«Es roch nach Leder und Leim»

An der Kreuzung Oberdorfstrasse/Enzenbühlstrasse, dort, wo heute ein kleines Pärkli unterhalten wird, stand bis 1960 ein Haus und die Werkstatt von Schuhmacher Jakob Wehrle. Enkelin Marianne Baumann erinnert sich.

Melanie Graf
Merken
Drucken
Teilen
1954: Jakob Wehrle in seiner Schuhmacherwerkstatt. (Bild: pd)

1954: Jakob Wehrle in seiner Schuhmacherwerkstatt. (Bild: pd)

FLAWIL. Das kleine Pärkli an der Einmündung der Oberdorfstrasse in die Enzenbühlstrasse ist im Auto leicht zu übersehen. Für Fussgänger bietet die kleine Grünfläche mit der Bank Gelegenheit zu einer Verschnaufpause. Im Rahmen der Serie «Orte und Plätze in den Gemeinden» des «Anzeigers Flawil-Degersheim», wurde die unscheinbare, namenlose «Oase» in den Fokus gerückt. Die Anfrage beim Bauamt hatte ergeben, dass an dieser Stelle einst ein Hausteil stand, der vor etwa 40, 50 Jahren abgebrochen worden war.

Erinnerungen sind präsent

Der Artikel weckte bei Marianne Baumann, pensionierte Oberstufenlehrerin in Flawil, Erinnerungen. Denn ihre Kindheitsgeschichte ist eng mit dem besagten Haus verknüpft. «Bei diesem Schuhmacher handelte es sich um meinen Grossvater», meldete sie der Redaktion. Sie habe ihre ersten Jahre in diesem Haus verbracht – zusammen mit ihrer Mutter und den Grosseltern Ida und Jakob Wehrle. «Und in diesem Quartier waren viele Kinder, die miteinander auf der Strasse spielten.»

Die Erinnerungen an die Werkstatt ihres Grossvaters Jakob Wehrle sind sehr präsent. «Es roch nach Leder und Leim.» Und er habe vorwiegend Schuhe repariert, erzählt sie. Zur Kundenpflege habe auch gehört, dass er seine Einkäufe bei Ladenbesitzern tätigte, die zu seiner Kundschaft zählten. Alle Geschäfte mussten berücksichtigt werden. «Wurden die Schuhe nicht abgeholt, lieferte er sie nach Hause und zog das Geld gleich ein.»

Gemeinde enteignet das Haus

Heute gehört das Grundstück der Gemeinde. «Damals aber war es im Besitz des Flawiler Fabrikanten Josef Nobel (1911–1975)», sagt Marianne Baumann. Nobel und seinem Bruder Walter gehörte die Hülsenfabrik an der Meierseggstrasse. Hergestellt wurden dort Kartonhülsen für Fadenspulen. Josef Nobel war nicht nur Flawiler Fabrikant, er amtete auch als Vizegemeindeammann und als Gemeinderat, weiss Marianne Baumann. «Der Zins betrug etwa 50 Franken im Monat. Ob jener für die Werkstatt darin eingerechnet war, weiss ich nicht.» Jedenfalls habe sie dem Vermieter jeweils den Zins überbringen dürfen. Der Hülsenfabrikant hat das Haus vermutlich einer Bewohnerin verkauft.

Dem «Volksfreund»-Archiv ist zu entnehmen, wie das Grundstück vor 50 Jahren in den Besitz der Gemeinde gelangte: «Zur Sanierung der Verkehrsverhältnisse beim Einlenker Oberdorfstrasse/Enzenbühlstrasse ist es – gemäss Mitteilung des Flawiler Gemeinderates – notwendig, die Liegenschaft von Fräulein Ida Weiss sel. durch die Gemeinde zu erwerben und abzubrechen. Die Gemeinde besitzt auf dieser Liegenschaft das Vorkaufsrecht, doch will ein Miterbe auf den Verkauf der Liegenschaft nicht eintreten. Der Gemeinderat beschliesst daher, beim Bezirksamt Untertoggenburg das Expropriationsbegehren (Enteignungsverfahren) zu stellen.»

Ehrenmitglied der HMF

Marianne Baumanns Grossvater erblickte 1881 die Welt. Er zog mit seiner Familie später aus dem Thurgau nach Flawil, heiratete Ida Naef aus Tufertschwil und zog mit ihr zusammen acht Kinder gross. Der Schuhmacher spielte Klarinette und war Mitglied der Harmoniemusik Flawil. 1950 wurde er zum Ehrenmitglied der HMF ernannt.

Nach dem Tod von Jakob Wehrle 1955 zog ein Verkäufer für Waschmaschinen in die Räume ein. Später eröffneten Jakob und Maria Mazenauer dort ihren Gemüsehandel. Mazenauer Früchte und Gemüse ist heute übrigens an der Oberdorfstrasse angesiedelt.

Unbeschreibliche Gefühle

Wenn sie an diesem Pärkli vorbeigehe, sagt Marianne Baumann, würden immer noch Erinnerungen wach. «Die Gefühle, die der Ort in mir weckt, kann ich nicht beschreiben.»

Bis 1960 stand an selber Stelle ein Haus mit einer Schuhmacher-Werkstätte. (Bild: pd)

Bis 1960 stand an selber Stelle ein Haus mit einer Schuhmacher-Werkstätte. (Bild: pd)

Das heutige Pärkli an der Einmündung der Oberdorfstrasse in die Enzenbühlstrasse. (Bild: Melanie Graf)

Das heutige Pärkli an der Einmündung der Oberdorfstrasse in die Enzenbühlstrasse. (Bild: Melanie Graf)