Eine Frau, die Bescheid weiss

Regula Stämpfli, die wilde Denkerin ohne Geländer, war am Mittwochabend zu Gast im Flawiler Nachtcafé. Der Anlass im Kulturkeller war gut besucht.

Michael Hug
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Flawil. Regula Stämpfli war hier, was für ein Event. An die hundert Personen wollten Regula Stämpfli, Berner Politologin mit Mann aus Schottland, in Brüssel wohnend, sehen. Vor allem hören. Geladen hatte das Flawiler Nachtcafé, das mit der Vielgerühmten und oft bestrittenen Streitbaren, Vielreisenden und Vielzitierten nach dem Januaranlass mit einem Männerthema schon wieder den Kulturkeller des «Parks» fast komplett füllte. War es ihr Ruf als schlagfertige Debattiererin, der, autodidaktisch angeeignet durch unzählige Medienauftritte, ihr vorauseilt? War es ihr gerade erschienenes Buch «Aussen Prada – innen leer», das Frauen zum Selberdenken aufruft? War es ihr Image als Feministin, das mindestens ebenso viele Männer wie Frauen in den Kulturkeller zog?

Prägnante Sprache

Wahrscheinlich war es von allem ein wenig und von vielem Unerwähntem auch noch ein bisschen. Regula Stämpfli ist eine sich der prägnanten Sprache bedienende Rednerin. Sie sagt: «Steigt der Frauenanteil in einem Beruf, sinken Ansehen und Lohn.» Oder: «Neutrale Wissenschaft gibt es nicht.» Und: «Nur weil etwas ist wie es ist, ist es noch lange nicht gut.» Stämpfli schafft es, innert fünf Viertelstunden jede Menge Behauptungen mit komplett unterschiedlichem Inhalt auf ihr Publikum loszulassen. Und das Publikum frisst ihr aus der Hand. «Genau», munkelts dort. «Stimmt», tönts verhalten da. Unreflektiert nickt es da und dort. Da braucht es keine Belege mehr, keine Fakten als Beweis, es ist so wie sie es sagt. Es ist so. Aber Momente später wiederholt Stämpfli: «Muss gut sein, was alle gut finden?» Frauen, ja auch Männer sollen ein Begehren nach unterschiedlichen Bildern entwickeln. Genauer hinschauen, «lustvolle Imagination» nennt es die Politologin apodiktisch: «Schauen Sie sich genauer an, wie die Welt Ihnen entgegenscheint. Jede Frau hat die Wahl gut auszusehen oder besser zu denken. Stattdessen aber bleiben Frauen lieber blind, blöd und hässlich.» Offenbar sei Lernen noch bedeutend mühsamer als Abnehmen. Dann erläutert die Referentin ein paar Beispiele aus Mode- und Pornoindustrie, dann war das Thema «Frauen» schon wieder beendet.

Spannend zu beobachten

Nein, nun doch nicht. Es sei schon erstaunlich, dass mehr Frauen zu einem Gynäkologen gingen, als Männer zu einer Urologin. Und was will uns Frau Doktor damit eigentlich sagen? «Das ist spannend zu beobachten.» Ob sie eitel sei, werde sie oft gefragt. Eine Antwort gibt sie nicht, rollt dafür in indirekter Rede ihren Kompetenzenkatalog aus: Sie spricht und unterrichtet in Deutsch, Englisch und Französisch, ist Dozentin, Journalistin, Kolumnistin, hat Homer in der Originalsprache gelesen und Hannah Arendt sozusagen in die heutige Zeit «übersetzt», ist Mutter und Bernerin, und und und. Nein, sie ist nicht eitel, aber auch nicht hässlich, wie sie sich gerne bezeichnet, sie ist auch keine Hexe, die zu verbrennen wäre, sie ist ganz einfach eine wache Zeitgenossin, die über vieles Bescheid wisse.

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