«Es braucht Naturburschen «

Die Krise im alpinen Skiteam rückt die Nachwuchsförderung und die Skigymnasien vermehrt in den Fokus. Bleibt es weiter möglich, eine Berufslehre mit der Sportkarriere zu verbinden?

Urs Huwyler
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SKISPORT. Das sportliche Debakel der Skination Schweiz in Kitzbühel löste eine Woche vor Beginn der Weltmeisterschaft weitere Diskussionen aus. Auch die Bedeutung der Skigymnasien/Sportschulen und die Finanzierung gaben zu reden. Das Thema «Naturburschen braucht das Land» erlebte eine Renaissance, nachdem Abfahrtssieger Dominik Paris als Kuhhirte (in der Schweiz) arbeitete, der Vater von Weltcupleader Marcel Hirscher als Hüttenwart auf der Stuhlalm angestellt war, Lauberhorn-Gewinner Christof Innerhofer als Hilfsarbeiter Unterlagsböden und Isolierungen verlegte oder Aksel Svindal sich als Halbwaiser durchboxen musste. «Meine Mutter arbeitete nachts in einer Bäckerei, um das Ganze finanzieren zu können», erinnert sich Christof Innerhofer.

Die bodenständigen Svindal, Paris, Hirscher oder Innerhofer studierten jedoch daneben wie viele Kollegen an einer Sport(ski)schule. Toggenburger Talente zieht es nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit ebenfalls immer seltener in einen handwerklichen Beruf. Boarder Jan Scherrer, der im Bündnerland zu den Aushängeschildern zählt, Laura Wyss, Marco Fischbacher, Martina Gebert, Jan Peter, Beda Klee oder Cédric Noger wechselten nach Davos, Sven Rauber besuchte das Gymnasium in Stams, Marco Bösch wählte die «United School of Sports» in St. Gallen.

Lehre ein Auslaufmodell?

Hat das kostengünstigere Modell «Lehre/Sport» ausgedient? Kaum. Die Schweiz versinkt derzeit nicht zuletzt deshalb in der Alpin-Depression, weil sich Didier Cuche vom Rennsport verabschiedet hat und Beat Feuz verletzungsbedingt ausfällt. Cuche ist gelernter Metzger, Feuz ausgebildeter Maurer. Olympiasiegerin Vreni Schneider hätte sich in ihrer Jugend nicht vorstellen können, ein Gymnasium zu besuchen. «Ich brauchte das familiäre Umfeld, wollte nach den Rennen nach Hause. Beide Wege müssen auch heute möglich sein. Aber der Trend geht Richtung Sportgymnasien», weiss die Glarnerin. Die talentierte Tochter des Bruders möchte die Skiwelt auch eher von Elm aus erobern. Für Reto Hermann (Ulisbach) war nach einem Jahr in der Sportschule Glarnerland klar: «Ich wollte nicht weiter zur Schule gehen.» Er schloss im Sommer seine Maurer-Lehre ab. «Entscheidend ist das Verständnis des Lehrmeisters. Ich hatte Glück mit dem Arbeitgeber und der Berufsschule», fügt der Speed-Spezialist an. Junior Linus Mettler kann seine Ausbildung zum Forstwart im «Forstbetrieb Obertoggenburg AG» absolvieren und erhält damit zusätzliche Freizeit für die Trainings und Wettkämpfe.

Keine Garantie

Wo aber stünde Reto Hermann heute, hätte er nach Davos gewechselt. «Schwierig zu sagen. Doch ich wäre sportlich kaum weiter», trauert Hermann keiner verpassten Chance nach. An der Junioren-SM waren im Super-G lediglich drei Konkurrenten schneller. Momentan harrt er allerdings zu Hause mit einem in der Berit Klinik Teufen operierten Handwurzelbruch (sieben Schrauben)der Dinge, die an der Ski-WM kommen werden. «Die Schweizer werden eine Medaille gewinnen», zeigt sich der OSSV-Kaderathlet auch neben der Strecke mutig.

Die Ausbildungskosten in Davos oder Engelberg betragen jährlich rund 13 500 Franken. Dazu kommen Ausgaben für Material, Trainingskurse, Startgelder, Verpflegung und Unterkunft während der Wettkämpfe. Stams unterscheidet zwischen Einheimischen (505 Euro pro Monat; September bis Juni) und Ausländern (785 Euro). Hochgerechnet ergebe dies jährlich etwa 20 000 Franken, betont ein Insider, der Einsicht in Dossiers hat, und schiebt nach, bei den Distanzen und der Infrastruktur müsse es in der Schweiz möglich sein, Lehre/Mittelschule ohne Gymnasium mit der Karriere zu verbinden. Sportler müssten für den Erfolg (wieder) kämpfen lernen.

Die Aufnahme in ein Skigymnasium sei noch kein Qualitätsausweis und nicht von vornherein erfolgversprechender als eine Berufsausbildung. Wichtig sei, dass sich die Eltern nicht unter Druck setzen liessen, sondern unabhängig der Sportart wie Didier Cuche, Beat Feuz oder Vreni Schneider die individuell beste Lösung suchten.