Fast hätte man den Bären durch einen Vogel ersetzt

«Affäre Schmid» in der Schulgemeinde Wil anno 1916

Ursula Ammann
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Die Einladung zur Schulgenossenversammlung. (Bild: Wiler Zeitung vom 16. Dezember 1916)

Die Einladung zur Schulgenossenversammlung. (Bild: Wiler Zeitung vom 16. Dezember 1916)

«800 Mann» waren anwesend an der Wiler Schulgenossenversammlung am 17. Dezember vor 100 Jahren. Für das grosse Interesse war zweifelsohne die «Affäre Schmid» verantwortlich. Über ein Jahr hatte diese die Schulgemeinde beschäftigt und für gegenseitige Anschuldigungen und böses Blut gesorgt. Das geht aus mehreren Artikeln der Wiler Zeitung von damals hervor.

Die Vorgeschichte: Peter Schmid, der Schulpfleger, soll in der Rechnungsführung eine «grosse Unordnung» gehabt haben. Dies zumindest hatte der freisinnige Schulrat, Architekt Paul Truniger, festgestellt. Ihm waren «unverantwortlich hohe Kassa-Saldi» aufgefallen. Auch verdächtigte er Schmid, hinter dem Rücken des Schulrats aus der Schulkassa in gesetzeswidriger Weise Obligationen verhandelt zu haben. Von der konservativen Schulratsmehrheit erhielt Truniger in dieser Sache jedoch keine Rückendeckung. Im Gegenteil. Schulratspräsident Bannwart und die Räte Bischoff und Meienberger stellten sich hinter den Schulpfleger und warfen Truniger unkorrektes und unkollegiales Verhalten vor. Dieser zog darauf nach 12 Jahren im Amt den Hut. Damit war die Sache aber nicht vom Tisch. Truniger verschaffte sich nochmals Einsicht in die Bücher, wozu er den «Schutz» des Chefs des Erziehungsrates einholen musste. Dabei stellte er neue Unregelmässigkeiten in Form versteckter Saldi fest, was auch die Rech- nungskommission konstatierte. Diese Tatsache bewog den übrigen Schulrat an der Schulgemeindeversammlung im Herbst 1915, Folgendes zu beantragen: Mit der Genehmigung der Jahresrechnung sei noch zuzuwarten, bis diese überprüft sei.

Auch der Stadtpfarrer half dem Angeschuldigten

Für Truniger kam dieser Antrag zwar einer Genugtuung gleich, doch er war ihm zu wenig präzis. Er erklärte, dass er gegen das Vertuschungssystem protestieren und nicht ruhen werde bis zur Bewahrheitung des Sprichworts «die Sonne bringt es an den Tag». Er beantragte, die gesamte Rechnung und Buchführung der Schulgemeinde Wil der letzten fünf Jahre sei unverzüglich durch eine Treuhandgesellschaft zu überprüfen. Zudem müsse der Zinsverlust ermittelt werden und der Expertenbericht an der nächsten Schulgemeindeversammlung vorgelegt werden.

Stadtpfarrer Harzenmoser, der als Vizepräsident der Schulgemeinde amtete, versuchte daraufhin, Gegensteuer zu geben. Im Schulwesen kämen nicht nur Gelder, sondern auch ideale Güter in Betracht. Man dürfe nicht nur mit nackten Zahlen operieren. Sonst könne man ja statt der Schulräte auch Schreibmaschinen in die Sitzungen abordnen. Er bezichtigte Truniger der Lüge und des Strebens nach Skandal. Dennoch stimmten die Schulgenossen dem Antrag Trunigers zu und nicht jenem des Schulrats.

Am 30. Januar 1916 wurde eine ausserordentliche Schulversammlung einberufen. Erstes Traktandum: Die beim letzten Mal geforderte Vorlegung des Berichts über die Rechnung und Buchführung der letzten fünf Jahre. Der demissionierte Schulrat Truninger kam extra vom Grenzdienst herbei. Er hatte bereits ein Exemplar des Berichts bekommen und legte dar, dass seine Anschuldigungen gegen Schmid Hand und Fuss hätten.

Es entbrach eine wilde Diskussion über Schuld und Schaden. Die Rechnungskommission hielt fest, dass der Pfleger erwiesenermassen gefehlt und die Gemeinde geschädigt habe. Der durch das Halten unverhältnismässig hoher Kassabestände erwachsene Zinsverlust sowie die Kosten für die Expertise seien durch den Pfleger zu bezahlen. Dagegen opponierte der Pfarrer. Er nahm den Pfleger erneut in Schutz. Der über die fünf Jahre erwachsene Zinsverlust von 960 Franken sei tiefer als erwartet und man wisse nicht so recht, wer diesen alles mitzuverantworten habe. Er plädierte, mit Schulpfleger Schmid nicht allzu hart ins Gericht zu gehen, unterliess es aber auch nicht, einige zynische Worte an Truniger zu richten. Dieser habe sich bei einer Freinacht im Siege berauscht, hielt er unter anderem fest. Dagegen protestierte Truniger und verlangte vom Pfarrer eine Beweiserbringung. Dieser erklärte nur, er habe nicht einen Alkoholrausch gemeint. Nach einer mehrstündigen Verhandlung genehmigte die Bürgerschaft den Antrag der Rechnungskommission.

Wie die Leserschaft wenige Monate später aus einem Inserat in der Wiler Zeitung erfuhr, kam es zwischen Truniger, dem Stadtpfarrer Harzenmoser, dem Schulratspräsidenten Bannwart sowie zwei weiteren Schulräten zu einem Prozessvergleich. Darin stand, dass die Verdachtsmomente gegen Schulpfleger Schmid gerechtfertigt seien und die Annahme der Schulratsmehrheit, der Pfleger habe «in guten Treuen» gehandelt, nicht mehr aufrecht erhalten werden könne. Da die Beweise für ungetreue Amtsführung anfangs jedoch noch nicht so «in die Augen springend» gewesen seien, gebe Truniger zu, dass das schonende Vorgehen der Schulräte begreiflich war.

600 Unterschriften für Akteneinsicht

Doch der Streit war noch nicht aus der Welt. Der Schulrat hatte beschlossen, den Bericht der Nachprüfungskommission in der Angelegenheit Schmid nicht öffentlich zu machen. Dagegen reichte Truniger eine Petition ein und sammelte 600 Unterschriften. Auch am Bodensee erfuhr man davon. Die als konservativ geltende Rorschacher Zeitung schrieb dazu: «Die liebe Neugierde hat am Zustandekommen dieser Unterschriftensammlung einen schönen Anteil.» Der Kommentar der Wiler Zeitung: Der Schulratsmehrheit sei wohl der Vorwurf der Neugierde in der ganzen Pflegerangelegenheit nicht zu machen. Man müsse sich sogar fragen, ob nicht der Bär im Wiler Wappen durch ein Tier mit Federn ersetzt werden dürfte. Ob der Vogel Strauss gemeint war?

An jenem 17. Dezember jedenfalls, als sich die 800 Mann zur Schulgenossenversammlung trafen, ging es nochmals emotional zu und her. Truniger verlas eine Passage aus dem Bericht der Nachprüfungskommission, worin der Schulratspräsident und die Schulräte für ihr Vorgehen kritisiert wurden. Trotz all dieser Kritik wurde an der Versammlung mehrmals betont, wie gut es sei, dass die Beteiligten zu einem Prozessvergleich zusammengefunden hätten. Auch Stadtpfarrer Harzenmoser zeigte sich darüber erfreut. Er gab sogar zu, dass er vom ungetreuen Verwalter belogen und betrogen worden sei. Den Schulgenossen wurde beantragt, die Arbeit des Schulrats sei zu verdanken, wobei auch «die Tätigkeit und Aufmerksamkeit und das ausdauernde Eintreten» von Paul Truniger zur Aufklärung der Pflegschaftsgeschichte inbegriffen sein solle.

Schulpfleger Schmid hatte im Vorfeld verlauten lassen, er werde «jeden Centimes» zurückzahlen, den die Schulgemeinde durch seine Geschäftsführung verlieren werde. Damit war die Behandlung der Angelegenheit Schmid erledigt.

Ursula Ammann