Eine Reise in die Vergangenheit

Kurz nach Kriegsende hat Alice Kriemler-Schoch eine kleine Schürzennäherei in Kriessern betrieben. Mit Hilfe ihrer Tagebücher und Schilderungen von damaligen Näherinnen gewährt Autorin Jolanda Spirig einen authentischen Einblick.

Christine Gregorin
Drucken
Teilen
Autorin Jolanda Spirig bescherte den rund 55 Anwesenden einen interessanten, durch gradlinigen Humor geprägten Abend. (Bild: cg.)

Autorin Jolanda Spirig bescherte den rund 55 Anwesenden einen interessanten, durch gradlinigen Humor geprägten Abend. (Bild: cg.)

UZWIL. «Vergilbte Zeitungsbilder der englischen Königsfamilie kleben mürbe auf den linierten Tagebuchseiten. Soraya ist dort ebenso präsent und am 18. März 1958 die monegassische Fürstin Grace im Kindbett mit Thronfolger Albert von Monaco. Als Alice Kriemler-Schoch jene Meldung ausschnitt und mit Klebestreifen fixierte, dachte sie wohl kaum daran, dass sich dessen künftige Ehefrau Charlène ein halbes Jahrhundert später in Akris-Modelle hüllen würde», spannte Jolanda Spirig gleich zu Beginn der Lesung aus ihrem fünften Buch den Bogen zum renommierten Prêt-à-porter-Unternehmen Akris, das 1922 in St. Gallen notabene als Schürzennäherei gegründet worden war.

Momentaufnahme

Die 14 Tagebücher zeugen vom Alltag der umsichtigen Gründerin, die mitten in der Stadt Hühner hielt und erst kurz vor ihrem 63. Geburtstag die Fahrprüfung ablegte. Sie erweiterte das Unternehmen zur Kleiderfabrik, lotste es durch die Weltwirtschaftskrise sowie den Zweiten Weltkrieg – und verteidigte ihre Schürzenproduktion, bis das Schürzentragen aus der Mode kam. Die Mischung aus Meldungen zum Weltgeschehen, Bemerkungen zur persönlichen Befindlichkeit, Kommentaren zum Geschäftsgang und Gedanken zur Familie bewegt. Aus den Einträgen spricht eine dynamische Unternehmerin, stolze Mutter und engagierte Grossmutter, eine sportliche, willensstarke Frau, die sich dank gesunder Ernährung und regelmässiger Bewegung bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 1972 fit gehalten hat.

Bewegende Porträts

«Da ich erst 14 Jahre alt war, durfte ich vom Arbeitsamt aus noch gar nicht arbeiten. Wenn die Kontrolleure aus Oberriet kamen, versteckte ich mich oben in der Wohnung, damit sie mich nicht sahen. Doch einmal konnte ich ihnen nicht entwischen. Da hiessen sie mich, die Arbeit niederzulegen, und schickten mich nach Hause. Prompt nahm mich meine Mutter mit zum Mistzetteln. Am nächsten Tag sass ich wieder im Büdeli an der Nähmaschine», gab die Autorin die Erzählungen der Näherin Melitha Dietsche-Baumgartner wieder.

Die Porträts der neun Rheintalerinnen erzählen allesamt von einer längst vergangenen, durch Kinderarbeit, Marienlieder, Armut und Autoritätsgläubigkeit geprägten Welt. Mädchen hüteten Kühe und Kinder, stachen Äcker und ernteten Erbsen. Als junge Frauen nähten sie Schürzen. Den Verdienst gaben sie zu Hause ab, das Absolvieren einer Lehre lag nicht drin. Das gemeinsame Nähen im Büdeli hat die Kriessnerinnen verbunden. Sie nannten sich «Kriemlera» – nach ihrer Chefin Alice Kriemler-Schoch, die ihrerseits von den «Kriessner Mädchen» sprach.

Spannend und kurzweilig

Am vom Team der Bibliothek Uzwil organisierten Anlass wartete Jolanda Spirig am Mittwochabend ferner mit zahlreichen interessanten Hintergrundinformationen sowie einem überaus amüsanten Kurzfilm von Thomas Karrer über Rösli Lutz-Weder auf. Im Buch werden überdies auch die Eindrücke von Marie Baumgartner-Langenegger, Anna Wüst-Jocham, Agnes Hutter-Thurnherr, Renate Lüchinger-Rohner, Anita Hutter-Baumgartner, Marie Lüchinger-Hutter und Irene Benz-Hutter beschrieben.

Die rund 55 Anwesenden kamen voll und ganz auf ihre Kosten: Nutzten sie beim abschliessenden Apéro doch die Gelegenheit, sich ausgiebig auszutauschen oder ein Buchexemplar zu erstehen und von der Autorin signieren zu lassen.

Aktuelle Nachrichten