Fachkräftemangel gezielt begegnen

REGION. Berufsschule oder Universität? Diese Frage beschäftigt junge Menschen bei der Lebens- und die Wirtschaft bei der Stellenplanung gleichermassen. Denn Gewerbe und Industrie beklagen immer öfter einen Mangel an Berufsfachleuten.

Hans Suter
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Rund 30 Prozent der Berufslernenden absolvieren eine weiterführende Ausbildung in der Tertiärstufe (FH, HF, höhere Berufsbildung). (Bild: Ralph Ribi)

Rund 30 Prozent der Berufslernenden absolvieren eine weiterführende Ausbildung in der Tertiärstufe (FH, HF, höhere Berufsbildung). (Bild: Ralph Ribi)

«Unser Bildungssystem ist top», sagt Urs Frauchiger. Das duale Bildungssystem mit akademischer und Berufsbildung habe sich bewährt und stosse auf immer mehr Beachtung im Ausland. «Schweizer Studienabschlüsse und die gymnasiale Matura haben qualitativ einen hohen Wert. Der Forschungsstandort Schweiz bleibt dadurch bedeutsam», sagt der Rektor des Berufs- und Weiterbildungszentrums Wil-Uzwil (BZWU). Als Pendant dazu garantiere die bedürfnisorientierte Berufsbildung eine breite Grundversorgung von Arbeitsleistungen aller Gattungen. Besonders bedeutsam sei die Durchlässigkeit des dualen Bildungssystems, die jungen Berufsleuten bei entsprechender Eignung den späteren Weg an höhere Fachschulen (HF), Fachhochschulen (FH) sowie Universitäten und Hochschulen gewährleisten könne.

Fachkräftemangel relativiert

Der von Gewerbe und Industrie immer wieder hörbare Fachkräftemangel ordnet Urs Frauchiger differenziert ein. «Wir haben nicht nur aus demographischer Sicht Fachkräftemangel, sondern weil unsere Wirtschaft im Verhältnis zum Potenzial der inländischen Arbeitskräfte zu stark gewachsen ist.» Die südlichen Eurostaaten hingegen hätten Fachkräftemangel, weil die Ausbildung nicht bedarfsorientiert angeboten werde. «Firmen finden keine qualifizierten Arbeitskräfte trotz hoher Arbeitslosigkeit», sagt Frauchiger. «Die Ausbildungssysteme sind teilweise ineffizient.» In den USA könnten derzeit fünf Millionen Arbeitsplätze nicht besetzt werden, weil ausgebildete Fachkräfte fehlten. «Fachkräftemangel hat also nicht nur mit der Menge an verfügbaren Arbeitskräften zu tun», folgert Frauchiger.

Zahlen zum Fachkräftemangel

Laut Frauchiger liegt die Erwerbsquote in der Schweiz bei 87 Prozent. Es stünden maximal zehn Prozent freiwillig nicht im Erwerbsleben. «Etwa 4,2 Millionen Inländer und knapp 900 000 Ausländer erwirtschaften ein Bruttoinlandprodukt, das einer Industrienation von circa dreifacher Grösse entspricht», sagt Frauchiger. Die Schweiz erwirtschafte mit 5,1 Millionen Erwerbstätigen ein BIP von 700 Milliarden US-Dollar, während Spanien mit 29 Millionen Erwerbstätigen auf 1073 Milliarden US-Dollar komme.

Kind in den Mittelpunkt stellen

Die Schülerzahlen im Kanton St. Gallen nehmen seit bald 20 Jahren kontinuierlich ab. Das hat Konsequenzen. «Die Auswahlmöglichkeit arbeitgeberseitig wird laufend kleiner. Nicht mehr jeder Lernende kann die Anforderungen seines Berufs erfüllen», sagt der BZWU-Rektor. «Der Kampf um die Leistungsstarken wird zunehmen», prophezeit er. Die Attraktivität des Lehrberufs und des Ausbildungsbetriebs werde daher entscheidender. «Nicht Kanti oder Lehre soll aber die Kernfrage sein», warnt Urs Frauchiger. Vielmehr stünden die Neigungen und Interessen des Kindes im Mittelpunkt. Wertungen von Lehrpersonen und Eltern seien kontraproduktiv.

Austausch fördern

Urs Frauchiger empfiehlt, den Austausch an der Schnittstelle Oberstufe/Berufsbildung unter allen Anspruchsgruppen wie Schule, Berufsschule, Eltern und Berufsverbänden weiter zu intensivieren. Um den jungen Menschen Einblick in verschiedene Berufe gewähren zu können, empfiehlt Frauchiger Tagespraktika und Schnupperlehren.