«Einen kühlen Kopf bewahren»: In der Region Fürstenland-Toggenburg ist die Situation unter Kontrolle

Das Corona-Virus scheint immer näher zu kommen – das ist aber noch kein Grund zur Panik in der Region Fürstenland-Toggenburg.

Hans Suter
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Nicht unfreundlich, sondern ein Zeichen der Vorsicht und gegenseitigen Rücksichtnahme: Auf das Händeschütteln sollte derzeit verzichtet werden.

Nicht unfreundlich, sondern ein Zeichen der Vorsicht und gegenseitigen Rücksichtnahme: Auf das Händeschütteln sollte derzeit verzichtet werden.

Bild: Robert Kucera

Es ist Montag, kurz vor Mittag. Im Coop Supermarkt in Wil ist es nicht belebter als sonst. Keine Spur von Hamsterkäufen und leeren Gestellen. Obwohl Stunden zuvor das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Informationskampagne «So schützen wir uns» zum neuen Corona-Virus von der Stufe Gelb auf Rot gewechselt und um drei zusätzliche Verhaltensregeln ergänzt hat. Zu den bisherigen drei Hygieneregeln – gründlich Händewaschen, in Taschentuch oder Armbeuge husten und niesen und bei Husten oder Fieber zu Hause bleiben – kommen drei weitere Regeln hinzu: Papiertaschentuch nach Gebrauch in einen geschlossenen Abfalleimer werfen, Händeschütteln vermeiden und nur nach telefonischer Anmeldung eine Arztpraxis oder eine Notfallstation aufsuchen.

Kaum mehr Hamsterkäufe

Ruhig ist es auch im Migros Supermarkt in Wil, nichts zu spüren von ängstlicher Stimmung, auch hier keine Hamsterkäufe oder leeren Regale. Desgleichen kurz nach dem Mittag beim Coop Megastore und bei Aldi in Rickenbach, bei Coop, Aldi und Lidl in Uzwil und bei Lidl in Wilen. Vergangene Woche war es da und dort noch zu Hamsterkäufen gekommen: Konserven, Mehl, Teigwaren – alles, was länger haltbar ist. «Diese Überreaktion ist vorbei», sagt eine Verkäuferin. «Es war nicht das erste Mal, und wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein», sagt sie und lächelt viel sagend.

Regionale Führungsstäbe sind sofort einsatzbereit

Noch ist in der Region Fürstenland-Toggenburg keine Person positiv getestet worden. Doch im Hintergrund tut sich einiges, um darauf vorbereitet zu sein. Die kantonalen Führungsstäbe (KFS) St.Gallen und Thurgau bedienen die regionalen Führungsstäbe (RFS) zeitnah mit aktuellen Informationen und Weisungen, die sie ihrerseits vom Bundesamt für Gesundheit erhalten. So mussten die St.Galler RFS zuhanden ihres KFS bereits eine Liste mit Veranstaltungen erstellen, die auf 100 und mehr Personen ausgerichtet sind. Die Veranstalter wurden oder werden mit entsprechenden Informationen und Weisungen bedient und auf die Bewilligungspflicht aufmerksam gemacht (siehe Zusatztext am Schluss).

Hotlines eingerichtet

Im Kanton Thurgau haben die RFS einen Planungsauftrag erhalten: Sie müssen sich bereithalten, um innerhalb von 24 Stunden einsatzbereit zu sein. Für die Bevölkerung hat der Kanton Thurgau eine Hotline eingerichtet: 058 345 34 40. Diese ist bis auf weiteres von Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr erreichbar. Der Kanton St.Gallen verweist aktuell auf die Hotline des BAG: 058 463 00 00. Je nach aktueller Lage kann es kurzfristig zu Änderungen kommen.

«Wir sind bereit»

Bis gestern war keiner der fünf regionalen Führungsstäbe Wil, Münchwilen, Toggenburg, Uzwil und Gossau im Einsatz. Die Stabschefs standen jedoch in Kontakt mit ihrem KFS. «Wir sind nicht im Einsatz», bestätigt der Wiler Stabschef Marc Schwendener. «Bisher gab es in der Schweiz nur Einzelfälle von Corona-Virus-Patienten, aber wir sind gewappnet, wenn sich die Situation ändern sollte.» Ähnlich klingt es beim Stabschef des RFS Toggenburg, Christian Heeb: «Wir sind bereit, die gewünschte Unterstützung zu leisten.» Mögliche Aufträge könnten lauten, mit den Gemeindepräsidien für weitere Weisungen in Kontakt zu treten und mit dem Zivilschutz beispielsweise Spitäler bei den Hygienemassnahmen zu unterstützen oder Quarantänebetreuung zu leisten. Als Arbeitsinstrument könnten die bereits vorhandenen Pandemiepläne herangezogen und der aktuellen Situation angepasst werden. In Panik verfallen mag niemand.

«Wir müssen das ernstnehmen, aber einen kühlen Kopf bewahren.»

Das sagt Stefan Kramer, Geschäftsführer des Sicherheitsverbunds Region Gossau, dem auch Flawil und Degersheim angehören. «Derzeit ist noch alles niederschwellig.»

Im Wiler Kulturlokal «Gare de Lion» geht der Betrieb vorerst weiter.

Im Wiler Kulturlokal «Gare de Lion» geht der Betrieb vorerst weiter.

Bild: pd

Konsequenzen

Immer mehr Veranstaltungen werden verschoben oder abgesagt

Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen sind aktuell verboten, solche bis 1000 liegen im Ermessen des Kantons. Auch die Veranstalter kleiner Anlässe stehen in der Verantwortung. Das hat Konsequenzen. So sagte die Brass Band Zuckenriet vergangenes Wochenende ihr Konzert ab. Es fanden auch keine Fussballspiele statt. Bereits sind weitere Verschiebungen und Absagen erfolgt: Die Raiffeisen Mittleres Toggenburg sagt die Generalversammlung vom 6. März ab. Die Fischinger Klosterbrauerei verschiebt das Frühlingsbierfest vom 7. März auf den 4. April. Das Jodelkonzert des Jodelchörli Alperösli Wattwil vom 7. März wird abgesagt beziehungsweise auf unbestimmte Zeit verschoben. Diese Liste dürfte laufend länger werden. Die Swiss Football League hat gestern entschieden, dass bis 23. März keine Fussballspiele stattfinden, nachdem sich die Clubs gegen Geisterspiele ausgesprochen haben.
Noch unklar ist, wie es bei den anstehenden Generalversammlungen der Regional- und Raiffeisenbanken sowie bei den Bürgerversammlungen der Gemeinden aussieht. Bei den Bankversammlungen ist davon auszugehen, dass viele verschoben werden. Die beliebten Anlässe werden zuweilen von weit mehr als 1000 Genossenschaftsmitglieder besucht. In Uzwil ist die Rede von etwa 1800 Teilnehmenden, in Wil sind dazu drei Vorstellungen beim Circus Knie reserviert.
Nicht überall kommt es zu Absagen. «Keine Panik, alle Veranstaltungen im Gare de Lion finden wie geplant statt», versucht Michael Sarbach, Kommunikationsverantwortlicher des beliebten Wiler Kulturbetriebs, zu beruhigen. Gemäss Weisung des Kantons müsse aber sichergestellt sein, dass keine Gäste aus Risikogebieten (China, Iran, Südkorea, Singapur, sowie Lombardei, Piemont und Venetien in Italien) an den Veranstaltungen teilnehmen. «Also seid darauf gefasst, dass euch am Eingang entsprechende Fragen gestellt werden.» Ansonsten gelten die allgemeinen Empfehlungen des Bundes. Wer sich krank fühle, solle zu Hause zu bleiben. (hs)