Eine Reifeprüfung der anderen Art: Wie sich die Schülerinnen des Kathi in Wil auf die Produktion des Musicalfilms vorbereiten

Das Kathi bringt das traditionelle Musical dieses Jahr als Film zum Publikum nach Hause. Das birgt für alle Beteiligten Herausforderungen. Schulleiterin Corinne Alder sieht die besonderen Umstände aber auch als wichtige Lektion für die Schülerinnen für ihren weiteren Lebensweg.

Gianni Amstutz
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Ein Handlungsstrang spielt in einem Coiffeursalon, einer folgt der Traumwelt Peter Pans.

Ein Handlungsstrang spielt in einem Coiffeursalon, einer folgt der Traumwelt Peter Pans.

Bild: Gianni Amstutz

«Dream On» – Träume weiter. Der Titel des diesjährigen Kathi-Musicals könnte passender nicht sein. Denn trotz der Hürden, welche die Coronapandemie für die Organisation des Musicals darstellt, träumen die Mädchen der 3. Sekundarklassen sowie das Musicalteam den Traum von ihrem Musical weiter. Doch vieles ist anders diesmal. Das wird bereits beim Betreten des Schulhausareals klar.

Es ist ungewöhnlich ruhig im Kathi. Obwohl gerade Pause ist, sind die Gänge verwaist, genauso wie der Innenhof. Fast wirkt es so, als sei noch immer Homeschooling angesagt, auch wenn seit dem 11.Mai wieder Unterricht in Halbklassen stattfindet.

Der Grund für die gespenstische Stille ist die Umsetzung des Schutzkonzepts. Die Mädchen betreten die Schule je nach Klassenstufe über verschiedene Eingänge und werden in verschiedenen Stockwerken unterrichtet. Selbst die Lavabos in den Schulzimmern sind für Lehrpersonen und Schülerinnen getrennt.

Unter solchen Voraussetzungen ein Musical einzustudieren, scheint gelinde gesagt schwierig. Und trotzdem: Der Traum geht weiter.

Proben in Kleingruppen ist eine Herausforderung

Die Proben für das Musical, das dieses Jahr als Filmproduktion erscheinen wird, verlaufen anders als in allen bisherigen 26 vorherigen Musicals. Dies nur schon deshalb, weil jeweils nur die Hälfte der 57 Mädchen der drei 3. Klassen an einem Halbtag anwesend ist.

Da das Stück aber ohnehin zwei getrennt voneinander verlaufende Handlungsstränge hat, lässt sich diese Aufteilung relativ gut umsetzen. Doch auch die Mädchen der Halbklassen proben nicht alle zusammen, sondern in Kleingruppen.

Die Band übt die Stücke für den Musicalfilm.

Die Band übt die Stücke für den Musicalfilm.

Bild: gia

Im Zivilschutzkeller üben vier Indianerinnen eine Perkussionsnummer, im Proberaum nebenan spielt die Band, in einem Schulzimmer singt der Chor das titelgebende Lied «Dream On» und auf der Bühne wird eine Szene im Coiffeursalon einstudiert.

Nur vier Wochen Probezeit

Die Zeit ist knapp bemessen. Während in den Vorjahren die Proben jeweils im März oder April begonnen hätten, müssten dieses Jahr vier Wochen bis zum ersten Drehtag, sagt Schulleiterin Corinne Alder. Das Musicalteam und die Sekundarschülerinnen starteten am 11.Mai – beim Wiederbeginn des Schulunterrichts – aber nicht bei Null.

Während des Lockdowns übten sie alleine zu Hause: Nun feilen die Sängerinnen des Chors an der Abstimmung untereinander.

Während des Lockdowns übten sie alleine zu Hause: Nun feilen die Sängerinnen des Chors an der Abstimmung untereinander.

Bild: gia

Schon seit Beginn des Schuljahrs entwickelten die Schülerinnen das Konzept, brachten ihre Ideen und Themen ein und entwarfen Charaktere. Im Homeschooling während des Lockdowns übten sie zudem zu Hause Texte, studierten Choreografien ein und sangen zu Play-back-Aufnahmen. In den vier Wochen gilt es nun, die Einzelteile wie bei einem Puzzle zusammenzusetzen.

Corinne Alder sieht die erschwerten Umstände auch von einer positiven Perspektive: «Es bietet den Mädchen die Möglichkeit zu beweisen, wie selbstständig sie im Verlaufe der Oberstufenschulzeit geworden sind.» Eine Qualität, welche in ihrem Leben nach dem Kathi ohnehin gefragt sein werde. Genauso wie die Erkenntnis, dass der leichteste Weg nicht immer zum Ziel führt und man für etwas kämpfen müsse.

Besondere Herausforderungen, vielfältige Möglichkeiten

Dass bei den ersten gemeinsamen Proben noch nicht alles reibungslos verläuft, versteht sich, doch die investierte Zeit zu Hause scheint sich bezahlt zu machen. Die Darbietung des Chors ist schon nahe an der Bühnenreife und auch die Texte bei der Szene im Coiffeursalon sitzen.

Die filmische Umsetzung ermöglicht zwar einerseits, kleine Fehler zu kaschieren, birgt aber auch Herausforderungen – sowohl für das Team als auch für die Mädchen. Und das nicht nur, weil für den Dreh nur drei Tage zur Verfügung stehen. So befinden sich verschiedene Drehorte–etwa die Altstadt, Obere Bahnhofstrasse oder der Klostergarten – im Freien, was den Faktor Wetter ins Spiel bringt.

Ausserdem werden die Szenen aus verschiedenen Perspektiven gefilmt, was von den Schülerinnen eine höhere Präsenz erfordert. Und schliesslich gibt es für denn Theaterpädagogen Bruno Mock und das Team die Herausforderung, das Stück als Film zu denken und festzuhalten.

Denn ein Filmausschnitt hat eine andere Wirkung als ein Bühnenbild in der Gesamtbetrachtung, wie das bei regulären Aufführungen der Fall gewesen wäre.

Um sich eine Vorstellung zu machen, wie das Endprodukt aussehen könnte, schaut Mock während der Proben immer mal wieder mit einer App, was auf dem Filmausschnitt zu sehen sein wird. Um die beste Wirkung zu erzielen, müssen einzelne Elemente des Bühnenbilds schon einmal näher zusammengeschoben werden.

Dem Publikum ist ein Sitz in der ersten Reihe garantiert

Man darf gespannt sein, wie das Experiment ausgeht. Corinne Alder gefällt es:

«Ein solches Musical gab es noch nie»

Diese Begeisterung ist auch den Schülerinnen anzumerken. In den Räumen, wo für das Musical geprobt wird, ist die Lebendigkeit einer Schule zu spüren, die im Kathi aufgrund des Sicherheitskonzepts sonst etwas gedämpfter ist. Auch für das Publikum hat diese Form der Aufführung Vorteil. Schliesslich ist allen Zuschauern in der heimischen Stube ein Sitz in der ersten Reihe garantiert.