Barrierefreiheit am Wiler Bahnhof
bringt alten Posttunnel ins Gespräch

Der Bahnhof Wil soll barrierefrei werden. Die Kosten belaufen sich auf 35 Millionen Franken. Baubeginn ist im besten Fall im Sommer kommenden Jahres.

Dinah Hauser
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Längere Perrons und barrierefrei: Bis 2023 haben die SBB einige Änderungen für den Bahnhof Wil geplant. Mit betroffen von den baulichen Massnahmen ist die Post als Eigentümerin des stillgelegten Posttunnels. Dieser verläuft unter den Gleisen.

Längere Perrons und barrierefrei: Bis 2023 haben die SBB einige Änderungen für den Bahnhof Wil geplant. Mit betroffen von den baulichen Massnahmen ist die Post als Eigentümerin des stillgelegten Posttunnels. Dieser verläuft unter den Gleisen.

Bilder: Hans Suter

Zwei Mappen mit Hunderten von Seiten sowie verschiedenen Bauplänen: Wer das aufliegende Baugesuch der SBB anschauen will, muss viel Zeit mitbringen. Doch worum geht es überhaupt? Und was hat es mit dem Enteignungsverfahren auf sich?

Wer am Wiler Bahnhof genau hinschaut, entdeckt schon erste Markierungen. Sie verraten: Änderungen sind geplant. Zum einen haben die SBB die Auflage, bis 2023 alle Bahnhöfe in der Schweiz barrierefrei auszugestalten. Am Wiler Bahnhof ist dies noch nicht geschehen. Die Unterführung im Westen ist zwar mit Liften ausgestattet. Aber die grosse Personenunterführung Ost erfüllt den Standard nicht. Diese beginnt zwischen dem Bäckerei-Café Panetarium und dem Ladenkiosk Avec und endet auf der anderen Seite bei der Post. Dort hat es zwar eine Rampe; mit 12 Prozent Steigung ist sie allerdings viel zu steil.

Die Markierungen sind gesetzt: Hier soll auf dem Perron zu den Gleisen 4 und 5 ein Lift entstehen.

Die Markierungen sind gesetzt: Hier soll auf dem Perron zu den Gleisen 4 und 5 ein Lift entstehen.

Zudem sind in der östlichen Unterführung keine Lifte oder Rampen vorhanden, die zu den Perrons führen. Für Personen mit Mobilitätseinschränkungen nicht optimal, müssen sie doch einen Umweg in Kauf nehmen, wenn ihr Zug nicht auf Gleis 1 fährt. Jedoch profitieren auch Passagiere mit schwerem Gepäck oder Kinderwagen vom Umbau, wie SBB-Sprecher Martin Meier sagt. «Von einem barrierefreien Bahnhof Wil werden alle profitieren.»

Kostenpunkt des Bauvorhabens: 35,3 Millionen Franken. Läuft alles nach Plan, wird im Sommer 2021 mit den Bauarbeiten gestartet. Diese dauern dann bis Ende 2023.

Enteignungsverfahren betrifft den Posttunnel

Die Unterführung Ost soll also mit Rampen und Liften ausgestaltet werden. Hier spielt denn auch das Enteignungsverfahren hinein. Parallel zur Unterführung Ost verläuft nämlich der stillgelegte Posttunnel. Eigentümerin dessen ist – wie der Name bereits vermuten lässt – die Post. Der Bauplan der SBB sieht genau in dem Bereich Änderungen vor: Die neue Treppe zum Perron 2/3 – sie durchbricht künftig die gegenüberliegende Wand der Unterführung – streift den Posttunnel. Dies hat bauliche Verstärkungsmassnahmen zur Folge. Im gleichen Ausbauschritt soll der Tunnel neu abgedichtet werden. Dazu muss aber erst die Rollgerste entfernt werden. Was diese im Tunnel macht? Martin Meier klärt auf:

«Früher hat man Rollgerste zum Abdichten benutzt»

Die SBB wollen also Änderungen an fremdem Eigentum vornehmen. Dies darf allerdings nur mit Einwilligung der Eigentümerin geschehen, weswegen ein Enteignungsverfahren aufgesetzt wurde. Im Gesuch ist aber vermerkt: «Die Stadt Wil steht in Kaufverhandlung mit der Post.»

Intensive Verhandlungen sind im Gang

Daniel Stutz, Stadtrat und Vorsteher des Wiler Departements für Bau, Umwelt und Verkehr (BUV), bestätigt die Verhandlungen um den Posttunnel. Zwar besteht bereits ein Vertrag, welcher der Stadt Wil das Recht erteilt, den Posttunnel zu erwerben. «Die Voraussetzungen für einen Kauf sind aber zurzeit noch nicht gegeben», sagt Daniel Stutz. Dazu muss man allerdings wissen: Das aufliegende Projekt der SBB hat den Stand vom vergangenen September. In der Zwischenzeit habe sich viel verändert.

So befinden sich die Beteiligten des Bauprojekts seit Monaten in intensiven Verhandlungen über einen neuen Vertrag. Namentlich beteiligt sind die SBB, die Post, Mettler2Invest und schliesslich die Stadt Wil. Erste Entwürfe eines neuen Vertrages lägen bereits vor und würden mit den Partnern verhandelt.

Bei dem Auflageverfahren mit Enteignung handelt es sich im Eisenbahnbau um ein Standardverfahren, sagt Daniel Stutz und ergänzt:

«Wir gehen derzeit aber davon aus, dass es am Schluss zu keiner Enteignung kommen wird.»

Es ist also wahrscheinlich, dass die SBB nachträglich Projektänderungen einreichen werden, sobald sich die beteiligten Parteien geeinigt haben.

Auch die Post bestätigt den Austausch mit der Stadt Wil und den SBB im Rahmen des Plangenehmigungsverfahrens. Da dieses aktuell läuft, erteilt die Post derzeit keine weiteren Auskünfte.

Posttunnel als Velotunnel – aber nur vorübergehend

Warum die Stadt am Posttunnel interessiert ist, ergibt sich aus dem Velokonzept. Während und auch nach dem Umbau der Personenunterführung Ost gilt ein Fahrverbot für Velos. Dieses würde eine schmerzliche Lücke in die städtische Veloinfrastruktur reissen, denn nebst der Unterführung Hubstrasse ist die Bahnhofunterführung die einzige Möglichkeit, die Gleise auf Stadtgebiet auf dem Zweirad zu queren. «Wir möchten mit dem Posttunnel die zentrale, direkte und sichere Veloverbindung zwischen Zentrum und Südquartier am Bahnhof erhalten», sagt Daniel Stutz. Dies aber nur vorübergehend. Denn die Personenunterführung Ost – und damit auch die Bausubstanz – ist teilweise bereits über 100 Jahre alt. «In 20 bis 30 Jahren muss die Unterführung komplett renoviert oder ersetzt werden», schätzt der Stadtrat. Dann wäre es das Ziel der Stadt, dort eine attraktive und leistungsfähige Querung für Fussgänger und Velofahrer zu ermöglichen.

Das Baugesuch zum Projekt am Bahnhof liegt öffentlich auf. Bis zum 7. September kann es beim Departement für Bau, Umwelt und Verkehr in Bronschhofen eingesehen werden.

Mehr und längere Züge in Wil

Als zweites Ziel des Bauvorhabens am Bahnhof Wil steht eine Leistungssteigerung im Vordergrund. Dazu sollen auch Gleise und Weichen erneuert beziehungsweise verschoben werden. Für die Fahrgäste am sichtbarsten dürften die Perronverlängerungen sein. So soll das Perron zum Gleis 1 auf 420 Meter und das Perron zum Gleis 2 auf 446 Meter verlängert werden. Dies würde es den SBB ermöglichen, den neuen FV-Dosto in voller Länge von 400 Metern einzusetzen. Einer der längsten Züge, welcher derzeit in Wil hält, ist der weisse Neigezug. In Doppeltraktion ist er 378 Meter lang. Ebenfalls verändert werden soll das Perron zu den Gleisen 4 und 5. Neu ist eine Länge von 170 Metern vorgesehen. Über 400 Züge passieren täglich den Bahnhof Wil Berechnungsgrundlage sind gemäss Baugesuch Zahlen aus dem Jahr 2018. Täglich halten in Wil 396 Reisezüge sowie 56 Güter- und Dienstzüge. 22400 Ein- und Ausstiege sind es somit pro Tag. Bis 2025 sollen dann 432 Reisezüge halten mit 27000 Ein- und Ausstiegen. Bis 2040 werden gar 37000 Passagiere erwartet. Da für diese Leistungssteigerung auch Gleisverlegungen notwendig sind, verbreitert sich das Trassee. Im Bereich der Titlisstrasse führt dies ebenfalls zu baulichen Veränderungen. Derzeit ist die Böschung mit einem Winkelgitter gesichert. Neu wird eine Stützmauer notwendig sein, die knapp zwei Meter hoch sein soll. Ebenfalls im Bauvorhaben inbegriffen ist eine Sanierung und Verstärkung der Strassenunterführung Hubstrasse. Denn das Bauwerk wollen die SBB künftig mit vier statt mit drei Gleisen nutzen. (dh)