«Fählts dir im Gring?»

Jürg Dreier war einer der «Die 6 Kummerbuben» der gleichnamigen TV-Serie und des Kinofilms aus dem Jahr 1968. Der gebürtige Burgdorfer wohnt seit 37 Jahren im Toggenburg. Er ist hier heimisch geworden.

Beat Lanzendorfer
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Jürg Dreier an seinem Lieblingsplatz im Haus in Gähwil. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Jürg Dreier an seinem Lieblingsplatz im Haus in Gähwil. (Bild: Beat Lanzendorfer)

GÄHWIL. Der heute 60-Jährige gehört einer Generation an, bei der das Fernsehen noch in den Kinderschuhen steckte. «Das Theater hatte damals in den sechziger Jahren noch einen viel grösseren Stellenwert. Linda Geiser, unsere Filmmutter, wurde anfangs für das Engagement bei den sechs Kummerbuben von ihren Theaterkollegen geächtet», erzählt Jürg Dreier. Er selber musste sich gegen rund 800 Mitbewerber durchsetzen, um die Rolle zu ergattern. «Eines Tages besuchten Mitarbeiter der Filmcrew die Burgdorfer Schulen. Lehrer Eichenberger kam ins Schulzimmer und beorderte alle Schüler, die Interesse zeigten, ins Physikzimmer.

Nach mehrmaligem Vorsprechen musste ich zuletzt noch bei Regisseur Franz Schnyder bestehen.» «Du hast die Rolle», war sein Kommentar. Die Reaktion von Vater Hans, als Sohnemann Jürg zu Hause von seinen Filmplänen erzählte, war weniger euphorisch: «Fählts dir im Gring?» Nach einem klärenden Gespräch mit den Verantwortlichen, gab der Vater dann seinen Segen. Vier Schüler aus Burgdorf sowie deren zwei aus Bern bildeten die sechs Kummerbuben. «Aus meiner Heimatstadt kamen noch viele Kinder, die eine Nebenrolle besetzten», ergänzt der Berner mit Jahrgang 1955.

«Stolze» Gage

Die Dreharbeiten waren für die jungen Protagonisten ein Genuss: «Am Morgen ging es zuerst zur Schule, nicht für lange, dann holte uns ein VW-Bus ab und brachte uns zum Drehort. Damit wir möglichst keinen Schulstoff verpassen, wurde extra eine Lehrerin angestellt. Ihre Bemühungen waren nicht immer von Erfolg gekrönt», erzählt der heutige Gähwiler mit einem Augenzwinkern.

Nach insgesamt fünf Monaten waren alle Szenen abgedreht und die 13-teilige Serie plus ein zweistündiger Kinofilm im Kasten. «Es war eine wunderbare Zeit. Ruedi Walter, Margrit Rainer, Ines Torelli, Franz Matter und auch Linda Geiser, schon damals Stars, hatten Freude an uns Kindern.» Als die letzte Klappe fiel, erhielt Jürg Dreier ein Bankbüchlein mit 300 Franken. Zusätzlich fünf Franken für jeden Drehtag. «Ich habe das Bankbüchlein in all den Jahren nicht angerührt. Mittlerweile sind mit dem Zins 1050 Franken daraus geworden.» Zur Filmpremiere reisten die sechs Kummerbuben nach Bern und Zürich. Als die Serie im Fernsehen lief, war für Vater Hans definitiv der Zeitpunkt gekommen, einen eigenen Fernseher anzuschaffen. «Die sechs Kummerbuben war einer der ersten Filme, die farbig produziert wurden. Weil ein Farbfernseher aber rund 4500 Franken kostete, damals ein Vermögen, entschied sich mein Vater für ein schwarzweiss Gerät, das für etwa 1500 Franken erhältlich war.» Die Filmindustrie war zu jener Zeit noch klein, und weil keine weiteren Angebote kamen, war die Schauspielkarriere von «Hänsu», sein Name bei den Kummerbuben, mit zwölf bereits wieder zu Ende.

Seit 1978 im Toggenburg

Nach Abschluss der Schulzeit absolvierte Jürg Dreier eine Lehre als Automechaniker. Es folgten die Rekrutenschule als Panzermechaniker sowie die Unteroffiziersschule in Thun. Nach seiner Zeit beim Militär fand er eine Anstellung in seinem erlernten Beruf im solothurnischen Trimbach. Der Wechsel in die Ostschweiz erfolgte 1978. Er verstärkte das Team der Feldgarage Bütschwil, die im gleichen Jahr von Urs Stillhart gegründet worden war. Er nahm auch Wohnsitz im Dorf. Drei Jahre später wechselte er als Mechaniker zum AMP in Bronschhofen, das heute als Aussenstelle des Logistikcenters Hinwil fungiert. Jürg Dreier bekleidet dort heute das Amt des Werkstattleiters. Nach seiner Heirat im Jahre 1982 zog die junge Familie nach Mosnang. Der Ehe entsprangen drei Kinder. Nach seiner Scheidung im Jahre 1998 bezog Jürg Dreier ein Haus in Wil. Seit vier Jahren wohnt er nun in Gähwil. Seine grosse Leidenschaft ist seine 1300er-Yamaha. «Ich bin seit vielen Jahren ein Motorradfreak und bei schönem Wetter immer unterwegs, auch im Winter.» Das Mitglied der Jagdgesellschaft Bütschwil (seit 1981) gehörte auch während 15 Jahren der Theatergruppe Dreien an. Darüber hinaus hegt und pflegt der mittlerweile dreifache Grossvater den Aussenbereich seines Hauses. Mit seinen einstigen Schauspielkollegen besteht nur unregelmässiger Kontakt. «Wir sehen uns, wenn eine Zeitung, ein Hochglanzmagazin oder das Fernsehen einladen. In früheren Jahren hatten wir auch Auftritte bei Mäni Weber oder Rudi Carrell in Berlin. Wir waren auch schon bei Susanne Kunz in Eiger, Mönch und Kunz zu Gast.» Zuletzt trafen sich die sechs Kummerbuben im Mai, als Filmmutter Linda Geiser, die heute in den USA lebt, ihren 80. Geburtstag feierte. Jürg Dreier ist hier heimisch geworden und fühlt sich wohl in Gähwil. Einzig sein sympathischer Berner Dialekt lässt erahnen, dass er ein Zugezogener ist.

«Die sechs Kummerbuben»: Jürg Dreier als Hans/Hänsel, Beat Schenk als Fritz/Fritzli, Urs Hofmann als Hermann/Mändl (hintere Reihe von links); Heinz Hiltbrunner als Fred/Freddy, Urs Welsch als Paul/Päuli, Uli Hager als Peter/Peterli (vordere Reihe von links). (Bild: SRF/ Siegfried Kuhn)

«Die sechs Kummerbuben»: Jürg Dreier als Hans/Hänsel, Beat Schenk als Fritz/Fritzli, Urs Hofmann als Hermann/Mändl (hintere Reihe von links); Heinz Hiltbrunner als Fred/Freddy, Urs Welsch als Paul/Päuli, Uli Hager als Peter/Peterli (vordere Reihe von links). (Bild: SRF/ Siegfried Kuhn)

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