren und erhellen die Szenerie, die Sängerin zieht sich eine Maske über das Gesicht. Versinnbildlicht das Dämonische, vielleicht teuflische, vielleicht böse Innere ihrer selbst. Der Dämon scheint durch den Raum zu spuken, welcher Dämon, welcher Böse, irgendeiner, vielleicht der in unserem Hirn hockende. Noch vorher hat man besser die Augen geschlossen gehalten, hat sich hineinbegeben in das sinnliche Übersinnliche, das Schwebende, das helle Heitere. Jetzt ist es dunkel, jetzt glüht und knistert es irgendwo im Untergrund doch so langsam, jetzt beginnt es auch zu wogen, zu brodeln, auszubrechen, jetzt wo das Trio an seinen Instrumenten echt Gas gibt, hineinlangt in die Saiten, in die Trommelfelle. Jetzt kommt Stimmung auf, ein Sturm, ein Hurrikan, man möchte sich bewegen, sich verrenken, alles aus sich hinausschütteln und bleibt doch sitzen.

Fackel aus Kräutern

Belebend. Riechend. Rauchend. Schiltknecht zündet eine Fackel aus getrockneten Kräutern. Die Brandmeldeanlage ist hoffentlich ausgeschaltet. Es riecht und raucht heftig im Raum, dieser unfertigen Dachgeschosskammer im Wiler Hof, die auf die Restauration wartet, so denn das Geld dafür vorhanden ist. Vorläufig aber dient er diesem Konzert als Bühne und Umgebung, archaisch, krud, roh und mächtig gemauert, von zwei kolossalen Säulen mitten im Raum dominiert, die den Himmel zu tragen scheinen und Momente später die Decke der Hölle, dabei manchem Zuschauenden die Sicht verhindern, was Stühlerücken generiert auf dem knarrenden Boden. Grad dieses Ungewohnte, nicht Geplante und erst recht nicht komponierte Kafkaeske gereicht diesem Stimmentheater zum mephistophelischen Gesamtkunstwerk mit dadaistischer Unsinnhaftigkeit und geringer Halbwertszeit.