«Es war ein ständiges Auf und Ab»: Das Ende der Baer Druck bedeutet auch das Ende einer Ära

Die Baer Druck AG wurde vor hundert Jahren gegründet. Während dieser langen Zeit hat die Branche viele Veränderungen erlebt. Nun will sich Inhaber Kurt Baer Ende Jahr ganz zurückziehen.

Philipp Stutz
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Kurt Baer an einem original Heidelberger Tiegel GTK, der noch aus der Zeit des Buchdrucks stammt. Die Maschine wird heute bisweilen noch zum Stanzen, Perforieren oder Rillen genutzt. (Bilder: Philipp Stutz)

Kurt Baer an einem original Heidelberger Tiegel GTK, der noch aus der Zeit des Buchdrucks stammt. Die Maschine wird heute bisweilen noch zum Stanzen, Perforieren oder Rillen genutzt. (Bilder: Philipp Stutz)

«Die Druckerei für Ihre Drucksachen» oder «Drucksachen für Geschäft und Privat», lautet der Slogan im Unternehmen, das während der Hochblüte des Buchdrucks bis zu 16 Mitarbeitende beschäftigte. Heute produziert Kurt Baer im Einmann-Betrieb als sogenannter «Schweizerdegen» und erledigt die anfallenden Aufträge. Als gelernter Buchdrucker hat er den Wandel in der Druckereibranche hautnah miterlebt.

Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, gilt als Erfinder des Buchdrucks. Seine geniale Erfindung der beweglichen Lettern hat ab dem Jahre 1450 Jahrhunderte überdauert. «Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert, und mehr als das Blei der Flinte das Blei des Setzkastens», resümierte bereits im 18. Jahrhundert Georg Christoph Lichtenberg. Und Mark Twain hielt Gutenbergs Erfindung gar als «weitaus grösstes Ereignis der Weltgeschichte».
Familienbetrieb startete mit Telefonnummer 73

Die Druckerei Baer wurde vor 100 Jahren gegründet und hiess damals Buchdruckerei Oberuzwil G. Baer-Meyer. Der Betrieb mitten im Dorf startete mit der Telefonnummer 73.

Die Baer Druck befindet sich an der Tafelackerstrasse mitten im Dorf.

Die Baer Druck befindet sich an der Tafelackerstrasse mitten im Dorf.

Im Mai 1918 erwarb Gottfried Baer-Meyer die Druckerei von G. Kopp. Er zog mit seiner Familie vom Engadin hierher und betrieb das Unternehmen erfolgreich. Vor dem Krieg entstand der Fa-brikanbau nördlich und nach dem Krieg der Ausbau südlich des Gebäudes.
1947 übergab Gottfried Baer die Druckerei seinen Söhnen Kuno, gelernter Schriftsetzer, und Edwin, gelernter Buchdrucker. 1982 ging die Baer Druck AG daraus hervor. Kurt, Sohn von Kuno Baer, stieg ins Geschäft ein. Ein grosser Teil des Hauses an der Tafelackerstrasse wurde damals für das Geschäft genutzt. Im Erdgeschoss befanden sich Setzerei und Druckerei, im ersten Stock die Buchbinderei und Ausrüsterei. Durch die Computerisierung und wegen Wegfalls von grossen Kundenaufträgen sowie auch Konkursen von guten Kunden in kurzer Zeit wurde das Unternehmen gezwungen, aus dem Geschäftshaus wieder ein Wohnhaus zu machen.

Vom Buchdruck zum Flachdruck

Baer Druck spezialisierte sich auf den Druck von Formularen. Das Unternehmen florierte, durfte viele Kunden aus der Region beliefern. Doch nach und nach gingen die Aufträge zurück. «Es war ein ständiges Auf und Ab», erinnert sich Baer. Auch rezessive Phasen hatte der Betrieb zu überstehen. «Da war es schwierig, in kostspielige Maschinen zu investieren», sagt er.

Mit Einzug des Computers und Digitaldrucks produzierten manche Kunden ihre Drucksachen fortan selbst. Kurt Baer erinnert sich:

«Jeder glaubte, plötzlich Setzer und Drucker zu sein.»

Heute erfolgt die Druckvorstufe – Gestaltung und Satz – am PC, und die Daten werden in vielen Fällen danach an eine Digitaldruckerei geschickt. Ein Vorgehen, das in Zukunft die Regel sein wird. Die Zeiten haben sich geändert, die Druckereibranche steht unter anhaltendem Druck. «Der Buchdruck wurde schliesslich auch bei uns durch den Flachdruck, den sogenannten Offsetdruck, abgelöst, und der Bleisatz musste dem Fotosatz weichen.

Eine Druckerei-Ära findet ihr Ende

«Heute wird alles mittels PC erledigt», sagt Kurt Baer und fügt hinzu: «Ich habe diese Entwicklung schon während meiner Berufsausbildung erahnt und mich früh für Computer interessiert.»
In der Druckerei steht ein original Heidelberger Tiegel GTK, der noch aus der Zeit des Buchdrucks stammt. «Die Maschine wird heute bisweilen noch zum Stanzen, Perforieren oder zum Rillen verwendet», sagt Kurt Baer. Gleich nebenan befindet sich eine moderne Digital-Druckmaschine, mit der die meisten Aufträge ausgeführt werden.

Kurt Baer blättert in Drucksachen, die in seiner Akzidenzdruckerei hergestellt wurden: Statuten, Geschäftsberichte, Prospekte, Briefpapier, Visitenkarten und natürlich Formulare. Ende Jahr will er sich von seinem Betrieb zurückziehen und sich vornehmlich seiner Familie und seinen Hobbys widmen. Dann wird Baer Druck wohl endgültig der Vergangenheit angehören und eine Druckerei-Ära ihr Ende finden.

Branche unter Druck

Die Druckereibranche leidet. Überkapazitäten, der rasante technologische Wandel, Preisdruck und wegbrechende Margen haben zur Folge, dass grosse Betriebe schliessen mussten. Aber es liegt nicht nur am technologischen Wandel. Die Schweiz ist eine «Hochpreisinsel». Somit drucken vermehrt Schweizer Unternehmen im Ausland und entziehen der hiesigen Branche Aufträge. Eine Druckerei kann nur noch überleben, wenn sie auf dem modernsten Stand ist. (stu)