Eine Gaststätte mit bedeutsamer Geschichte

Zita Meienhofer
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Etwa 1895: Das Hotel Post florierte unter Besitzer Klaesi. Auf der Postkarte sind auch der Saal (rechts) und der Verbindungskorridor zu sehen.

Etwa 1895: Das Hotel Post florierte unter Besitzer Klaesi. Auf der Postkarte sind auch der Saal (rechts) und der Verbindungskorridor zu sehen.

Hotel Post 1855, die Bahnlinie, die durch Flawil führte, war noch nicht eröffnet, erwarb Johann Jakob Pfändler – Kantonsrat, Gemeindeammann, Wirt, Metzger und Posthalter zum Rössli in Flawil – in aller Stille südlich vom Bahnhofgebäude einen Acker. Beim Bahnbau und dessen Vorbereitungen hielt er sich im Hintergrund, wollte sich jedoch trotzdem die Möglichkeit nicht entgehen lassen, von den künftigen Geschäften rund um die neue Bahnstation zu profitieren. Bereits ein Jahr später erstellte er auf diesem Acker ein Gasthaus, er nannte es «Zur Blume». Pfändlers Rechnung ging auf: Sechs Jahre später verdreifachte sich der Verkehrswert des Gebäudes. Bis 1871 wurde wenig über dieses Gasthaus berichtet. In diesem Jahr starb Pfändler, die Witwe führte den Betrieb ein Jahr weiter und verkaufte ihn anschliessend.

Mehrere Besitzerwechsel folgten, bis 1880 Ulrich Egli das Gasthaus samt Remise mit Tanzsaal, Scheune mit Hofstatten, Platz und Garten erwarb. Da im Handänderungsprotokoll zudem vermerkt war, dass der Käufer den Vertrag mit der Schweizerischen Postverwaltung in gleichen Rechten und Pflichten wie sein Vorgänger übernehmen muss, geht daraus hervor, dass während der vergangenen Jahre das einst im Bahnhofgebäude untergebrachte Postbüro in das Hotel Blume verlegt wurde. Dafür erstellte die Eidgenössische Postverwaltung ein Nebengebäude. Zudem wurde das Gasthaus Zur Blume in Hotel Post umbenannt. Auch die Telefon- und Telegrafenzentrale von Flawil war während etlichen Jahren an diesem Ort stationiert. Als Besitzer, der in den kommenden Jahren das Hotel erfolgreich führte, ist nicht Ulrich, sondern Jean Egli, Flawils Honighändler, der als Hung-Egli bekannt war, aufgeführt. Er erreichte, dass die Post zum Treffpunkt der tonangebenden Gesellschaft von Flawil wurde. Das Bier wurde in Gläsern mit eingeschliffenem Schriftzug «Hotel Post» serviert. Und, in einem speziellen Saal waren Billardtische aufgestellt.

Für Einnahmen und Betrieb sorgte auch die Brückenwaage vor dem Haus. Montags mussten dort die Schweine von den umliegenden Käsereien gewogen werden, die per Bahn in die Schlachthäuser transportiert wurden. Im Sommer waren es das Heu und das Stroh, im Herbst das Mostobst. Betrieb herrschte ebenso wegen der vielen militärischen Einquartierungen, vor und vor allem während des Ersten und auch des Zweiten Weltkrieges. Und nicht zuletzt waren es die Handelsreisenden der zahlreichen Stickereibetriebe in Flawil und Degersheim (Degersheim erhielt erst 1910 einen Bahnanschluss), die im Hotel Post ein und aus gingen.

Der Saal des Hotels Post war lange Zeit bekannt und beliebt als Stätte für Unterhaltungs-, Konzert und Vortragsabende aller Art. Sogar Hans In der Gand, ein Schweizer Volksliedsammler und Soldatensänger, soll im «Post»-Saal aufgetreten sein. Der Nebenraum diente der Harmoniemusik Flawil während Jahren als Proberaum.

Noch Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg florierte das einst mit dem Zusatz «und Bahnhof» versehene Hotel Post. Häufige Besitzerwechsel zeigten später, dass die Liegenschaft den neuen Anforderungen nicht mehr gerecht werden konnte. Der Saal samt gedecktem Verbindungskorridor wurde in den 1980er-Jahren abgebrochen. Das Restaurant jedoch weiter betrieben. Vor den heutigen Besitzern, Ines und Giuliano Marzoli, hatte ein Sarde die Gaststätte übernommen, sie in eine Pizzeria umfunktioniert und in «Pizzeria Sardegna» umbenannt.

Zita Meienhofer

zita.meienhofer@wilerzeitung.ch

Hinweis

Der Text entstammt hauptsächlich aus dem Artikel «Hotel Bahnhof und Post war einmal Flawils Zentrums» von Gustav Bänziger, der in den 1980er-Jahren im «Volksfreund» erschienen war. Dieser Text sowie die Bilder wurden von Urs Schärli, Ortsmuseum Flawil, zur Verfügung gestellt.