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Interview

Eine Idylle mit dunklen Seiten: Die Geschichte des Dorfs Littenheid

So klein das Dorf, so vielfältig und spannend seine Geschichte. Marianne Schwyn hat in der Vergangenheit von Littenheid gestöbert. Entstanden ist eine umfangreiche Chronik – eine «Littipedia», wie sie sagt.
Tobias Söldi
Littenheid im Jahre 1943: Das Areal der psychiatrischen Klinik ist umgeben von Gemüsefeldern und Obstplantagen. (Bild: PD)

Littenheid im Jahre 1943: Das Areal der psychiatrischen Klinik ist umgeben von Gemüsefeldern und Obstplantagen. (Bild: PD)

Bezeichnet ihr Werk als «Littipedia»: Autorin Marianne Schwyn. (Bild: Tobias Söldi)

Bezeichnet ihr Werk als «Littipedia»: Autorin Marianne Schwyn. (Bild: Tobias Söldi)

Dass man in zehn Minuten in Wil ist, vergisst man rasch: Littenheid liegt harmonisch eingebettet zwischen bewaldeten Hügeln in einem kleinen Tal. Die Hektik des Stadtlebens scheint weit weg. Doch die Idylle trügt: Es gibt Menschen, die hier ihre dunkelsten Stunden verbringen. In Littenheid hat es eine Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Ein neues Buch wirft nun einen detailreichen Blick auf die beide Aspekte Littenheids: die kleine, ländliche Siedlung und das Klinikdorf, zwei Seiten, die untrennbar miteinander verbunden sind. Verfasst hat die Chronik Marianne Schwyn. Die ausgebildete Primarlehrerin gehört zur Familie Schwyn, welche die Privatklinik über vier Generationen bis 2016 geführt hatte.

Marianne Schwyn, Sie schreiben in der Einleitung ihres Buches, dass Sie Spuren zur Vergangenheit Littenheids gefunden haben, die Ihnen unbekannt waren. Was haben Sie entdeckt?

Zum Beispiel, dass hier vor hundert Jahren ein Stausee geplant war, um im Notfall die regionale Stromversorgung während des Ersten Weltkrieges zu verbessern. Es wurde geprüft, ob sich die Seitentäler stauen liessen. Letztendlich konnte das Projekt aber nicht umgesetzt werden, das Gelände hatte zu wenig Gefälle. Es gibt viel, was die Leute nicht wissen über das Dorf.

Was noch?

Ich vermute, dass es einst eine Wasserburg im Dorf gab. Ein Foto aus den 60er-Jahren zeigt einen entsprechenden Abdruck. Da bin ich aber noch dran.

Die Geschichte Littenheids lässt sich nicht ohne die psychiatrische Klinik schreiben. Wie hat dieses Kapitel begonnen?

1868 hat Josef Alois Keller in Littenheid eine Schule für Handel und Industrie gegründet. Die Industrialisierung hat auch vor Littenheid nicht Halt gemacht. Man hatte damals sogar eine Bahnlinie geplant und dafür Investoren gesucht. Sie sollte vom Turbenthal durchs Littenheider Trockental nach Wil führen. Josef Keller musste seine Schule dann aber aus verschiedenen Gründen einstellen.

Und dann ist die Psychiatrie nach Littenheid gekommen?

Im Jahre 1880 richtete Jean Jakob Delaprez, ein Westschweizer «Irrenwärter», im Empfangshaus der ehemaligen Schule ein Heim für 30 Randständige und Obdachlose mit psychischen Problemen ein. Warum er hierhergekommen ist – aus dem Nichts –, dazu habe ich aber leider keine Spur gefunden.

Haben Sie eine Vermutung?

Viele Psychiatrien siedelten sich am Rande von Städten an. Psychisch Kranke wurden oft ausgegrenzt. In Littenheid gab es aber auch genügend landwirtschaftlichen Boden, um sich selbst versorgen zu können.

Wie war das Verhältnis zwischen der Bevölkerung und den Patienten?

Es gab viele Patienten, die im Dorf mitgeholfen haben, in der Landwirtschaft, im Stall, in Handwerksbetrieben. Es war eine Win-win-Situation: Die Betriebe brauchten Arbeitskräfte, den Patienten half die Ablenkung und die körperliche Ermüdung bei der Genesung. Es gab sogar Neider aus anderen Dörfern: Littenheid war ein lebendiges Dorf, den Familien und Kindern wurde viel geboten. Es gab einen Fussballclub, einen Unterhaltungssaal, einen Kinderhort.

Gab es keinen Widerstand gegen die Patienten der Klinik?

Vorurteile gegenüber psychisch Kranken und psychiatrischen Kliniken gab und gibt es immer. Man hat noch heute mit 100 Jahre alten Vorurteilen zu kämpfen – meist von Leuten, die niemanden persönlich kennen, der in einer Psychiatrie war. Ein grosser Teil meiner Arbeit in der Privatklinik bestand darum in der Entstigmatisierung – durch Kunst, Musik, Ausstellungen oder Basare.

Was hat Sie am meisten fasziniert bei den Recherchen zur Klinik?

Das Bestreben, Menschen mit psychischen Problemen anständig zu behandeln, vollwertig wahrzunehmen und mit Respekt zu begegnen, unabhängig von Religion oder Nation, das gehört seit 100 Jahren zum Grundton.

Und was hat sich geändert?

Man hat natürlich mehr Erfahrung im Bereich der Medikation. Und es gibt ergänzende Therapien, zum Beispiel Kunst-, Mal- oder Bewegungstherapien. Heute gibt es auch klare Weisungen, was das Nähe-Distanz-Verhältnis zwischen Patienten und Pflegern angeht. Eine professionelle Distanz ist heute einer der wichtigsten Punkte.

Was wäre aus Littenheid geworden, wenn sich die Klinik nicht hier angesiedelt hätte?

Ein Freund hat einmal gesagt, dass hier ein schöner Golfplatz hätte entstehen können (lacht). Vielleicht hätte sich Littenheid auch stärker als Ferienort etabliert. Man kann gut wandern, Velo fahren oder wellnessen. Auch die Natur bietet viele Möglichkeiten, zum Beispiel für Ornithologen, Reiter oder Jäger.

Sie leben hier am Hang und blicken täglich über Littenheid. Wie hat die Arbeit am Buch Ihre Wahrnehmung des Dorfes verändert?

Mir fällt die Verdichtung im Kern auf. Veränderungen finden statt, die Klinik braucht neue Räume für die Behandlung und Unterbringung von Patienten und Therapeuten. Ich würde gerne sehen, wie es in 200 Jahren aussieht. Wahrscheinlich wird der Druck von Wil her wachsen, mehr Leute aus der Agglomeration werden hierherziehen. Man muss das Schöne eben auch teilen können.

Wie hat sich das Leben im Dorf in den letzten Jahrzehnten verändert?

Die Patienten der Klinik sind weniger lange hier. Wegen der kürzeren Aufenthaltsdauer sieht man fast jeden Tag neue Gesichter. Früher kannte man sich, hatte eine Bindung. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Klinik arbeiten weniger lange da.

Geht etwas verloren?

Die Achse des Vergessens beginnt. Die Mitarbeiter sind nur noch während der Arbeitszeit vor Ort. Die Freizeit verbringt man nicht mehr im Dorf. Auch die Psychiatrie als unser Familienbetrieb ist zu einem Ende gekommen: 2016 haben wir unseren Anteil verkauft. Die Klinik ist nun vollständig im Familienbesitz der ehemaligen Partner, die ihren Wohnsitz im Kanton Zürich haben. Es ist jetzt eine Firma, von der man als «gewöhnlicher» Nachbar nicht viel merkt, was «hinter den Mauern der Klinik» geschieht. So stellt das Buch einen Abschluss der Familien- und der Dorfgeschichte dar.

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