ENGAGEMENT: Einsatz in den Anden

Im September haben Hellen und Michael Hermann ihre Zelte in Peru aufgeschlagen, um sich dort für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen. Das Bronschhofer Ehepaar über Kulturschocks, Korruption und den täglichen Kampf für eine bessere Welt.

Ursula Ammann
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Hellen und Michael Hermann an der Jahresplanung einer Gruppe im Bereich Menschenrechte. (Bild: PD)

Hellen und Michael Hermann an der Jahresplanung einer Gruppe im Bereich Menschenrechte. (Bild: PD)

Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Hellen und Michael Hermann aus Bronschhofen leben seit acht Monaten in Peru. Die Juristin und der Religionspädagoge hatten sich für einen Auslandeinsatz bei der gemeinnützigen Organisation Comundo beworben. Die­- se vermittelt Fachpersonen an ­lokale Partnerorganisationen. Michael Hermann engagiert sich bei Isaias im Bereich der offenen Jugendarbeit, Bildung, Vernetzung sowie Sensibilisierung für die Bedürfnisse der Jugendlichen. Seine Frau Hellen Hermann arbeitet seit Ende Februar bei Amhauta, einer Nichtregierungsorganisation, die sich für Kinder, Jugendliche und Frauen einsetzt, welche Opfer von Gewalt geworden sind.

Hellen und Michael Hermann, Sie sind im letzten September in der peruanischen Stadt Cusco angekommen. Haben Sie so etwas wie einen Kulturschock erlebt?

Hellen Hermann: Ja, vieles ist ganz anders, als ich es aus der Schweiz und meinem Heimatland Brasilien gewohnt bin. Zu Beginn gab es vieles zu organisieren: Die Beantragung des Arbeitsvisums, die Suche nach einer Wohnung und die Suche nach einer Arbeit für mich in einer lokalen Organisation. Comundo unterstützte uns dabei, aber es waren anspruchsvolle Aufgaben. Besonders der Prozess zum Erhalt des Visums hat relativ lange gedauert und einige Nerven gekostet.

Michael Hermann: Auch ich hatte einen Kulturschock, allerdings etwas anders als erwartet. Ich hatte am Anfang gesundheitliche Probleme wegen der Höhe – im Surandino bewegen wir uns zwischen 3500 und 4000 Metern – und es dauerte sehr lange, um herauszufinden, was es war. Im Zusammenspiel mit all den von Hellen beschriebenen Aufgaben hat mir das mehr zugesetzt, als ich zuerst wahrhaben wollte. Es kam ein Moment, wo ich den Einsatz am liebsten abgebrochen hätte. Dank der Unterstützung von Hellen und den Organisationen, für die wir arbeiten, konnte ich dies überwinden.

Michael Hermann, Sie waren bei der Katholischen Kirchgemeinde Wil als Jugendarbeiter tätig. Nun engagieren sie sich für junge Menschen in Cusco. Was unterscheidet diese von jenen in Wil?

Ich sehe mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Junge Menschen haben viele Träume und Ideen und reagieren sehr stark auf Widersprüche und Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft. Die Unterschiede sind vor allem kulturell. Ein kleines Beispiel: Der Umgang mit Zeit und Abmachungen ist sehr verschieden. Während in der Schweiz – sehr pauschal gesprochen – zeitliche Abmachungen relativ verbindlich sind, können sie hier leicht und kurzfristig wieder verschoben oder abgesagt werden.

Hellen Hermann, in Ihrer Tätigkeit als Juristin haben sie mit Kindern, Jugendlichen und Frauen zu tun, die Opfer von Gewalt geworden sind. Welchen Schicksalen sind sie begegnet?

Wir hatten einen Fall eines 16-jährigen Mädchens, das getäuscht und dann zur Sexarbeit gezwungen wurde. Die Polizei hat sie in einer Bar aufgegriffen und in ein Frauenhaus gebracht, wo sie betreut wurde. Die Mutter wollte sie dort rausholen. Doch es stellte sich heraus, dass die Mutter nur jemanden brauchte, um für ein weiteres Kind zu schauen, welches sie erwartete. Zudem wissen wir, dass sie von ihrem Onkel missbraucht worden war und halfen ihr dabei, dass sie nicht in ihr Dorf zurückkehren musste. Sie ist eines der Mädchen, das wir bei Amhauta begleiten und für das wir Wege suchten, um ihr ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Auf welche Art und Weise können Sie mit Ihrer Arbeit helfen, die Lebensbedingungen in Peru zu verbessern?

Hellen Hermann: Ich bin erst seit kurzem bei Amhauta und sehe die Veränderungen noch nicht. Um etwas in der Gesellschaft zu verändern, müssen sich die Menschen verändern. Ich finde, das ist etwas, was schwierig von aussen zu beeinflussen ist. Ich hoffe, nach längerer Zeit im Einsatz,positiv berichten zu können.

Michael Hermann: Ich sehe bei Isaias Veränderungen auf verschiedenen Ebenen. Eine ist die personelle, auf der wir Jugendliche befähigen – durch Stärkung ihrer Persönlichkeit und Entwicklung. Weitere sind die soziale, die politische und die theologische Ebene, denn Isaias setzt sich auch für Veränderungen in diesen Bereichen ein. Ich glaube, wenn Partizipation und Gleichstellung in Gesellschaft, Kirche und Politik erhöht werden, hat dies grosse Auswirkungen auf die Lebensqualität der Menschen.

Peru ist nicht nur für eine reiche Kultur, sondern auch für Korruption bekannt. Welche Erfahrungen haben Sie damit schon gemacht?

Michael Hermann: Persönlich habe ich keine Erfahrungen gemacht. Jedoch ist der Fall Odebrecht seit Monaten das beherrschende Thema in den Nachrichten: Es wird gegen drei ehemalige Staatspräsidenten Perus ermittelt, einer wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Wegen diesem und anderen Fällen haben die Leute wenig Vertrauen in die Politik. Dies wiederum ist eine grosse Gefahr für das politische System und die Zukunft des Landes. Deshalb versuchen wir Visionen einer Politik zu entwickeln, welche in erster Linie der Gesellschaft dient.

Hellen Hermann: Ich höre bei meiner Arbeit viel von Korruption und Bestechung. Wenn beispielsweise ein Mädchen Opfer von Menschenhandel wird, wird sie mit dem Auto an ein anderes Ort gebracht. Dabei müssen die Autos an Strassenkontrollen vorbei. In vielen Fällen wird Schmiergeld bezahlt, um das zu ermöglichen.

Ihr Plan ist es, drei Jahre in Peru zu bleiben. Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie wieder zurück in der Schweiz sind?

Hellen Hermann: Ich vermisse die gute Organisation, die Ruhe, die Sauberkeit und die gute Infrastruktur. Ich freue mich darauf, mich einfach mal wieder auf eine saubere Wiese zu setzen oder ein gut gepflegtes, sauberes und geheiztes Schwimmbad zu besuchen. Weiter schätze ich den öffentliche Zugang zu Bildung. Diese Sachen bieten eine hohe Lebensqualität in der Schweiz.

Michael Hermann: Auch wenn die Kriminalität in Peru tiefer ist als in anderen südamerikanischen Ländern, achte ich sehr auf Sicherheit. Ich freue mich auf Tätigkeiten, bei denen ich abschalten kann, ohne mir gross Sorgen zu machen. Zum Beispiel Biken, ohne vorher genau zu wissen, welchen Weg ich nehme. Und dann vor allem: Freundinnen und Freunde aus der Schweiz persönlich zu treffen, nicht nur via Internet.

Was werden Sie vermissen an Peru?

Michael Hermann: Ich werde die Capoeira-Gruppe (Tanz-Kampf-Sport) vermissen, mit der ich regelmässig trainiere, und Freundinnen und Freunde, die wir hier gefunden haben. Ebenso meine Arbeit bei Isaias, wo ich mich sehr wohl fühle und sehr kreativ tätig sein kann in einem Bereich, der mir viel Sinn gibt.

Hellen Hermann: In erster Linie die Menschen, von denen wir viel Unterstützung bekommen haben. Ohne sie wäre es viel schwieriger gewesen, uns hier einzugewöhnen. Ansonsten hat mich die Inkastätte Machu Picchu sehr beeindruckt – den Besuch an diesem speziellen Ort werde ich nicht mehr vergessen.

Hinweis Das Interview wurde schriftlich geführt.

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