ETH in Wil: Freude und Erstaunen

Geht es nach der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell, siedelt sich die ETH Zürich mit einem Aussenzentrum auf dem Gebiet Wil West an. In der Region zeigt man sich überrascht und erfreut, hegt aber auch Zweifel, ob sich dieses Vorhaben umsetzen lässt.

Simon Dudle
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Auf dem Gebiet Wil West wird ein ETH-Campus stehen, sollten die Pläne der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell dereinst Realität werden. (Bild: Visualisierung: pd)

Auf dem Gebiet Wil West wird ein ETH-Campus stehen, sollten die Pläne der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell dereinst Realität werden. (Bild: Visualisierung: pd)

WIL. Die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) soll sich in Wil ansiedeln. Diese am Montagabend gestellte Forderung der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell kam für viele überraschend. Auch für die Vertreter der Regio Wil, die sich um die kommunalen Planungen kümmern. Einer von ihnen ist Stefan Frei, Leiter der Fachgruppe Wirtschaft: «Wir sind völlig überrascht, werden diese Idee aber mit grossem Interesse prüfen. Grundsätzlich wollen wir einen vertieften Blick auf die Berufsbildung und Weiterbildung richten. Das schliesst aber nicht aus, dass ein solches Projekt realisiert wird.» Laut Frei sei die Berufsbildung in der Region überdurchschnittlich stark ausgeprägt, und die Region Wil habe eine florierende, produzierende Industrie. Es brauche aber auch Akademiker.

«Haben dringendere Probleme»

Westlich der Stadtgrenze sollen laut Regio Wil auf einer Nutzfläche von bis zu 500 000 Quadratmetern rund 3000 Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung geschaffen werden. Dies würde gegen die Ansiedlung der ETH sprechen. «Man darf das nicht so eng sehen. Zwar gäbe das Gebäude nicht viel Wertschöpfung. Im Umfeld käme es aber zu Firmen-Ansiedelungen, und man könnte Leute aus technischen Berufen rekrutieren», sagt Frei.

Ähnlich tönt es bei Marco Frauchiger, Rektor des Berufs- und Weiterbildungszentrums Wil-Uzwil: «Die Idee ist begrüssenswert. Jeder Schub hat positive Folgewirkungen.» Aus seiner Sicht muss professionelle Bildung in die Region geholt werden, egal auf welchem Weg. Die ETH sieht Frauchiger nicht als Konkurrenz. «Ich bin auch Präsident der Oberstufenschulgemeinde Oberbüren-Niederwil-Niederbüren. Jeder Schüler muss dort landen, wo es für ihn optimal ist. Es braucht die Berufsschulen und den akademischen Weg.» Er ist allerdings nicht sicher, wie einfach sich das Vorhaben «ETH in Wil» umsetzen lässt. «Der Bund müsste finanziell einlenken. Doch wir haben dringendere Probleme», sagt Frauchiger. «Wenn man nicht mal abhebt, wird man nichts bewegen. Wer nie zu hoch greift, wird die Sterne nie erreichen.»

Bei Doris Dietler Schuppli, Rektorin der Kantonsschule Wil, wäre die Freude gross, wenn die ETH dereinst auf dem Platz Wil angesiedelt würde. «Es wäre schön, wenn man die jungen Akademiker in der Region halten könnte. Das käme einer Aufwertung gleich. Wie realistisch eine Umsetzung ist, wird allerdings noch zu prüfen sein.»

«Enorme zusätzliche Stärkung»

Ebenfalls erfreut ist die Wiler Stadtpräsidentin Susanne Hartmann. Sie sagt: «Auch wenn es aktuell <nur> eine Vision ist, zeigt die Studie doch deutlich auf, dass unsere Stadt nicht nur Potenzial, sondern auch eine Ausstrahlung über die Stadtgrenzen und über die Region hinaus hat.» Aus ihrer Sicht wäre es eine «enorme zusätzliche Stärkung des Standorts», wenn die sogenannte ETH Science City Wil verwirklicht würde. Wil West erachtet Hartmann auch wegen der «optimalen Verkehrsanbindung» als sehr geeignet. «Ein solches ETH-Aussenzentrum würde nicht nur die Bildungslandschaft Wil massiv bereichern, sondern auch die Ansiedelung von Industrie- und Technologieunternehmen vorantreiben», sagt die Stadtpräsidentin. In Wil West habe es genügend Platz für Bildung und Wirtschaft.

Stefan Frei Regio Wil, Leiter Fachgruppe Wirtschaft (Bild: pd)

Stefan Frei Regio Wil, Leiter Fachgruppe Wirtschaft (Bild: pd)

Susanne Hartmann Stadtpräsidentin Wil (Bild: pd)

Susanne Hartmann Stadtpräsidentin Wil (Bild: pd)