Einsatz auf vier Rädern

In der Spitalregion Fürstenland Toggenburg sind die Rettungssanitäter 24 Stunden im Einsatz, 365 Tage im Jahr. Innerhalb von drei Minuten rücken sie aus, um Leben zu retten. Die Wiler Zeitung war einen Tag lang dabei.

Monique Stäger
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Wil. Es ist morgens kurz nach halb sieben, die Dunkelheit hat die Welt noch in nächtlichem Griff. An der Flawilerstrasse 3, im alten Haus, in welchem der Rettungsdienst der Spitalregion Fürstenland Toggenburg (SRFT) seit dem Sommer des vergangenen Jahres eingemietet ist, sind die Fenster erleuchtet, dort herrscht bereits Betrieb. In der kleinen Küche duftet es nach Kaffee. Heinz Schmitter und Alexa Bruch erzählen von den Vorkommnissen der vergangenen 24 Stunden. Die Schicht der beiden Rettungssanitäter ist zu Ende, sie werden von Urs Rimle und Jürgen Bresch abgelöst. Rund zwanzig Rettungssanitäter, acht Auszubildende und je ein Transporthelfer und ein Zivildienstleistender stehen in der SRFT für die Rettungsdienste an den verschiedenen Standorten im Einsatz.

Nichts dem Zufall überlassen

In der Garage steht das Rettungsfahrzeug bereit. Rimle und Bresch beginnen ihre Schicht, indem sie sich den Pager der Notrufzentrale anstecken und die gesamte Ausrüstung im und am Fahrzeug überprüfen. Nichts überlassen die beiden dabei dem Zufall. Jede Tasche wird geöffnet, der Inhalt auf seine Vollständigkeit kontrolliert, das Ablaufdatum der Medikamente überprüft, die Geräte einem Test unterzogen. Selbst die Funktion der Rück- und Blinklichter am Fahrzeug wird vom Team einem Test unterzogen. Danach steht die tägliche Versorgungsfahrt zum Spital Wil auf dem Programm. «Wir haben hier am Stützpunkt nur ein kleines Lager, das Material wird deshalb täglich aus dem Lager im Spital ergänzt», erklärt Jürgen Bresch, bevor er sich hinter das Steuer des Rettungswagens setzt.

Kaum haben sich Rimle und Bresch im Spital in Wil mit den Kollegen in der Kaffeepause hingesetzt, geht der Alarm auf den Pagern synchron los.

Blaulicht und Sirene

Für die beiden Rettungssanitäter heisst dies, alles stehen und liegen zu lassen, innerhalb von drei Minuten müssen sie ausrücken. Ein Blick auf die piepsenden Geräte zeigt ihnen, dass es sich um einen medizinischen Notfall handelt, bei dem zugleich auch eine Anästhesie-Pflegefachperson aufgeboten wurde und bei der das Sondersignal eingeschaltet werden muss. Unter Blaulicht und Sirene geht es im Eiltempo quer durch die Stadt nach Rickenbach, die Passagiere werden dabei ordentlich durchgeschüttelt. Im Schlepptau folgt das Anästhesie-Fahrzeug, ebenfalls mit lauter Sirene. Rimle informiert seinen fahrenden Kollegen über die Details des Einsatzes, die er per Fax bekommen hat. «Patient, männlich, mit starken Kopfschmerzen, ist in einer Arztpraxis zusammengebrochen und nicht mehr ansprechbar.» In Rickenbach angekommen, halten die heulenden Fahrzeuge vor der Arztpraxis.

Jeder Handgriff sitzt, als die mittlerweile vierköpfige Rettungstruppe die Taschen und Geräte schultert. Passanten bleiben stehen und recken neugierig die Köpfe, um die Szenerie besser betrachten zu können. Die Sanitäter eilen schwer bepackt mit Rucksäcken und Gerätschaft die Treppe zur Praxis hinauf. Die Räume scheinen fast zu eng für alle Retter gleichzeitig zu sein. Der Patient, der in der Zwischenzeit wieder auf seine Umgebung reagiert, wird auf seinen Zustand hin befragt. Rimle als Einsatzleiter entscheidet über das weitere Vorgehen. Auf der Bahre schieben sie den Patienten in den Rettungswagen, dort beginnt sofort die Erstversorgung. «Wir haben hier sozusagen eine mobile Intensivstation», erklärt Urs Rimle. Blutdruck- und Pulsmessung sowie erste Blutuntersuchungen werden im Fahrzeug gemacht. Der Patient wird über eine Infusion mit Medikamenten versorgt.

Bresch setzt sich hinters Steuer des Rettungsfahrzeuges, der Patient wird auf Verordnung ins Kantonsspital St. Gallen gebracht. Rimle bleibt im hinteren Teil des Fahrzeuges und kümmert sich um seinen Patienten. Dieser ist stabil und so geht die Fahrt diesmal etwas gemächlicher, vor allem auch bedeutend weniger geräuschvoll. Rimle stellt dem Mann während der Fahrt weitere Fragen zu seinem Befinden und kontrolliert laufend Blutdruck und Puls. Dazwischen meldet er das Kommen des Wiler Rettungsdienstes in St. Gallen an. Jürgen Bresch lenkt das Fahrzeug direkt vor den Eingang der Notfallstation. Routiniert wird der Patient auf der Bahre ins Gebäude gefahren. Rimle rapportiert das Geschehene dem verantwortlichen Arzt. Die beiden Wiler Rettungssanitäter verabschieden sich von ihrem Patienten, ihr Einsatz in diesem Fall ist nun beendet, zurück geht es nach Wil.

Sicherheit und Vertrauen

Noch drei weitere Male müssen Urs Rimle und Jürgen Bresch während ihrer Schicht ausrücken. Als «einen ruhigen Dienst» werden die beiden diesen später bezeichnen. «80 Prozent unserer Einsätze sind aufgrund medizinischer Probleme. Unfälle, sogenannte Traumaeinsätze machen den Rest aus», erklärt Urs Rimle. «Die Einsatznachbesprechung ist elementar für uns», erklärt Urs Rimle, der auch für die auszubildenden Rettungssanitäter zuständig ist. Er bezeichnet das Team als «Selbsthilfegruppe», in der zusammen das Erlebte verarbeitet werde. «Wir kennen unsere Stärken und Schwächen gegenseitig, das ist wichtig, denn es gibt Sicherheit und schafft Vertrauen.»

Gegen 23.30 Uhr können sich die beiden etwas Schlaf gönnen – im Haus an der Flawilerstrasse – im Wissen, dass jederzeit der Alarm losgehen kann. Es bleibt aber ruhig bis zum nächsten Morgen, wo es bereits vor Sonnenaufgang in der kleinen Küche nach Kaffee duften wird und das nächste Team seine Schicht beginnt.

Die Wiler Zeitung befasst sich in einer Serie mit den verschiedenen Abteilungen des Spitals Wil sowie mit den Menschen, die dahinterstehen.

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