Es ist sinnvoll, auf Kontinuität zu setzen

Kontinuität versus neue Impulse – diese Ausgangslage bietet sich bei den Wahlen in die Wiler Exekutive am 25. September.

Philipp Haag
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Kontinuität versus neue Impulse – diese Ausgangslage bietet sich bei den Wahlen in die Wiler Exekutive am 25. September. Der Fokus richtet sich auf einen Zweikampf: Der Stadtparlamentarier Daniel Stutz (Grüne Prowil) greift Stadtrat Marcus Zunzer (CVP) als Vorsteher des Departements Bau, Umwelt und Verkehr (BUV) an. Dass ein Stadtratssitz direkt ins Visier genommen wird, ist ungewöhnlich und in Wil kaum je dagewesen. Zwar richtet sich die Gegenkandidatur auch gegen die beiden anderen Stadträte Daniel Meili (FDP) und Dario Sulzer (SP), weil sich der Stadtregierung ausser beim Stadtpräsidium und beim Schulratspräsidium selber konstituiert, doch im Grunde genommen ist es ein Duell Stutz gegen Zunzer.

Das BUV ist ein Schlüsseldepartement. Es ist dasjenige mit dem grössten Konflikt- und Kritikpotenzial, aber auch dasjenige, das die Stadt gestalterisch am stärksten prägt. Der in Wil wohnhafte Zunzer steht dem Baudepartement seit acht Jahren vor. Als Architekt ist er mit der Materie bestens vertraut. Der 56-Jährige führt das Departement unaufgeregt und lösungsorientiert. In den vergangenen Jahren ist die Kritik an ihm allerdings stetig lauter geworden. Die Reorganisation der Hausdienste, respektive die mangelhafte Kommunikation, sorgte jüngst für Unmut in breiten Kreisen der Bevölkerung. Die Bewilligung von vier modern-wuchtigen Wohnblöcken in der Ortsbildschutzzone an der Konstanzerstrasse stiess auf Unverständnis. Zunzer wird ausserdem vorgeworfen, den geplanten Leistungsabbau der SBB auf dem Platz Wil verschlafen zu haben und sich nicht genügend vehement dagegen zu stemmen. Seine Gegner stufen den Leistungsausweis des BUV als bescheiden ein. Dies ist jedoch zu kurz gegriffen. Unter Zunzers Führung ist der Sportpark Bergholz entstanden, die grösste Anlage im Besitz der Stadt. Die Kosten von 60 Millionen Franken können eingehalten werden, was bei einem Komplex dieser Dimension nicht selbstverständlich ist. Zunzer sind die Geschäfte vertraut, er weiss um deren Stolpersteine und kennt die Abläufe in einer Verwaltung sowie die Gesetzmässigkeiten der Zusammenarbeit zwischen Legislative und Exekutive. Zunzer steht für Kontinuität.

Der in Wil aufgewachsene und heute in Bronschhofen wohnende Stutz sitzt seit vier Jahren für die Grünen Prowil in der Legislative. Es ist die zweite Amtszeit des 57-Jährigen, war er doch bereits ab 1985 für vier Jahre Mitglied des damals neu gegründeten Parlaments, damals noch für den Verein Prowil, den er mitgegründet hatte. Der Ingenieur ETH für Agrarwissenschaften ist bei der Agroscope Tänikon tätig, einer landwirtschaftlichen Forschungsanstalt des Bundes. Stutz ist Mitglied der Institutsleitung für Nachhaltigkeitswissenschaften und dort für den Support und die Infrastruktur an den Standorten Reckenholz und Tänikon mit 49 Mitarbeitenden mit angegliederten 300 Forscherinnen und Forschern verantwortlich. Politisch ist Stutz in den vergangenen vier Jahren nicht stark in Erscheinung getreten. Er hat einen Vorstoss lanciert, eine Interpellation zur Grünaustrasse. Stutz äussert sich regelmässig während der Parlamentssitzungen. Seine Voten sind kritisch, sachgerecht und durchdacht. Um deutliche Worte ist er nicht verlegen. Erfahrungen in der Architektur, respektive dem Bau, bringt Stutz nur marginal mit, dafür Führungserfahrung sowie Kompetenzen in Projekt- und Prozessmanagement. Stutz möchte den Grundsatz der Nachhaltigkeit ins Baudepartement einbringen. Dies bedeutet, die Stadt nicht nur nach wirtschaftlichen Kriterien voranzutreiben, sondern auch nach ökologischen. Durch seine Parlamentstätigkeit kennt er die wichtigen, im BUV anstehenden Geschäfte und deren Schwachpunkte. Stutz ist unvoreingenommen und bringt neue Standpunkte ein. Er steht für neue Impulse.

Am besten zeigen sich unterschiedliche Verhaltensweisen am Beispiel der Grünaustrasse. Zunzer hält an der Entlastungsstrasse fest, obwohl sie nach der Ablehnung im Jahr 2003 durch das Stimmvolk politisch vorbelastet ist. Stutz möchte die Grünaustrasse verhindern, bringt dafür die Idee eines Tunnels vom Gamma-Kreisel nach Rossrüti ins Spiel. Die unterirdische Strassenführung ist eher einer Illusion denn der Vision zuzuordnen, da die Finanzierbarkeit des immens teuren Projekts fraglich ist. Dennoch zeigt die Grünaustrasse exemplarisch auf, über welche Herangehensweisen und somit Stärken die beiden Kontrahenten verfügen. Während Zunzer ein ausgesprochen sachbezogener Realpolitiker ist, versucht Stutz, ebenfalls ein nüchterner Analytiker, um die Ecke zu denken, auch das scheinbar Unmögliche zuzulassen oder es zumindest zu prüfen. Neue Zugänge sind notwendig, vor allem beim Verkehr. Ein Thema, das Wil seit vielen Jahren beschäftigt. Die Strassen im Zentrum sind zu Stosszeiten verstopft. Das Zentrumsystem steht am Rand des Kollapses. Die Lösung des Verkehrsproblems wird eine der Herausforderungen in der neuen Legislatur sein. Dazu zählen auch die Umgestaltung des Bahnhofplatzes, die Sanierung des Lindenhof-Schulhauses und innerstädtische Arealentwicklungen.

Zunzer steht in der politischen Verantwortung, Stutz tritt als Herausforderer an, die einfachere Position. Der Stadtrat hat zwar Fehler begangen, aber keine derart gravierenden, die eine Abwahl zwingend machen. Er agierte zuweilen ungeschickt. Er kam in Erklärungsnotstand und hätte bei Fehlverhalten seiner Mitarbeitenden früher eingreifen sollen. Trotzdem führt er das Departement umsichtig und sachbezogen. Stutz seinerseits präsentiert kein Programm, durch das sich ein Wechsel an der Spitze des Departements aufdrängt. Dass er ein geringes Wissen im Bauwesen mitbringt und sich zeitintensiv einarbeiten muss, ist ein Manko. Erst recht, da Stutz nur eine Legislatur absolvieren möchte und allenfalls eine zweite anhängen würde. Stutz ist fähig, das Departement zu führen, und würde wertvolle neue Impulse einbringen, indem er der Nachhaltigkeit ein grösseres Gewicht gibt. Gegenwärtig ist es aber sinnvoll, auf die Kontinuität zu setzen.

Der BUV-Vorsteher führt das Departement in einem 60-Prozent-Pensum. Die Aufgaben sind in einem Teilzeitamt aber fast nicht mehr bewältigbar. Wil wächst kontinuierlich, wird durch den Bauboom von einer Kleinstadt zu einer Stadt mittlerer Grösse. Ein Schlüsseldepartement wie das BUV sollte einen Vorsteher haben, der Vollzeit arbeitet, seine Konzentration vollständig auf seine Arbeit im Dienst der Stadt richten kann und nicht zwischen seinem Amt und seinem Beruf hin und her wechseln muss. In der nächsten Legislatur sollte darum eine politische Diskussion geführt werden, das Pensum des Bau- und Verkehrs- chefs anzuheben. Bis ein Entscheid gefällt ist, sollte Zunzer seine Arbeit weiterführen können. Er tut aber gut daran, sich den Ideen der Grünen Prowil nicht komplett zu verschliessen. Dem Auto kritisch gegenüberzustehen und den Velofahrenden und Zufussgehenden eine stärkere Beachtung zu schenken, ist dringend angezeigt.