Emmy Rapp hat legendären «Schweizerhof» geprägt

UZWIL. In einem unserer vielen Gespräche sagte Emmy Rapp: «In meinen Gebeten habe ich den Herrgott nicht nur um Beistand und Hilfe gebeten, ich habe ihm immer auch gedankt.» Nun durfte sie, gut umsorgt, in ihrem 104. Lebensjahr heim zu ihrem Schöpfer.

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UZWIL. In einem unserer vielen Gespräche sagte Emmy Rapp: «In meinen Gebeten habe ich den Herrgott nicht nur um Beistand und Hilfe gebeten, ich habe ihm immer auch gedankt.» Nun durfte sie, gut umsorgt, in ihrem 104. Lebensjahr heim zu ihrem Schöpfer. Und es sind deren viele aus ihrem grossen Kreis der Angehörigen, Freunde und Bekannten, die der zierlichen Frau nachsagen: «Sie war eine aussergewöhnliche Persönlichkeit.»

Ihre tiefe Gläubigkeit hinderte Emmy Rapp nicht, gleichwohl in ihrem langen Leben und in dessen Höhen und Tiefen mit beiden Füssen auf der Erde zu stehen. Was immer diese hochangesehene und doch einfach gebliebene Frau und Mutter in ihrem Leben, nicht selten unter widerlichen Umständen, in die Hand genommen hat, sie führte es zu Ende, sie zwang den Erfolg herbei.

Fortgehen war Notwendigkeit

Vierzehn Kinder waren sie daheim. «Da geht man mit kleinem Gepäck leichter von dannen, als wenn man ein ganzes Fuder Habseligkeiten hinter sich herziehen müsste», gestand die feinsinnige Erzählerin, um fortzufahren: «Wer fortging von daheim, der musste für sich selbst sorgen und wusste, dass er auf eigenen Füssen zu stehen hatte.» Das hat Emmy Rapp wohl auch darin geprägt, dass Rückschau erst vom Lebenssträsschen aus zu halten ist, das eine gewisse Breite und ordentliche Stabilität hat. Ihr Leben verlief in einfachen Grundsätzen, die auch ihre Umgebung massgebend mitprägten. Und wer sich die Zeit nahm, der Frau zuzuhören, der wurde ihr Rezept inne: «Wichtig ist allein, was wir aus unserem Leben zustande bringen, ohne viel Zeit damit zu versäumen, nach anderen zu schielen, ob es diese oder jene vielleicht doch leichter im Leben hätten.»

Für Uzwil ein Glücksfall

Als Emmy Rapp mit ihrer Familie im Jahre 1946 den «Schweizerhof» in Uzwil übernahm, hatte sie sich bereits in den Dreissigerjahren im aargauischen Rothrist auf der «Frohen Aussicht» einen hervorragenden Namen geschaffen. Es war ein Familienbetrieb mit dazu gehörendem Lebensmittelgeschäft. Dann betrieb die Familie in Ennetbürgen in der Innerschweiz von 1942 bis 1946 das Restaurant Kreuz. Und wieder darf ihren Erzählungen und ihrem ausgezeichneten Gedächtnis entnommen werden: «Beim Einzug in den <Schweizerhof> in Uzwil war es meine vordringliche Aufgabe, das Vertrauen der Kundschaft zu gewinnen.» Mit einer persönlichen Note war schon damals viel zu erreichen. In ihrer feinsinnigen und konsequenten Art hat sie es verstanden, über alle ihre Wirtejahre Personal in Dienst zu nehmen, dessen Anhänglichkeit lebenslang zu Freundschaften wurde. «Aber auch meine Kinder legten sich wacker ins Zeug», versicherte die Wirtin immer wieder.

Unvergessliche Zeit

Den «Schweizerhof» gibt es längst nicht mehr. Geblieben aber sind die Erinnerungen an Anlässe in diesem sowohl für Uzwil und immer mehr auch für die Region aufblühenden Gasthof und Hotelbetrieb. Bankette mit 500 und mehr Personen waren hier keine Seltenheit. Das Kulturleben blühte auf, und Koryphäen in der schweizerischen Kultur, Politik und in der Unterhaltung wussten, dass die Schweiz auch östlich von Winterthur und gar in Uzwil zur Eidgenossenschaft gehört. Operetten, Konzerte, Ausstellungen wurden zum Alltag im «Schweizerhof». Hochzeiten und Primizen erlebten hier ihren Höhepunkt.

Weit mehr als Industrieort

Vieles gäbe es noch zu berichten vom «Schweizerhof», ihrer Chefin Emmy Rapp. Und über all diese Zeit und Anlässe bewahrte der «Schweizerhof» seine Würde als Hotel. Das Zusammenstehen der Wirtin mit ihrem Personal fand auch die Fortsetzung auf dem Restaurant Eisenbahn in Wil. Und viele Jahre verblieben Emmy Rapp auf ihrem späteren Ruhesitz an der Alpsteinstrasse 10 in Uzwil. Von dem sie damals im Vorfeld ihres 100. Geburtstages augenzwinkernd sagte: «Nachdem mich Uzwil vollumfänglich aufgenommen hat, nahm auch ich dieses Uzwil an, das weit mehr ist als ein Industrieort.» Hier hat sie ihre letzte Ruhe gefunden. Hier, wo man immer wieder diese wunderbare Frau in Erinnerung rufen wird. Christian Jud

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