EISHOCKEY: Von den Palmen in den Schnee

Die Schweizer Nationalspielerin Anja Stiefel aus Züberwangen strebt im nordschwedischen Lulea den Meistertitel in der Svenska Damhockey Ligan (SDHL) an.

Daniel Monnin
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Anja Stiefel ist in Schweden momentan rundherum zufrieden. (Bild: PD)

Anja Stiefel ist in Schweden momentan rundherum zufrieden. (Bild: PD)

Daniel Monnin

sport@wilerzeitung.ch

Heute beginnen für Anja Stiefel die Playoffs – nicht etwa in Lugano, wo sie die vergangenen drei Jahre verbrachte und zwei Meistertitel holte, nein, 2320 Kilometer Luftlinie weiter nördlich, im schwedischen Lulea. Kontrastreicher könnte der Wechsel nicht sein: von den Palmen am Luganersee in den Schnee im dunklen Norden Schwedens, rund 100 Kilometer südlich des Polarkreises. Einen Kulturschock hat die 26-Jährige nicht erlitten, aber «ich hatte schon etwas Mühe, mich an die Dunkelheit und die Kälte zu gewöhnen». Mittlerweile geniesst sie die besonderen Vorzüge in der Provinz Nordbotten, «die Polarlichter, das Schlittschuhlaufen auf dem Meer, die langen Sonnenauf- und -untergänge, die trockene Kälte, die auch schon bis –30 Grad gehen kann».

Eine neue Rolle

Auch sportlich sah sie sich mit neuen Herausforderungen konfrontiert. «In der Schweiz war ich in Reinach (vier Jahre) oder Lugano eine der Leaderinnen, die auch in der Verantwortung standen. Hier ist meine Rolle anders definiert, mehr teambezogen als vorher.» Sie spiele nicht mehr Center, sondern am Flügel, «neben zwei der weltbesten Spielerinnen, den beiden Finninnen Jenni Hiirikoski und Michelle Karvinen». Stiefel ist eine von zehn Ausländerinnen im Team des schwedischen Meisters, fünf kommen aus Finnland, zwei aus Dänemark, je eine aus Norwegen, Ungarn und der Schweiz. Amtssprache im Team, auf dem Eis und in der Garderobe ist Schwedisch. «Alle Spielerinnen sprechen Schwedisch, ich war die einzige, die am Anfang nichts verstanden hat.» Auch das hat sich geändert, denn mittlerweile spreche sie ganz passabel Schwedisch. Einen Satz kann sie besonders gut: Denjenigen, mit dem sie nachfragt, wie dieses oder jenes auf Schwedisch heisse, lächelt sie. Viel zum schnellen Lernen der neuen Sprache beigetragen hat auch ihr Job. Stiefel arbeitet wie bereits in Lugano zu 50 Prozent in einem Lebensmittelgeschäft als «Mädchen für alles»: «Kein allzu anspruchsvoller Job, aber er hilft, das Leben hier ausgeglichen zu halten.»

Rundherum zufrieden sei sie, es mangle an nichts. Sechsmal die Woche trainiert das Team, einiges mehr als in der Schweiz. «Zu den Auswärtsspielen fliegen wir, das ist auch eine besondere Sache.» Sie fühlt sich für die kommenden Aufgaben gerüstet, für die Playoffs, die heute mit der Viertelfinal-Serie gegen Brynäs IF beginnen. Oder für die Weltmeisterschaften, die Anfang April im US-amerikanischen Plymouth stattfinden. An die Olympischen Spiele 2018, für die sich das Schweizer Nationalteam vor zwei Wochen in Arosa souverän qualifiziert hat, denkt sie noch bei weitem nicht. Auch nicht an die nächste Saison. «Tendenziell bleibe ich in Lulea und erfülle meinen Zweijahresvertrag», sagt sie. Denn: «Es gibt kaum eine bessere Destination als die schwedische Liga.» Sie muss es wissen, denn Lulea ist nicht ihr erster Auslandaufenthalt: 2008/09 spielte sie als 19-Jährige bereits in der kanadischen Western Women’s Hockey League beim legendären Calgary Oval Ex-Treme-Team.

Verteidigung des Meistertitels

Vorerst gilt die Konzentration der Verteidigung des letztjährigen Meistertitels. Lulea hat die Qualifikation mit 17 Punkten Vorsprung für sich entschieden. Wer weiss, vielleicht kommt es zum Schweizer Duell im Final: Nationaltorhüterin Florence Schelling spielt bei Linköping, dem letztjährigen Finalisten. Florence Schelling oder Anja Stiefel könnten die sechste Schweizerin werden, die in Schweden einen Meistertitel holt.