«Es ist schön, gebraucht zu werden»

Die Evangelische Kirchgemeinde Wil setzt zum ersten Mal einen Zivildienstleistenden ein. Der 21jährige Marius Meury kümmerte sich ums Kerzenziehen. Das Fazit fällt positiv aus, sowohl beim Zivildienstleistenden als auch bei den Verantwortlichen der Kirche.

Philipp Haag
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Der Zivildienstleistende Marius Meury während des Kerzenziehens und beim Abbauen der Infrastruktur. (Bilder: Markus Graf/Philipp Haag)

Der Zivildienstleistende Marius Meury während des Kerzenziehens und beim Abbauen der Infrastruktur. (Bilder: Markus Graf/Philipp Haag)

WIL. Ein Dutzend Mal steigt Marius Meury die Treppe in den Keller des Mesmerhuus in Wil hinunter, in der Hand eine Bodenplatte. Der Zivildienstleistende räumt den temporären Fussboden ab, den er vor zwei Wochen in einem Raum und im Flur gelegt hatte. Der Belag aus Holzfaserplatten diente während zehn Tagen als Schutz des Parketts. Die evangelische Kirchgemeinde führte im Parterre des Mesmerhuuses das Kerzenziehen durch.

Für Kerzenziehen zuständig

Die zehn Tage, während denen Kinder und Erwachsene Leuchten aus Wachs herstellten, waren ein kontrolliertes Experiment. Marius Meury war für den Anlass verantwortlich, vom Aufbau der Infrastruktur über die Durchführung bis zum Abbau. Er leistet diesen Monat seinen Zivildienst bei der Evangelischen Kirchgemeinde in Wil. Ein Novum für die Mitarbeitenden. Sie wirken zum ersten Mal mit einem Zivildienstleistenden zusammen. Das Kerzenziehen war die ideale Gelegenheit. «Ein Einsatz macht für uns nur Sinn, wenn wir dem Zivildienstleistenden ein Projekt übertragen können», sagt Kirchgemeindeschreiber Markus Graf. Das eigenständige Arbeiten «und die Möglichkeit, Verantwortung für ein Projekt zu übernehmen», schätzt Marius Meury denn auch. Er hatte eine klar umrissene Aufgabe, die er selbständig ausführen konnte. Das Gefühl, «gebraucht zu werden», war ein schöner Nebeneffekt. Marius Meury stand den Kindern und Erwachsenen helfend zur Seite, gab Tips, wie eine besonders farbenprächtige Kerze entsteht oder wie lange eine Bienenwachs-Kerze abzukühlen hat. Und er flickte die Kaffeemaschine, als diese kurzzeitig ausstieg.

Ein Spiegel der Persönlichkeit

Selber eine Kerze ziehen, dafür fehlte Marius Meury die Zeit. Er machte dafür einige interessante Beobachtungen. So stellte der Zivildienstleistende fest, dass sich die Persönlichkeit des Kindes in der Kerze spiegelt. Die Bekanntschaft mit vielen Menschen ist es denn auch, was ihm vom Kerzenziehen besonders in Erinnerung bleibt. Die Arbeit mit Menschen, «eine sinnstiftende Tätigkeit», wie Marius Meury sagt, war es, die den im baselstädtischen Riehen lebenden 21-Jährigen veranlasste, nach der Rekrutenschule in den Zivildienst einzutreten. Zur evangelischen Kirchgemeinde kam der in Wil geborene und in der Kreuzkirche getaufte Marius Meury über persönliche Kontakte. Die Vollzugsstelle in Aarau gab das Okay. Der Monat in der Äbtestadt entsprach den Vorstellungen von Marius Meury. «Der Einsatz ist abwechslungsreich. Ich werde körperlich und geistig gefordert», zieht er ein kurzes Fazit. Er habe ausserdem zum ersten Mal einen vertieften Einblick in das kirchliche Leben erhalten. Da er im nächsten Jahr weitere 120 Tage Zivildienst zu leisten hat, besteht die Möglichkeit einer Rückkehr.

Eine Bereicherung

«Wir sind offen», sagt Graf. Auch für den Kirchgemeindeschreiber ist der Einsatz von Marius Meury ein Gewinn. Dass der Zivildienstleistende das Kerzenziehen übernahm, war eine spürbare Entlastung. Der Betreuungsaufwand sei gering gewesen, sagt Graf. Ausserdem habe sich Marius Meury schnell ins Team integriert. «Einen jungen Mann im Team zu haben, ist eine Bereicherung.»

Legende (Bild:)

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