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Feriengrüsse aus einer analogen Zeit: Ein Postkarten-Sammler aus Uzwil zeigt seine Fundstücke

Sie gehören einer aussterbenden Gattung an: Postkarten. Und doch üben sie eine Faszination aus - auch und gerade im digitalen Zeitalter.
Tobias Söldi
Die belgische Stadt Ostende auf einer Postkarte von 1904. (Bilder: PD)

Die belgische Stadt Ostende auf einer Postkarte von 1904. (Bilder: PD)

Die «sonnigen Grüsse» landen heutzutage immer öfters nicht mehr im realen, sondern im virtuellen Briefkasten. Überraschend ist das nicht: Smartphone und Co. lassen die Daheimgebliebenen praktisch in Echtzeit an den Ferien teilhaben. Schnappschüsse und sogar Videoaufnahmen können unkompliziert über WhatsApp verschickt oder auf die Bilderplattform Instagram hochgeladen werden.

Und trotzdem: Noch heute sind Postkarten von einer besonderen Aura umgeben – trotz oder gerade wegen der Bilderflut, der wir täglich ausgesetzt sind. Wer freut sich nicht, wenn eines unverhofften Tages eine weit gereiste Postkarte im Briefkasten liegt? Der handgeschriebene Text, die Spuren der Reise, die fremden Briefmarken und die exotischen Stempel: Die Faszination einer Postkarte geht von ihrer Individualität aus.

Manche Postkarten sind kleine Kunstwerke

In der Schweiz kam die erste Carte-correspondance, wie sie damals noch hiess, am 1. Oktober 1870 heraus. Sie war auch aus praktischen Gründen beliebt, stellte sie doch eine preiswerte Möglichkeit der Kommunikation dar. Das Porto war teilweise tiefer als für einen Brief. Bald entwickelte sich die Postkarte zu einem Massenphänomen. Dank neuer Druckverfahren Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich auch die klassische Ansichtskarte mit einem Bilddruck oder Foto durch.

Doch die Masse an Postkarten hatte auch Klasse. Manche Karten sind überraschende kleine Kunstwerke. Das zeigt ein Blick in die etwa 800 Exemplare umfassende Postkarten-Sammlung eines Briefmarkensammlers aus Uzwil, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. «In der Sammelszene bleibt man gegen Aussen oft anonym. Nur untereinander kennt man sich persönlich, und auch das erst nach einer gewissen Zeit», erklärt er seine Zurückhaltung.

1904 fand in St. Georgen bei St. Gallen das Eidgenössische Schützenfest statt.1904 fand in St. Georgen bei St. Gallen das Eidgenössische Schützenfest statt.
Das Wasser fliesst noch immer: der Rheinfall bei Schaffhausen 1904.Das Wasser fliesst noch immer: der Rheinfall bei Schaffhausen 1904.
War schon im frühen 20. Jahrhundert ein beliebtes Ausflugsziel: das Tessin.War schon im frühen 20. Jahrhundert ein beliebtes Ausflugsziel: das Tessin.
Eine Postkarte von Romanshorn von 1906.Eine Postkarte von Romanshorn von 1906.
Spektakel für Schaulustige: der Flughafen Zürich auf einer Postkarte von 1965.Spektakel für Schaulustige: der Flughafen Zürich auf einer Postkarte von 1965.
5 Bilder

Postkarten

Ein besonders kreatives Exemplar einer Postkarte hat ein gewisser Herr Bühler im Jahr 1904 nach Uzwil geschickt. Die mehrere Millimeter dicke Karte zeigt auf der Vorderseite einen Raddampfer in Ostende, einem belgischen Hafen- und Badeort. So weit, so unspektakulär. Doch mit einem kleinen, auf der Vorderseite angebrachten Riegel lässt sich ein Fensterchen öffnen, das eine ganze Reihe von kleinen Bildern des Ferienortes versteckt hält.

Grosser Beliebtheit erfreuten sich eine Zeit lang auch auffaltbare Panorama-Karten, so wie diejenige von Lugano aus dem Jahr 1915. Ruth grüsst darin einen Herrn und teilt ihm gleich ihre Pläne mit: «Im Laufe der Woche will ich auf den Generoso fahren.»

Postkarten zeigen, wie sich die Welt verändert

Ein Rätsel gibt eine neuere Postkarte von 1965 auf, welche den Flughafen Zürich zeigt. Da schreiben die Absender Max und Moritz – wenn sie denn tatsächlich so heissen: «Viele Grüsse von den fast in Afrika Gelandeten.» Was bedeutet hier «fast»? Sind die beiden Reisenden versehentlich im Flugzeug nach Afrika gesessen? Oder sind ihre Reisepläne durchkreuzt worden und sie in Kloten gestrandet? Am Rand der Karte steht neben einem lachenden Smiley: «Gäll kennsch mi nüüd!» Die beiden machen ihren Namensvettern, Wilhelm Buschs Spitzbuben, alle Ehre.

Postkarten sind aber auch Zeitzeugen. Stadtansichten, Berge, Gletscher, Denkmäler – wer die Bilder von einst mit heute vergleicht, sieht auch, wie die Welt sich verändert hat, wie die Menschen sich verändert haben. Auf dem Flughafen Kloten sind die Flugfans auf der Terrasse dem Brausen und Dröhnen der Maschinen ungeschützt ausgesetzt. Kein Dach, keine Wand, gar nichts – heute undenkbar. Oder aber was gleich geblieben ist: So sind auf der Postkarte vom Rheinfall aus dem Jahr 1904 kleine Boote am Fusse des tosenden Wasserfalls zu sehen – schon damals eine Touristenattraktion.

Harmonisches Nebeneinander von Digital und Analog

Wer die Texte auf der Rückseite liest, kommt einer weiteren Konstante auf die Spur. Die Bedürfnisse, die eine Postkarte einst befriedigt hat, sind noch immer die gleichen wie heute: Familien und Freunden ein Lebenszeichen schicken, ein Bild davon zu teilen, wo man sich gerade befindet, und ja, wohl auch zu zeigen, wie welterfahren und weit gereist man ist. Nur passiert das heute oft auf dem digitalen Weg.

Was aber auffällt: Mindestens so oft wie um die eigene Reise ging es früher um die angeschriebene Person. «Ich freue mich sehr, dass es euch beiden gut geht, das Wetter ist aber auch gar so günstig zu einer Badekur», liest man auf einer Karte, die an das «Hotel Hof» in Bad Ragaz ging. Manchmal bleibt es auch nur beim Gruss. Frida entbietet ihrem «Mütterlein» und dem «sehr geehrten Herrn Cousin» «die herzlichsten Grüsse».

Ganz in Vergessenheit dürfte die Postkarte wohl nie geraten. Dafür sorgen nicht nur Postkarten-Sammler – sogenannte Philokraten – und Liebhaber, sondern auch der Reiz des physischen Grusses. Bezeichnend sind denn auch Apps, mit denen sich eigene Schnappschüsse als physische Karte verschicken lassen. Individualisierte Postkarten, ein harmonisches Nebeneinander von Digital und Analog.

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