ERINNERUNG: Gerhard Blocher - als Dorfpfarrer abgewählt

Gerhard Blocher, Bruder von Christoph Blocher, ist am Mittwoch gestorben. Während zehn Jahren wirkte er als evangelischer Pfarrer in Flawil. Seine unerbittliche Art führte rasch zu Konflikten.

Marianne Bargagna
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Pfarrer Gerhard Blocher hat während seiner Amtszeit in Flawil tiefe Spuren hinterlassen. (Bild: Mario Gaccioli/KEY)

Pfarrer Gerhard Blocher hat während seiner Amtszeit in Flawil tiefe Spuren hinterlassen. (Bild: Mario Gaccioli/KEY)

Marianne Bargagna

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Viele Kirchgemeinden sind froh, einen Pfarrer zu finden. Das war Ende der 60er-Jahre in Flawil nicht anders. Den Stimmberechtigten der Reformierten Kirchgemeinde wurde 1967 Gerhard Blocher als Pfarrer vorgeschlagen. Er wurde auch gewählt. Damit begann jedoch für die Kirchgemeinde eine schwere Zeit. Denn bereits zu Beginn seiner Tätigkeit als Pfarrer zeigte sich Blocher unerbittlich, duldete keine anderen Meinungen neben sich. Es dauerte nicht lange, und sein pfarrherrlicher Auftritt hatte die Gemeinde in zwei Lager gespalten.

Den Christbaum aus der Kirche verbannt

Pfarrer Blochers enge Bibelauslegung und seine unerbittliche Art gegenüber Andersdenkenden führten rasch zu Konflikten. Den Christbaum, der in der eher kühlen Atmosphäre der Flawiler Kirche Feld während der Weihnachtszeit etwas Wärme verbreitete, verbannte er als heidnisches Symbol aus dem Gotteshaus. Für viele war das unverständlich. Die Diskussionen über die Christbaumverbannung gipfelten im Oktober 1969 in einer ausserordentlichen Kirchbürgerversammlung. Mit dem Resultat, dass am Ende einer emotionalen Debatte Pfarrer Blocher und sein damaliger Pfarrkollege Luciano Kuster von der Pflicht entbunden wurden, den Weihnachtsgottesdienst zu feiern.

Pfarrer Blochers Grundhaltung vermochte dieses Ereignis nicht zu erschüttern. Er liess es nicht zu, dass in Abdankungsgottesdiensten die Jodler zu Ehren eines verstorbenen Mitgliedes sangen. Er verbot das Cellospiel, verbot, dass angekündigt wurde, wenn der Kirchenchor den Gottesdienst mitgestaltete. Vermittelnde Gespräche zeigten keinen Erfolg. Blocher blieb unerbittlich und wich kein Jota von seinem Standpunkt ab.

Zur gleichen Zeit beschäftigte die Kirchgemeinde einen vollamtlichen Jugendarbeiter. Die Jugendlichen schätzten dessen Art, machten aktiv mit, und die Eltern konnten beruhigt sein, wenn sich ihre heranwachsenden Kinder im Jugendhaus aufhielten. Diese Arbeit wurde von Pfarrer Blocher torpediert. Er legte sich mit dem Jugendhausleiter an und kündigte einer Mitarbeiterin. Das brachte das Fass zum Überlaufen.

Die erste Abwahl im Kanton

Auch wenn Gerhard Blocher stets auf die Loyalität der Kirchenvorsteherschaft zählen konnte – viele Flawilerinnen und Flawiler wollten seinem pfarrherrlichen Gebaren nicht mehr länger zusehen. Der Druck auf Blocher nahm zu. Ein Initiativkomitee wurde gegründet. Unterschriften wurden gesammelt mit dem Ziel, ein Abberufungsverfahren einzuleiten. Wie gross das Unbehagen war, zeigt das Resultat der Unterschriftensammlung: Innert einer Woche kamen über 1000 Unterschriften zusammen. Die Abstimmung wurde auf den 12. Juni 1977 angesetzt. 68 Prozent gingen an die Urne. 1166 Flawiler Kirchbürger bezeugten mit ihrem Ja, dass sie Gerhard Blocher nicht mehr als Pfarrer wollten. Gerade mal 353 Kirchbürger hielten ihm die Treue. Das Stimmenverhältnis liess keine Zweifel offen: Das Gerüst aus Unerbittlichkeit und Intoleranz war über Blocher zusammengebrochen. Er war der erste Pfarrer in der Geschichte der Evangelisch-reformierten Kantonalkirche, der abgewählt wurde.

Auch nach der Abwahl wollte keine Ruhe in die Kirchgemeinde einkehren. Während Jahren blieb sie gespalten, was sich auch in häufigen Wechseln im Pfarramt manifestierte. Lange Zeit gab es zudem Flawiler, die nach Hallau pilgerten, wo Gerhard Blocher danach als Pfarrer amtete.