«Es macht fast süchtig …»

Im Sommer tritt er als Gemeinderat zurück. Ruedi Wehrli, parteilos, wird dann mehr als 26 Jahre Gemeinderat gewesen sein. Im Interview mit der Wiler Zeitung spricht er über die Freuden des Amtes und wieso er so lange im Amt blieb.

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Nach 26 Jahren tritt Ruedi Wehrli als Gemeinderat von Kirchberg zurück. Er zügelt nach Wil. (Bild: seb.)

Nach 26 Jahren tritt Ruedi Wehrli als Gemeinderat von Kirchberg zurück. Er zügelt nach Wil. (Bild: seb.)

Herr Wehrli, Sie treten im Sommer nach über 26 Jahren als Gemeinderat zurück. Wie fühlen Sie sich?

Ruedi Wehrli: Sehr gut. Ich denke, ich habe meine Pflicht erfüllt. Ich ziehe in eine Eigentumswohnung nach Wil, bereite also einen neuen Lebensabschnitt vor.

Treten Sie des Umzugs wegen zurück?

Wehrli: Ja. Sonst hätte ich diese Amtszeit bis Ende 2012 fertig gemacht. In drei Jahren werde ich auch als Lehrer in Kirchberg ordentlich pensioniert.

Wollten Sie früher schon einmal zurücktreten?

Wehrli: Eigentlich nie. Es ist ein wunderbarer Ausgleich zum Beruf. Auch Christoph Häne, unser Gemeindepräsident, ist nicht unschuldig, dass ich so lange im Amt blieb. Wir verstehen uns glänzend. Er hat immer gesagt, wenn jemand anders zurücktrat: Aber du bleibst noch, Ruedi.

Was verbindet Sie mit Christoph Häne?

Wehrli: Ich denke, wir haben die gleiche politische Haltung: sozial, wo nötig, aber auch hart, wenn es um Sachgeschäfte geht. Der Mensch (Bürger) steht bei uns immer im Zentrum.

Blick zurück: Am 1. Januar 1985 haben Sie Ihr Amt angetreten. Als Parteiloser in einem von der CVP dominierten Gemeinderat.

Wehrli: Ich wurde erst im zweiten Wahlgang gewählt, und das mit vier Stimmen Unterschied. Das war speziell.

Wieso das?

Wehrli: Ich war ein sogenannt «wilder» Kandidat. So etwas hat es früher in Kirchberg nicht gegeben. Ich hatte auch keine Gruppe mobilisiert, die mich unterstützte.

Was war Ihre Motivation?

Wehrli: Ich habe mir damals gesagt: Man kann nicht wählen, wenn man keine Auswahl hat. Vorher hatten die Parteien quasi die Sitze untereinander ausgemacht, immer 7 CVP und 2 FDP.

Sie haben es geschafft.

Wehrli: Ja, nachher wurde ich immer sehr gut wiedergewählt. Auf Gemeindeebene spielt die Partei weniger eine Rolle, Persönlichkeit und Leistung sind zentral.

Waren Sie je Mitglied einer Partei?

Wehrli: Nein, das werde ich auch nie. Ich lasse mich nicht gerne in ein Muster pressen. Das liegt in unserer Familie. Meine Mutter war schon ein offener Geist, meine Kinder sind es auch.

Was waren die Höhepunkte Ihrer Amtszeit?

Wehrli: Die Amtszeit selber, die hat mir sehr viel Freude bereitet. Ich kenne mittlerweile jedes Grundstück, ich war schon in jedem Stall. Aber sicher ist die Sportanlage Sonnmatt mit Fussballplatz und Garderobe ein Höhepunkt, den ich als Präsident der Sportgenossenschaft mitverantwortet habe. Auch die Alterswohnungen Bärewiesli. Diese hatten wir alle vermietet, bevor überhaupt ein Bagger aufgefahren war.

Gab es auch Tiefpunkte?

Wehrli: Eigentlich nicht. Die grösste Herausforderung waren die Aufgaben als Tierschutzbeauftragter. Als zum Beispiel einmal ein Bauer mit der Gabel auf mich losging. Aber das waren Einzelfälle, die ich an einer Hand abzählen kann.

Das tönt auch nach viel Arbeit.

Wehrli: Im Jahr, das habe ich nachgerechnet, sind es etwa 220 bis 250 Stunden Arbeit. Ein Vorteil ist, dass ich wohne, wo ich arbeite, da spart man Zeit. Mein Arbeitstag beginnt immer morgens um fünf Uhr.

Im Gemeinderat Kirchberg amten neun Personen. Zu viele?

Wehrli: Ich fand es immer eine gute Grösse. Sonst müsste man mit Teilzeitpensen arbeiten. Für so ein Amt braucht man viel Zeit und ein sehr gutes Umfeld, also die Familie, die dahinter steht.

Wie ist das Klima im Rat?

Wehrli: Ich bin 26 Jahre zu jeder Sitzung gerne gegangen, das sagt schon viel aus. Es ist eine so spannende und vielseitige Aufgabe. Klar hatten wir viele lautstarke Streitgespräche, aber es ging immer um die Sache. Nach jeder Sitzung gingen wir gemeinsam zum Essen, das war so wertvoll. Mir war immer wichtig, dass man Respekt voreinander hatte.

Sie präsidieren die Kommission für Altersfragen sowie die Betriebskommission Sonnengrund, Haus für Betagte. Was reizt Sie daran?

Wehrli: Der Kontakt mit Menschen, die sozial denken. Da spielen Gefühle eine Rolle. Bürgernähe ist mir ganz wichtig, deshalb wollte ich auch nie ins Kantonsparlament.

Haben Sie nach dem Rücktritt politische Ambitionen?

Wehrli: Überhaupt nicht. Ich engagiere mich weiterhin für den Nachwuchssport beim FC Wil. Und auch für soziale Projekte bin ich offen. Konkret ist noch nichts.

Wie hat sich die Gemeinde in den vergangenen 25 Jahren entwickelt?

Wehrli: Der Gemeinderat hat immer die Zeichen der Zeit erkannt. Auch den Zusammenhang von Ökonomie und Ökologie war dem Rat immer wichtig.

Haben Sie einen Wunsch bezüglich Ihrer Nachfolge?

Wehrli: Es sollte sicher eine Persönlichkeit sein, die Zeit und Freude hat, obwohl die Freude mit der Arbeit kommt. Unsere beiden jüngsten Ratsmitglieder sind überrascht, wie spannend die Arbeit ist. Es macht fast süchtig …

Interview: Sebastian Keller