Entgegen landläufiger Meinung: Die Anzahl der Arbeitsplätze in Flawil sinkt nicht

Im Gegenteil: Sie nimmt seit 20 Jahren wieder kontinuierlich zu – genauso wie die Bevölkerungszahl und jene der Unternehmungen.

Johannes Rutz
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Die Glatthalde ist ein wichtiges Industriegebiet in Flawil. (Bild: Johannes Rutz)

Die Glatthalde ist ein wichtiges Industriegebiet in Flawil. (Bild: Johannes Rutz)

Erstaunlicherweise wächst das Arbeitsplatzangebot im gleichen Rhythmus wie die Zunahme der Bewohner. Die Flawiler Bevölkerung hat im Zeitraum der letzten 60 Jahre um 59 Prozent zugenommen: von 6663 im Jahre 1955 auf 10616 im Jahre 2017. Die Arbeitsplätze verzeichnen im gleichen Zeitraum einen Zuwachs von 53 Prozent, nämlich von 2927 (1955) auf 4501 (2017).

Wirtschaftseinbruch in den 1990er-Jahren

Allerdings verläuft das Wachstum der Arbeitsplätze nicht linear. In der Wirtschaftskrise der 1990er-Jahre verlor Flawil innerhalb von sieben Jahren rund 700 Arbeitsplätze (1991: 3984; 1998 3315), also rund einen Fünftel der Beschäftigten. Grund war das Aus für die Flawiler Stickereiindustrie. Der massive Wirtschaftseinbruch konnte erst nach zwölf Jahren wieder kompensiert werden. Erst 2010 erreichte das Total der Arbeitsplätze das Niveau von 1991 wieder.
Diese Tatsache mag erklären, warum in Flawil noch immer die Vorstellung herrscht, die Arbeitsplätze nähmen ab. 2017 ist sogar ein neuer Höchststand mit 4501 Beschäftigten zu verzeichnen. Diese Wirtschaftskrise war mit ein Grund, dass die politische Gemeinde Flawil im Jahr 2000 ein Jungunternehmerzentrum als Wirtschaftsförderungsmassnahme ins Leben rief.

Auch die Anzahl Betriebe wächst

Im Gleichschritt mit dem Wachstum der Bevölkerung und der Arbeitsplätze wächst die Anzahl der Flawiler Betriebe. 1955 zählte man 387 Betriebe, im Jahre 2017 617, also 59 Prozent mehr als noch vor 60 Jahren.

Interessant ist die Aufteilung der Betriebe nach ihrer Grösse. Gemäss Statistikdatenbank des Kantons St. Gallen zählen 538 (87,2 Prozent) zu den sogenannten Mikrobetrieben mit weniger als zehn Vollzeitstellen. Kleinbetriebe (zwischen 10 und 49 Mitarbeitern) gibt es 71 (11,5 Prozent). Zu den mittelgrossen Betrieben zählen solche mit 50 bis 249 Mitarbeitern. Die Statistik weist deren acht (1,3 Prozent) aus. Es sind dies die bekannten Flawiler Firmen wie Büchi Labortechnik AG, Maestrani Schweizer Schokoladen AG, Flawa AG, SFS intec AG, Galledia, Spital Flawil.

Keine Grossbetriebe mehr

Dagegen gibt es in Flawil seit längerem keine Grossbetriebe mehr, die mehr als 250 Mitarbeitenden zählen. Die letzten beiden verschwanden in der Wirtschaftskrise der 1990er-Jahre. Es waren dies das Bauunternehmen KHG Koch-Heer Gantenbein AG, damals mit 500 Mitarbeitenden das grösste Bauunternehmen im Kanton St. Gallen, und die Firma Habis Textil AG, die in den besten Jahren um 1960 über 600 Leute beschäftigte. Flawil zeichnet sich nach wie vor durch einen starken industriellen Sektor aus. Gemäss Betriebszählung arbeiten 48,6 Prozent der 4501 Beschäftigten im Sektor 2. Im Dienstleistungssektor sind es 49,5 Prozent und im 1. Sektor (Agrar- und Forstwirtschaft) lediglich noch 1,8 Prozent. Die Dominanz des Industriesektors zeigt sich besonders deutlich im Vergleich zum schweizerischen Durchschnitt. Dieser weist nur noch 24,6 Prozent für den 2. Sektor, aber 72,8 Prozent für den 3. Sektor aus. Berechnet wird in sogenannten Vollzeitäquivalenten.

Negativ-Pendlersaldo von 1142 Personen

Der Vergleich mit dem Jahre 1955 zeigt indes, wie gewaltig auch in Flawil der wirtschaftliche Strukturwandel gewirkt hat. Damals arbeiteten 84 Prozent der Beschäftigten im Industriesektor und lediglich 16 Prozent im Dienstleistungssektor.
Nach Flawil pendeln vorwiegend aus der näheren Umgebung 3406 Beschäftigte zu, während 2264 zur Arbeit wegpendeln. Das ergibt einen negativen Pendler Saldo von 1142. Rund ein Viertel benützt für das Pendeln den öffentlichen Verkehr.

Dichteste Besiedlung

In der Statistikdatenbank des Kantons St. Gallen zur Bevölkerungsdichte wird die Anzahl Einwohner (E) pro Quadratkilometer (km2) Gemeindegebiet angegeben. Flawil hat mit 919 E/km2 die dichteste regionale Besiedlung, gefolgt von Uzwil (886), Gossau (660), Oberuzwil (457) und Degersheim (279) E/km2. Zum Vergleich: die Bevölkerungsdichte der Stadt St. Gallen ist besonders hoch, nämlich 1917 E/km2. Der kantonale Durchschnitt liegt bei 258 E/km2. (jr)