FABULIEREN: Nicht nur «Es war einmal»

Michaela Baunach aus Braunau liebt Geschichten aus aller Welt. Aus dieser Leidenschaft hat sie einen Zweitberuf gemacht: Sie ist Märchenerzählerin und tritt auch an Geburtstagen und Hochzeiten auf.

Hana Mauder
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Märchenerzählerin Michaela Baunach hält eine Klangschale in ihren Händen. (Bild: Andrea Stalder)

Märchenerzählerin Michaela Baunach hält eine Klangschale in ihren Händen. (Bild: Andrea Stalder)

Hana Mauder

hana.mauder@thurgauerzeitung.ch

Auf einem Tisch, drapiert auf burgunderrotem Stoff, liegt mitten in allerlei sorgfältig arrangierten Kleinigkeiten ihre Klangschale. Michaela Baunach nimmt sie in die Hand, entlockt ihr einen ersten Ton und fängt an zu fabulieren. Die 44-Jährige hat das Märchenerzählen zu ihrem Zweitberuf gemacht und tritt mehrmals jährlich auf. Sie ist Mitglied der Schweizerischen Märchengesellschaft, die über 120 Erzählende vereint. Über diese Plattform lassen sich Märchenerzähler in der Nähe finden. Im Kanton Thurgau stehen derzeit zwei auf der Liste. Das Repertoire wandelt sich mit dem Erzähler. «Ich bevorzuge die stillen Erzählungen. Märchen für die Seele», sagt sie.

Geschichten aus anderen Kulturen faszinieren sie

Ihre Geschichten beginnen nicht immer mit dem klassischen Satz: Es war einmal. «Ich schätze die Grimm-Märchen und besitze die komplette Sammlung», betont Michaela Baunach und streicht über die Bücherrücken einer dickbauchigen Edition. «Aber mich faszinieren Märchen aus aller Welt und Geschichten aus anderen Kulturen.»

Namentlich die Legenden der Indianer haben ihr Interesse geweckt. Zweimal reiste sie in die Staaten, stöberte in Reservaten nach ursprünglichen Legenden und Mythen. Sie besuchte sogar einen Autor, dessen Werke sie faszinieren. In ihrem Hauptberuf ist Michaela Baunach Assistentin der Wohnheimleitung im Buecherwäldli in Uzwil. Es ist ein Wohnheim für Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen. Die Faszination fürs Fabulieren begleitet sie aber schon ihr Leben lang. «Ich bin ein Geschichten-Mensch. Ob Dornröschen oder Herr der Ringe. Hauptsache, es ist eine gute Geschichte», sagt sie. Der Inhalt der Märchen, deren Symbolik und Sprache regen sie zum Nachdenken an. «Was will uns ein Märchen mitteilen? Märchen sind nicht nur Unterhaltung. Es sind Geschichten mit einer Botschaft», ist sie überzeugt.

Ihre Ausbildung in Nürnberg liegt acht Jahre zurück. Zwei Jahre lang erarbeitete sie sich in Modulen den Zugang zur Märchenwelt. Entsprechende Ausbildungen sind auch in der Schweiz möglich. Die Mutabor-Stiftung in Trachselwald ist dafür eine bekannte Adresse. «Solche Ausbildungen beginnen mit Sprachbildung, der richtigen Atemtechnik und dem freien Sprechen vor Publikum», sagt Michaela Baunach. Aber auch Punkte wie der Umgang mit der eigenen Nervosität und der Miteinbezug des Publikums gehören dazu. «Jeder hat seinen eigenen Stil.» Ihr Erzählstil ist nicht nur auf Märchen für Kinder ausgerichtet. Die Erzählerin wird für Geburtstage, Firmen-Events oder Hochzeiten gebucht. «Je nach Anlass wandelt sich die Art der Geschichte», meint sie. «An Hochzeiten erzähle ich gern Märchen über Liebe, Lust und Leidenschaft.» Eine halbe Stunde dauert in der Regel ihr Auftritt inklusive Rahmenprogramm und kostet um die 200 Franken.

Man entdeckt sehr vieles, wenn man zuhört

«Man entdeckt vieles über fremde Kulturen, wenn man deren Geschichten liest», sagt sie. Ein Märchen mit dem Titel «Die Regenmacherin» hat es ihr besonders angetan. Es handelt von einem indianischen Waisenmädchen, das durch eine selbstlose Tat ihrem Stamm Regen beschert. So verschieden Märchen aus aller Welt auch sein mögen, sie alle verbinden Gemeinsamkeiten: den Kampf zwischen Gut und Böse, Werte wie Güte und Anstand. «Märchen, Mythen und Legenden haben uns viel zu geben», sagt Michaela Baunach. «Man muss nur richtig zuhören.»