«Es ist kein Schlaf-Quartier»

«Projet futur», Teil I: Das Lindenhofquartier in Wil hat nicht den besten Ruf. Weshalb er trotzdem in keinem anderen Quartier leben möchte, sagt Christian Tröhler, Präsident des Quartiervereins Liho-V.

Philipp Haag
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Liho-V-Präsident Christian Tröhler. (Bild: ph)

Liho-V-Präsident Christian Tröhler. (Bild: ph)

Herr Tröhler, weshalb leben Sie im Lindenhofquartier?

Christian Tröhler: Ich lebe seit 50 Jahren in Wil. Meine Eltern sind 1966 ins Lindenhofquartier gezogen. Ich bin an der Thuraustrasse aufgewachsen und habe die obligatorische Schulzeit in den Schulhäusern Kirchplatz und Sonnenhof absolviert. Ab 1980 wohnte ich in den Quartieren Fürstenlandstrasse, Zentrum und Neulanden, bevor ich 1992 mein Elternhaus erwarb und umbaute.

Haben Sie Ihre Rückkehr ins Lindenhofquartier je bereut?

Tröhler: Nein, ich lebe sehr gerne im Lindenhofquartier.

Weshalb?

Tröhler: Es ist ein lebendiges Quartier mit einer grossen Vielfalt an Kulturen und Lebensformen sowie einer starken Durchmischung von älteren und jungen Bewohnerinnen und Bewohnern. Kein Schlaf-Quartier. Und es bietet viele Vorteile.

Welche?

Tröhler: Das Quartier ist optimal gelegen. In zehn Minuten sind der Bahnhof und das Stadtzentrum problemlos erreichbar. Und in fünf Minuten ist man mitten im Wald, im Naherholungsgebiet Thurau. Auch die Anbindung an den öffentlichen Verkehr und die Autobahn sind gut. Die Quartierstrassen sind verkehrsberuhigt. Das Quartier ist eben. Es sind keine nennenswerten Steigungen zu bewältigen. Für ältere Bewohnende ist dies äusserst angenehm.

Und die Sportanlage Lindenhof?

Sie ist Zentrum und Treffpunkt für viele. Ausserdem sind Kindertagesstätten, öffentlicher Hort, Kindergärten, Primar-, Sekundar- und Gewerbeschule mit einem grossen Weiterbildungsangebot im Quartier. Ein Angebot an Alterswohnungen und betreutem Wohnen ist vorhanden. Und seit 43 Jahren wirkt ein lebendiger Quartierverein.

Wo liegen die Schwächen des Quartiers?

Tröhler: Wir haben zwar eine Metzgerei und eine Bäckerei im Quartier, doch es fehlt ein Lebensmittelgeschäft. Seit der Spar geschlossen ist, ist die Grundversorgung mit Lebensmitteln und Artikeln des täglichen Bedarfs im Quartier nicht mehr gewährleistet. Tankstellenshops sind halt nicht das Gleiche wie ein Quartierladen. Gerade für ältere Leute keine einfache Situation.

Kann ein Laden im Lindenhofquartier rentabel betrieben werden?

Tröhler: Bestimmt. Bedingung ist, dass die Qualität der Produkte stimmt und die Betreiber einen kompetenten und freundlichen Service bieten.

Gibt es weitere Mankos?

Tröhler: Eine richtige Quartierbeiz mit Stammtisch, die auch am Wochenende geöffnet hat, würde dem Quartier gut tun. Sie könnte sich zu einem Treffpunkt für Jung und Alt entwickeln. Eine weitere Schwäche ist die vielbefahrene Toggenburgerstrasse und der Autobahnzubringer vom Gamma her, der das Quartier zerschneidet.

Das Lindenhofquartier hat einen schlechten Ruf. Es wird als Wohnort vieler Ausländer und Sozialhilfebezüger bezeichnet. Sehen Sie das Lindenhofquartier als Problemquartier?

Tröhler: Nein, ganz im Gegenteil. Es gibt keine Klagen wegen der Ausländer. Ende der 60er- und in den 70er-Jahren wurde im Süden des Quartiers günstiger Wohnraum in Form von Wohnblöcken geschaffen. Dies erst hat zu diesem hohen Anteil an Ausländern geführt. Sie leben und arbeiten mitten in unserer Gesellschaft und verhalten sich angepasst. Viele leben bereits in der zweiten oder dritten Generation im Quartier. Auch Exzesse oder Sachbeschädigungen kommen äusserst selten vor.

Wie würden Sie das Verhältnis der Schweizer zu den Ausländern beschreiben?

Tröhler: Als einander leben lassen und versuchen, sich gegenseitig zu respektieren und zu verstehen. Eine Durchmischung findet nur bedingt statt. Es ist ein friedliches Nebeneinander, eine funktionierende Ko-Existenz vieler Nationalitäten.

Und wie sieht es mit den Sozialhilfebezügern aus?

Tröhler: Die Annahme der überdurchschnittlich vielen Sozialhilfeempfänger im Quartier entspricht nicht der Wahrheit. Im Lindenhofquartier leben nicht mehr als in anderen Wiler Quartieren. Dies haben Erhebungen ergeben. Und selbst die Kontakt- und Anlaufstelle «Kaktus» ist kein Thema mehr.

Was kann gegen den schlechten Ruf unternommen werden?

Tröhler: Die Vorteile und positiven Aspekte hervorheben und immer wieder benennen. Positiv ist auch, dass wieder mehr Familien mit kleinen Kindern ins Quartier ziehen.

Eine Weiterentwicklung des Lindenhofquartiers strebt die Stadt mit dem «Projet futur» an. Was halten Sie vom Projekt?

Tröhler: Es ist eine grosse Chance für das Quartier. Wir erwarten, dass aus dem Projekt konkrete Massnahmen hervorgehen.

Zum Beispiel?

Tröhler: Der Spielplatz auf der Schulanlage Lindenhof ist Treffpunkt vieler ausländischer Mütter mit ihren Kindern. Er ist veraltet und soll aufgewertet werden. Und die Wegführung für den Langsam-Verkehr kann optimiert werden.

Sehen Sie städtebauliche Ansätze?

Tröhler: An einigen Standorten sollte der halb-öffentliche Raum zwischen den Gebäuden attraktiver gestaltet werden. So könnten Begegnungsräume geschaffen werden.

Bei einigen Häusern wird der Unterhalt vernachlässigt. Wie können die Besitzer animiert werden, die Gebäude zu sanieren?

Tröhler: Dies ist schwierig. Es kann ihnen nicht vorgeschrieben werden. Der Mix von Wohneigentum und Wohneinheiten zur Miete sollte noch etwas ausgewogener sein. Eine Möglichkeit bestünde darin, einige Bauten mit Mietwohnungen zu sanieren und in Wohneigentum umzuwandeln.