«Es sind meine <Härzchäfer>»

Die Wilerin Franziska Stöckli ist stolz auf die kunstvollen Arbeiten ihrer insgesamt 18 Schüler. Diese erhalten durch ihr künstlerischen Schaffen positives Feedback, welches für die Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen wichtig ist.

Cornelia Nussbaum
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Wenige möchten ihrer Arbeit nachgehen, und kaum jemand kann das mit dem Enthusiasmus wie Franziska Stöckli. Sie arbeitet als Lehrerin im Projekt «Time Out» in Frauenfeld. Dort betreut sie an einer Tagesschule Jugendliche, welche in ihrer Regelklasse verhaltensauffällig, schwer integrierbar oder in eine persönliche Notsituation geraten sind. «Die Arbeit ist streng», gibt die Wilerin zu. Wie sie das sagt, weiss man: Es geht nicht um die vielen Arbeitsstunden, sondern um emotionale Belastung. «Die Arbeit geht ans Herz.

» Doch dafür werde sie mit Erfolgen belohnt – für alle 18 Schüler konnte eine passende Lösung gefunden werden, viele konnten zurück in ihre alte Klasse. «Ich bin mit Herzblut dabei», strahlt Stöckli und betont, sie könne auch abschalten.

Letzte Chance packen

Seit beinahe einem Jahr arbeitet die Lehrerin in diesem Thurgauer Projekt mit. Sie ist für diese Jugendlichen die letzte Chance, im «normalen» Schulleben Fuss zu fassen. Da sie das den Betroffenen und ihren Familien klar mache, würden diese irgendwann auch mitarbeiten.

«Es ist enorm spannend, mit Behördenvertretern, Psychiatern, Eltern und dem Teenie gemeinsam Lösungsstrategien zu suchen und diese umzusetzen.» Diese kommen aus unterschiedlichen Familien: Gewalt sowie Missbrauch, (Wohlstands-) Verwahrlosung, Überforderung und Vernachlässigung seien Themen zu Hause. Wenige kämen aus intakten Familien und scheinen einfach «Em Tüüfel ab em Chare gheit». Die Jugendlichen fallen durch Verweigerung und Abwesenheit sowie Aggressionen auf, oft hätten diese auch Bekanntschaft mit der Polizei gemacht.

Nur vier ihrer bisherigen Schüler besitzen keinen rot-weissen Pass.

Harte Schule fürs Leben

Was diese Kinder bei Franziska Stöckli leisten müssen, um ihre letzte Chance zu packen, ist aussergewöhnlich: Morgens um acht Uhr werden Handys und Zigis abgegeben für den ganzen Tag. An den Vormittagen haben die maximal acht Jugendlichen Unterricht. So, dass sie in ihren alten Sekundarschulklassen nach drei Monaten wieder begleitet reintegriert werden können. Dann sollten sie sogar ein kleines schulisches Polster haben.

Mittags wird zusammen gekocht und gegessen. «Es gehört auch dazu, dass ich den Schülern zeige, wie man anständig am Tisch sitzt», so Stöckli. Zähne putzen nach dem Essen ist auch Teil des Tagesablaufes. An den Nachmittagen findet normaler Unterricht statt, wird Sport getrieben, im Garten geholfen, sich um eine Lehrstelle gekümmert und in der Multifamilientherapie des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes gearbeitet.

Ein bis zwei Mal wöchentlich arbeiten die Jugendlichen an ihren Kunstwerken, betreut von Stöckli und von erfahrenen Künstlern. «Es ist unglaublich, was sie leisten», ist die kreative Lehrerin stolz. Wenn man die Werke ansieht, erkennt man, dass hier nicht einfach ein bisschen «gebastelt» wird. Verschiedene Formen von Kunst werden ausprobiert. «Die Jugendlichen erfahren dadurch auch Wertschätzung und haben Erfolgserlebnisse.

Das ist für sie enorm wertvoll, sie lernen so, dass man Aufmerksamkeit nicht nur durch negatives Verhalten erhält.»

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