Er erinnert sich an die Steinzeit: Ein Flawiler erzählt von seiner Zeit beim Pfyner Pfahlbauer-Experiment

Christian Hinterberger war vor zwölf Jahren beim Pfyner Pfahlbauer-Experiment dabei. Er erzählt von seinen Erlebnissen und wie sie sich auf sein Leben auswirken.

Dinah Hauser
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Händler auf Wanderschaft: Mit steinzeitlicher Ausrüstung waren Christian Hinterberger (vorne) und Martin Imhof vor zwölf Jahren auf dem Hinterrugg im Toggenburg unterwegs. (Bild: SRF)

Händler auf Wanderschaft: Mit steinzeitlicher Ausrüstung waren Christian Hinterberger (vorne) und Martin Imhof vor zwölf Jahren auf dem Hinterrugg im Toggenburg unterwegs. (Bild: SRF)

«Da sind wir mit steinzeitlicher Ausrüstung durchgewandert.» Christian Hinterberger zeigt vom Norenberg aus auf das Alpenpanorama mit den Churfirsten und ergänzt: «Im Wildmannlisloch unterhalb des Seluns haben wir sogar übernachtet». Vor zwölf Jahren war der Flawiler dabei beim Pfyner Pfahlbauer-Projekt des Schweizer Fernsehens, welches derzeit neu aufgearbeitet ausgestrahlt wird.

Die Sippe, bestehend aus zwei Familien mit Kindern und zwei jungen Männern, musste vier Wochen im originalgetreu nachgebauten Pfahlbauerdorf leben. Hinterberger hatte damals unter anderem die Aufgabe, Handel zu treiben und zusammen mit Martin Imhof in den Alpen Salz einzutauschen.

Sie begaben sich auf eine zweiwöchige Wanderschaft – mit steinzeitlicher Ausrüstung legten sie über 300 Leistungskilometer zurück. Jedoch kam ihnen eine Regel immer wieder in die Quere: Sie durften keine Brücken nutzen – zu Pfahlbauerzeiten gab es diese noch nicht. «Das führte immer wieder zu wesentlichen Umwegen.»

Heute, zwölf Jahre später, ist Hinterberger erstaunt, was sich seither in seinem Leben getan hat: Er hat die Welt bereist, eine Familie gegründet und arbeitet als Herstellungsleiter bei der Swiss Caps AG in Kirchberg und ist für rund 90 Angestellte verantwortlich. Schaut Hinterberger die Folgen an, so erkenne er sich zwar wieder, es könne aber genau so gut ein Anderer vor der Kamera stehen.

«Es ist erstaunlich, welche Distanz man über die Jahre zu seinem damaligen Selbst entwickelt.»

Steinwerkzeuge, Gewänder und schmerzende Füsse

Die Rekapitulation hat für Hinterberger nicht erst mit der Neubearbeitung durch SRF begonnen. Im vergangenen Herbst schaute er sämtliche Folgen mit seinem siebenjährigen Sohn Henry und zeigte ihm, wie man damals Feuer gemacht hat.

Als kürzlich in der Schule das Thema «Früher und Heute» behandelt wurde, holte Hinterberger die bei seinen Eltern eingelagerten Kleider und Gegenstände vom damaligen Experiment ab. Sein Sohn war so begeistert, dass er gar im Leinengewand zur Schule gegangen sei, erzählt Hinterberger schmunzelnd.

Der 37-Jährige präsentiert auch einen schweren Fellmantel und einige Steinwerkzeuge wie ein Messer und einen Dolch. Hinterberger sagt:

«Heutzutage kann man sich kaum vorstellen, dass das Leben ohne modernes Werkzeug funktioniert.»

Beim Anfassen stellt man aber sogleich fest: Ein richtig bearbeiteter Stein ist ziemlich scharf. «Jedoch», merkt Hinterberger an, «kommen steinzeitliche Utensilien nicht immer mit moderner Infrastruktur klar.» Er bezieht sich vor allem auf die Teer- und Splitsteinwege. Die Schuhe seien zwar für naturbelassene Untergründe geeignet, federn aber zu wenig. Die Folge: Blasen und schmerzende Füsse und Beine vom harten Auftritt.

«Da sind wir hoch gelaufen»: Christian Hinterberger vor dem Bergpanorama. (Bild: Dinah Hauser)

«Da sind wir hoch gelaufen»: Christian Hinterberger vor dem Bergpanorama. (Bild: Dinah Hauser)

Das Ungewisse faszinierte ihn

Hinterberger kam zufällig zu seinem Auftritt in der Sendung: «Aus Jux habe ich im Internet einen zufällig entdeckten Steinzeit-Test gemacht.» Mit diesem wurden zwei junge Männer für das Experiment gesucht. Hinterberger durfte als einer der wenigen ans Casting nach Zürich.

Als Bauernsohn einer musikalischen Familie löste er die Aufgaben, wie Feuer machen oder Interviews geben, ohne Probleme. Die Verantwortlichen der Sendung hatte er anscheinend überzeugt. Als Student kurz vor dem Abschluss nutzte er die Gelegenheit auf «einen coolen Sommer» und stellte sich für das Projekt zur Verfügung.

«Als Weltenbummler war ich fasziniert vom Ungewissen, nie genau wissend, wo die Reise hinführen wird.»

Die Teilnahme am Projekt brachte auch Verpflichtungen mit sich. So musste Hinterberger bereit sein, sämtliche körperlichen Daten komplett offen zu legen. Vor, während und nach dem Experiment wurden Ganzkörperchecks durchgeführt und Bewegungsdaten aufgezeichnet, zwecks wissenschaftlichen Vergleichs zwischen dem modernen und dem steinzeitlichen Leben.

«Ich bin immer noch erstaunt, zu was der menschliche Körper heute noch fähig ist und wie schnell er sich anpassen kann.»

So hatte er sich rasch an die steinzeitliche Kost und Umstände wie Kälte und Schlaf gewöhnt. Zudem sei das Tempo im Alltag ruhiger und gleichmässiger gewesen. Auch merkte er, dass gewisse Urinstinkte immer noch vorhanden sind, «wir brauchen sie aber kaum mehr».

Vom Fernsehrummel selbst habe die Sippe im Pfahlbauerdorf nicht viel mitbekommen. «Wir hatten keine Ahnung, ob überhaupt jemand die Sendung schaut.» Auf der Wanderung – seinem Highlight – dämmerte es Hinterberger aber langsam. So warteten Leute am Strassenrand auf die Händler. Anfangs blieben die jungen Männer noch stehen und beantworteten Fragen. «Wir kamen aber bald nicht mehr vorwärts.» Künftig mussten Redselige also mitlaufen.

Dieses Salz holte Christian Hinterberger auf der Wanderung. (Bild: Dinah Hauser)

Dieses Salz holte Christian Hinterberger auf der Wanderung. (Bild: Dinah Hauser)

Die Herausforderungen der Rückkehr in die Moderne

Als das Experiment nach vier Wochen vorbei war, wurde Hinterberger bei der Rückkehr in die Zivilisation doch etwas vom Rummel erschlagen. So gab es in Flawil zu seiner Überraschung etwa einen öffentlichen Empfang. Auch in den Wochen danach wurde er überall von interessierten Leuten zu den Erlebnissen als Pfahlbauer befragt.

Ausserdem musste Hinterberger lernen, zu unterscheiden zwischen dem, was er erlebt hatte, und dem, was fast live gezeigt wurde: «Die Zuschauer haben nicht alles mitgekriegt. Zudem nahmen sie je nach Zusammenschnitt die Dinge anders wahr.» Um besser auf Fragen vorbereitet zu sein, schaute er sich die Folgen ein erstes Mal an.

Heute würde Hinterberger die Teilnahme am Experiment nicht als massiv lebensverändernd bezeichnen. «Klar war es ein interessantes und unvergessliches Abenteuer. Aber überbewerten will ich es auch nicht.» Seine Reisen um die Welt, etwa die Zugreise von Flawil nach Peking, hätten ihn ebenso stark geprägt. Gewisse Erfahrungen sind ihm aber besonders in Erinnerung geblieben.

«Mir wurde unser heutiger Luxus besonders bewusst, als ich das erste Mal wieder durch einen Supermarkt gelaufen bin.»

Auch die Farben habe er anfangs als sehr intensiv wahrgenommen. «In der Steinzeit gab es nur Naturtöne. Da war kein Violett oder das saftige Rot einer Tomate.»

Was ihn bis heute noch erstaunt: Die zehn Personen überstanden die vier Wochen ohne Krach. Selbst die zweiwöchige Wanderung sei gut verlaufen. «Wenn zwei Personen Tag und Nacht aufeinander hocken, dann kann das auch gehörig schief gehen», sagt Hinterberger. Sie hätten aber – trotz zum Teil unterschiedlicher Ansichten – immer einen kameradschaftlichen Umgang gepflegt. Heute ist der Wanderkumpane Martin Imhof gar ein guter Freund.

Hinweis
Die Pfahlbauer sind sonntags um 18.15 Uhr auf SRF 1 unterwegs.

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