Eine Villa, die Geschichte schrieb

Serie: Historische Gebäude in Uzwil und Oberuzwil (1). Vor 66 Jahren ging die Villa auf dem Bühl in den Besitz der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde über. Deren Erbauer Samuel Friedrich Rikli-Naef war ein tief religiöser Menschenfreund.

Christine Gregorin
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Inmitten des parkähnlichen Umschwungs offenbart die Villa auf dem Bühl ein distinguiertes Idyll. (Bild: cg.)

Inmitten des parkähnlichen Umschwungs offenbart die Villa auf dem Bühl ein distinguiertes Idyll. (Bild: cg.)

NIEDERUZWIL. «Durch weitsichtige Schlussnahme hat die evangelische Kirchgemeinde Niederuzwil am dritten Adventssonntag des Jahres 1946 die Liegenschaft der Witwe Oehmigke-Rikli erworben und damit den <Bühl> in seiner Gesamtheit in ihr Eigentum genommen», steht in Adolf Näfs 1955 erschienenem Heimatbuch im Kapitel über den Toggenburger Fabrikanten Mathias Naef geschrieben.

Gemäss in obiger Lektüre Notiertem soll eine Ruhebank auf dem Bühl dessen Lieblingsplatz gewesen sein, von wo aus er in der sonntäglichen Morgenfrühe oder gelegentlich auch im abklingenden Leuchten versinkender Tage auf sein Fabrikgelände hinabzuschauen pflegte. 1843 pflanzte der nimmermüde Wohltäter an jenem Ort letztlich eine Linde. Im Inventar des Baubeschriebs der Villa auf dem Bühl aus dem Jahr 1891 werden unter der Rubrik Obstwuchs und Anlagen, folgend auf den Titel Zierbäume, weitere pflanzliche Merkmale genannt: Parallel zur Strasse – der heutigen Bahnhofstrasse – standen auf besagtem Areal einst zwei Rotbuchen zwischen zwei Tannen. Rund um die Villa sind nach wie vor einige Lindenbäume und einzelne knorrige Blutbuchen auszumachen. Ob es sich dabei allerdings um die beschriebenen Exemplare handelt, bleibt ungewiss.

Rege Tätigkeit als Bauherr

Erbauer der Villa auf dem Bühl war indes Samuel Friedrich Rikli-Naef, Schwiegersohn des Industriellen Mathias Naef. Von 1855 bis 1876 amtete der Bauherr als Präsident der evangelischen Kirchenvorsteherschaft. In dieser Funktion liess er 1867 das aktuelle Pfarrhaus und ein Jahr später die vorgelagerte Villa auf dem Bühl errichten, die ihm bis zu seinem Tod im Jahr 1885 als Wohnsitz diente.

1871 konnte dann die hauptsächlich auf seine Initiative hin erbaute evangelische Kirche in Niederuzwil eingeweiht werden. Mitte der 1870er-Jahre erwarb Rikli-Naef von den Erben des Mathias Naef schliesslich jene 87 Aren von der Bühlwiese plus 93 Aren der «Wies im Bühl» (derzeitiger Standort der Sekundarschulturnhalle mitsamt angrenzendem Sportplatz), auf denen sein trautes Heim stand.

Neuanfang mit Methode

Als überaus einschneidendes Ereignis im Leben des Samuel Friedrich Rikli-Naef darf mit Sicherheit die in der Chronik «Uzwil – Unser Weg» ausführlich geschilderte Abwahl von Pfarrer Rudolf Grob bezeichnet werden. Im Rahmen eines landesweiten Aufbruchs bildete sich ab 1873 auch in Uzwil eine liberale Reformbewegung, die sich in ungestümer Weise gegen die dogmenhafte Lehre der Staatskirche wandte. Die Kontroverse zwischen liberal-religiöser und positiv-konservativer Gesinnung gipfelte anlässlich der Kirchgemeindeversammlung vom 16. Juli 1876 in der mit 190 Ja- zu 131 Nein-Stimmen besiegelten Absetzung des langjährigen Gemeindepfarrers. Darauf traten Rickli-Naef und zwei weitere pfarrgetreue Mitglieder der Kirchenvorsteherschaft zurück.

In der Folge gründete eine Anzahl «positiver» Männer aus Niederuzwil, Algetshausen und Oberuzwil unter dem Vorsitz von Samuel Friedrich Rikli-Naef die «Evangelische Gemeinschaft Niederuzwil», aus der die spätere evangelisch-methodistische Kirche Niederuzwil ihren Anfang nahm.

Kreis schliesst sich

Nachdem die Villa auf dem Bühl bis 1898 dem Kassier Hugentobler als Wohnung vermietet worden war, ging sie schliesslich an Emma Oehmigke-Rikli, Tochter des Stiefsohnes von Samuel Friedrich Rikli-Naef. Und 48 Jahre später wurde sie, wie eingangs erwähnt, von der Evangelischen Kirchgemeinde Niederuzwil als Kirchgemeindehaus erworben.

«Architekt Hans Denzler hat es verstanden, aus den vorhandenen Räumlichkeiten das Maximum an Wohnraum herauszuholen», ist im Auszug eines kirchlichen Mitteilungsblatts aus dem Jahr 1947 zu lesen. Neben zwei heimeligen Dachwohnungen und einer komfortablen Fünfeinhalbzimmerwohnung auf der mittleren Etage sei aber auch das Endziel – der Ausbau der Parterreräumlichkeiten zu Kirchgemeindezwecken – stets im Auge behalten worden. Waren diese doch dereinst für den Frauenverein, die Jugendvereinigung Zwingliana und die Nähstube Lydia vorgesehen.

«Nach der gelungenen Innenrenovation ist es nun unsere Pflicht, dafür besorgt zu sein, dass auch die äussere Ansicht recht bald verbessert werden kann», heisst es darin weiter. Vielleicht werde diese gemeinsam mit der immer dringender werdenden Neugestaltung des Pfarrhauses in Angriff genommen, so dass die Kirchgemeinde auf den Besitz der drei Wahrzeichen ihres religiösen Gemeinschaftslebens mit Recht stolz sein könne, lautete das einhellige Credo der damaligen Kirchenvorsteherschaft.