«Es gibt ‹Carlos-Fälle›, aber wenige»

Das Jugendheim Platanenhof wird 125 Jahre alt. Für die Verantwortlichen kein Grund zum Jubilieren, aber ein Anlass, die Arbeit jener zu würdigen, die den Auftrag der Wiedereingliederung Jugendlicher in die Gesellschaft umsetzen und umgesetzt haben.

Andrea Häusler
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Die geschlossene Abteilung des Jugendheims Platanenhof. (Bild: PD)

Die geschlossene Abteilung des Jugendheims Platanenhof. (Bild: PD)

«Schattenkind – Wie ich als Kind überlebt habe», gehörte 2016 zu den meistverkauften Sachbüchern der Schweiz. Die Autobiografie des Bündners Philipp Gurt gibt Einblick in das physische und psychische Leid seiner Vergangenheit, in einen Alltag in Heimen – auch im Platanenhof in Oberuzwil. «Dort geschah das für mich schlimmste Ereignis meiner Kinder- und Jugendzeit. Ich wurde in Isolationshaft gesteckt und war völlig von der Aussenwelt abgeschnitten», sagt der heute 51-Jährige im Rückblick. Gurt ist ein Beispiel, kein Einzelfall.

Publikation zum Jubiläum

Dagmar Müller, Sozialpädagogin und seit 2013 Leiterin des Jugendheims, weiss um die «dunklen Kapitel in der Geschichte des Platanenhofs», und beschönigt auch nichts. Der Kernauftrag, die Resozialisierung junger Menschen, sei noch immer der selbe, die Zeit aber habe sich geändert. Welche Auswirkungen dies auf den Platanenhof und den Inhalt der erzieherischen Massnahmen hatte, dürfte die Publikation aufzeigen, welche die Verantwortlichen aus Anlass des 125-jährigen Bestehens in Auftrag gegeben haben. «Darin befasst sich die Winterthurer Historikerin Verena Rothenbühler mit der Geschichte der Institution und dem Wandel der pädagogischen Vorstellungen.

Auch aus Respekt vor der Geschichte und vor Betreuten will Dagmar Müller das Jubiläum nicht «feiern», sondern in Bescheidenheit «begehen». «Wenngleich viele Jugendliche die Chance einer Platzierung wahrnehmen konnten, so haben Ängste, Entbehrungen und Belastungen die Biographie Ehemaliger oft auch negativ geprägt», sagt sie.

Lorbeeren haben Seltenheitswert

Von den erzieherischen Konzepten der Gegenwart, dem «professionellen sozialpädagogischen Angebot» und den ergänzenden Therapien der Gegenwart ist Dagmar Müller überzeugt. Obwohl positive Feedbacks auch heute noch selten seien – zumindest vor dem Erwachsenenalter. Dies ungeachtet dessen, dass alle Massnahmen im Wissen um die Verletzlichkeit der Jugendlichen angemessen angeordnet und stets von Menschlichkeit, Toleranz und dem Wohlwollen gegenüber den Betreuten geleitet würden. Verständlich, denn keiner der Jugendlichen war und ist freiwillig hier. Die jungen Menschen würden straf-, mehrheitlich aber zivilrechtlich eingewiesen, sagt Müller und ergänzt: «Die Platzierung wird oft als Bestrafung empfunden – obwohl hier kein Strafvollzug stattfindet.»

Dennoch erinnert der grosse Betonbau aus den 1980er-Jahren an ein Gefängnis: Vergitterte Fenster, öfters parkende Polizeifahrzeuge, ein umfassendes Sicherheitspositiv. Dagmar Müller differenziert: «Es gibt zwei Abteilungen. In der offenen sind in drei Wohngruppen ausschliesslich Männer untergebracht. «Noch», wie sie ergänzt. Persönlich begrüsse sie eine koedukative Betreuung, denn in geschlechtlich durchmischten Gruppen herrsche eine andere Kultur. Dies betreffe auch die Mitarbeiterteams: «In der von Frauen dominierten Sozialarbeit braucht es die männlichen Vorbilder», betont sie.

Wer im geschlossenen Bereich platziert wird, befindet sich nicht nur an einem Tiefpunkt im Leben, sondern in einer akuten Krise. «Es sind Jugendliche, die ständig unterwegs sind, sich nichts sagen lassen, sich oder andere gefährden oder straffällig geworden sind», sagt Dagmar Müller. Der Aufenthalt sei hier auf drei Monate beschränkt und diene der Abklärung der 12- bis 18-jährigen Frauen und Männer im Hinblick einer Anschlusslösung, die letztlich von den einweisenden Behörden verfügt würden.

Einschliessung bewirkt keine Verhaltensänderung

Natürlich seien die Strukturen im geschlossenen Bereich eng, räumt Dagmar Müller ein. Aber einfach «weggesperrt» werde auch hier niemand: Die Jugendlichen, zu rund einem Viertel Frauen, lebten in Wohngruppen und hätten Unterrichts- und Werkstatträume zur Verfügung. Und «Zellen» gibt es nicht? «Wir haben eine Disziplinarabteilung, bzw. ein «Sicherheitszimmer», präzisiert Dagmar Müller. Die vorübergehende Isolation werde dann zum Thema, wenn es um Gewalt gehe. Wobei Massnahmen wie diese gut begründet sein müssten. Die Einschliessung, sagt sie, bewirke keine Verhaltensänderung. Doch das Timeout könne deeskalierend wirken.

Kaum mehr langjährige Verfügungen

Dagmar Müller verhehlt nicht, dass die Vorbereitung auf ein «normales» Leben ausserhalb des Platanenhofs oft problembehaftet ist. «Es gibt Konflikte – bis hin zur Eskalation», sagt sie. Und die Mitarbeitenden würden durchaus mit Beschimpfungen, Bedrohungen und Gewalt konfrontiert. Umso wichtiger sei, nebst der entsprechenden Ausbildung, der permanente Austausch im Team, aber auch der Kontakt mit den einweisenden Behörden. Und wenn es gar nicht (mehr) geht? Wie etwa im «Fall «Carlos»? «Es gibt «Carlos-Fälle», Jugendliche, die nicht in die schweizerische Heimlandschaft passen, aber wenige.» Es gehöre auch zur Professionalität, die eigenen Grenzen zu erkennen.

Laut Dagmar Müller ist all dies nicht wesentlich anders als früher. Als Herausforderung hinzugekommen sei der Themenkomplex «Jugendliche mit Migrationshintergrund». Und was hat sich in den Jahren sonst verändert? «Die Aufenthaltsdauer. Es gibt immer weniger langfristige Verfügungen». Heute werde halbjährlich überprüft, ob eine Unterbringung weiterhin nötig ist. Klar, die Plätze im Platanenhof sind teuer. Wobei Dagmar Müller zu bedenken gibt, dass sich Fehlentwicklungen langfristig herangebildet hätten und deshalb nicht einfach auf die Schnelle korrigiert werden könnten.

Offene Türen am 25. Mai

Intern wird das Platanenhof-Jubiläum am 8. März mit einem Event am Vormittag gewürdigt. Am Nachmittag findet die jährliche Fachtagung zum Thema: «Alles bleibt anders» – Heimplatzierung gestern und heute und überhaupt – statt. Am Samstag, 25. Mai, wird ein «Tag der offenen Tür» durchgeführt, an dem sich Interessierte ein Bild über das heutige und somit aktuelle Geschehen im Platanenhof machen können. (ahi)