Fern vom Paradies gestrandet: Wie die Coronakrise eine Flawiler Familie auseinanderriss

Von wegen entspannter Heimaturlaub: Das Coronavirus machte einer Flawiler Auswandererfamilie einen Strich durch die Rechnung.

Andrea Häusler
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Endlich vereint: Karl (11) und seine Mama treffen sich in der Schweiz.

Endlich vereint: Karl (11) und seine Mama treffen sich in der Schweiz.

Bild: PD

Die Familie lebt dort, wo andere Urlaub machen: In einem Paradies, das eine halbe Weltreise von der Schweiz entfernt im Südosten von Sulawesi liegt. An jenem Ort, wo der Flawiler Lorenz Mäder Anfang der 90er-Jahre ein Resort aus dem indonesischen Sand gestampft hatte, das zivilisierten Komfort mit unberührter Natur, Naturschutz mit Tourismus verbindet: das Wakatobi Dive Resort.

Mit dem Luxushotel im weltweiten Epizentrum für Korallenriff-Biodiversität hat sich Mäder einen Lebenstraum erfüllt. Und er ist hier angekommen, der Tauchlehrer und Unternehmer, der bereits als Vierjähriger die Unterwasserwelt erkundete, später auf den Malediven unterrichtete, in Ägypten Safaritouren im Roten Meer leitete und die «Thistlegorm», den im Zweiten Weltkrieg gesunkenen britischen Versorgungsfrachter, für Tauchtrips erschloss.

Die Magie des fernen Paradieses strahlte innerfamiliär aus: Gut zehn Jahre nach Lorenz zog es auch dessen Bruder Valentin Mäder nach Wakatobi. Als aktiver Aufsichtsrat unterstützt er heute die Führung und Entwicklung des Unternehmens.

Dennoch ist die Heimatverbundenheit der beiden je fünfköpfigen Familien geblieben. Immer wieder zieht es sie zurück nach Flawil, ins Haus der Mutter, Schwiegermutter und «Nay Nay» (Oma) Beatrice Mäder-Bernet an die Landbergstrasse, wo ihnen im Obergeschoss permanent eine Wohnung zur Verfügung steht.

Auch dieses Jahr lockte das Alpenland. «Valentin machte zusammen mit seiner singapurischen Frau und den drei Buben Skiferien im Engadin», berichtet Beatrice Mäder und beginnt, von den Sorgen, Problemen, Unwegsamkeiten und Sehnsüchten zu erzählen, welche die Familie wegen der Coronapandemie gefordert, belastet und über Wochen hinweg getrennt hatte.

Ambitionierter Kiteboarder

Es war Ende Februar, die Skiferien in Zuoz lagen zurück und die Eltern mussten raschmöglichst nach Indonesien zurück: Es rief die Arbeit. Nur knapp erreichten sie noch den letzten Flug, der sie von Bali nach Wakatobi brachte. Den vierjährigen Valentin jun. konnten sie mitnehmen, während die beiden älteren Söhne aus unterschiedlichen Gründen in Mexiko und der Schweiz blieben.

Kitesurfer Maximilian (13) strandete wegen Corona in den USA.

Kitesurfer Maximilian (13) strandete wegen Corona in den USA.

Bild: PD

Maximilian ist 13-jährig und erfolgreicher Kiteboarder. Als solcher startet er für Singapur in internationalen Wettbewerben und er hat ein ganz grosses Ziel: Profi zu werden.

Zum Zeitpunkt des Pandemieausbruchs befand er sich in Mexico, wo er an einem Symposium zur Entwicklung der Kitesports mitwirken und an einem Kite-Wettbewerb teilnehmen durfte. Letzteres wie meist als weitaus Jüngster, wie Beatrice Mäder betont. Maximilian mag Mexiko. Denn die Winde eigneten sich ausgesprochen gut, um die Kraft und Kontrolle zu trainieren.

Des Urgrossonkels legendäre Brücke

Er hatte Glück und konnte noch vor Beginn der Flugsperre zu seiner Tante nach San Francisco reisen. Dorthin, wo er bereits vor dem Wettbewerb einige Tage Gastrecht genossen hatte.

Wohl gab es viele Corona bedingte Einschränkungen, aber auch Faszinierendes. «Unvergesslich dürfte ihm das Kiten bei der Golden Gate Bridge bleiben», ist seine Grossmutter überzeugt. Umso mehr, als sein Urgrossonkel, der New Yorker Brückenbauer Otmar Ammann, beim Bau dieser Brücke massgeblich mitgewirkt habe.

Wie seit bald fünf Jahren gewohnt, hatte Maximilian während der ganzen Zeit von Montag bis Freitag sein Homeschooling-Programm zu absolvieren. Das heisst: Chinesisch, Mathe, Englisch und Deutsch büffeln. Klar, sei die Sehnsucht nach der Familie omnipräsent gewesen. «Entsprechend wichtig waren deshalb die täglichen Skype-Gespräche», sagt Beatrice Mäder.

Kinderspital statt Flughafen

Heimweh, davon war auch Karl nicht gefeit. Denn freiwillig war der Elfjährige nicht in der Schweiz zurückgeblieben. Er hatte sich in Zuoz den Arm gebrochen. Mit Skischuhen auf einen Liftmast zu klettern, ist, das weiss er nun, keine gute Idee. Doch es kam noch schlimmer.

Wieder in Flawil endete seine Velofahrt mit Gipsarm neuerlich beim Arzt: Statt ins Flugzeug nach Indonesien ging es ins Kinderspital. Kurz darauf waren dann alle Flüge gestrichen. Karl verbrachte die folgende Zeit in Kilchberg bei seinem Onkel Bernhard, bei Tante Ida und Hund Charly.

Dann endlich tat sich etwas: Maximilian konnte mit Hilfe des EDA aus den USA ausreisen. Allerdings war seine Mama dazumal noch nicht in der Schweiz. Auch sie brauchte die Unterstützung der Schweizer Botschaft in Singapur, um einen Flug zu ihren Söhnen zu bekommen.

Jetzt sind Mutter und Kids wieder vereint. Sie bleiben noch einige Zeit hier, während Valentin mit Bruder Lorenz Mäder in Wakatobi gegen die wirtschaftlichen Folgen von Corona kämpft. Denn, wenn nicht gereist und nicht geflogen wird, bleiben die Gäste aus: Urlaubsparadies hin oder her.